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21.01.2013

20:43 Uhr

Steigender Wettbewerb

Deutsche Börse erwartet turbulentes Jahr

Den Fusionsflop von vor einem Jahr hat die Deutsche Börse abgehakt. Nun wollen die Frankfurter im schärfer werdenden Wettbewerb der Handelsplätze auch künftig ganz vorne mitspielen – in Konkurrenz mit Asien und den USA.

Reto Francioni ist Chef der Deutschen Börse. Reuters

Reto Francioni ist Chef der Deutschen Börse.

Eschborn/FrankfurtDie Deutsche Börse stimmt auf ein weiteres turbulentes Jahr ein. „Die akuten Flächenbrände der Finanzkrise mit ihrem bisherigen Höhepunkt im Jahr 2008 und der nachfolgenden Euro-Schuldenkrise lodern zwar nicht mehr. Doch nach wie vor existieren hinreichend ernstzunehmende Glutherde, die weiter schwelen“, sagte Vorstandschef Reto Francioni beim Neujahrsempfang der Deutschen Börse AG am Montagabend in Eschborn. Eine Hypothek sei die Staatsverschuldung der USA.

Unter den Börsen erwartet Francioni weitere Fusionen, vor allem in Asien. Die Deutsche Börse wolle weltweit weiter ganz vorne mitspielen: „Ergo: Greifen wir an.“ Vor fast genau einem Jahr, am 1. Februar 2012, war der Plan eines Zusammenschlusses des Frankfurter Marktbetreibers mit der New Yorker Nyse Euronext am Widerstand der EU-Kommission gescheitert. Die Brüsseler Wettbewerbshüter befürchteten, dass in Europa ein Quasi-Monopolist im lukrativen Handel mit Derivaten, also Finanzwetten, entstehen würde. Das Kapitel sei abgeschlossen, bekräftigte Francioni.

Die Stärken und Schwächen der Deutschen Börse

Stärke: Striktes Kostenmanagement

Die Deutsche Börse zählt zu den äußerst sparsamen Dax-Konzernen. Dafür gab es in den vergangenen Jahren zwar nicht nur Lob, sondern vor allem Kritik. Etwa als sich das Management entschloss, den Firmensitz von Frankfurt in das benachbarte Eschborn zu verlegen, allein um Steuern zu sparen.

Stärke: Überdurchschnittlich effizient

Unterm Strich bleibt, dass die Deutsche Börse ihre Kosten deutlich besser im Griff hat als viele ihrer Konkurrentinnen. Allein im Zeitraum 2010 bis 2012 hat der Dax-Konzern rund 150 Millionen Euro eingespart. Durch die verschiedensten Sparmaßnahmen sind die Kosten der Deutschen Börse seit 2007 um insgesamt rund 13 Prozent gesunken.

Stärke: Kosten werden weiter gesenkt

Finanzchef Gregor Pottmeyer hat jüngst angekündigt, die Kosten noch weiter zu senken: "Im Rahmen von Einzelmaßnahmen, nicht unbedingt in Form eines spektakulären Programms", sagte er bei der Vorstellung des Jahresberichts. Die Zahl der Mitarbeiter soll nicht verringert werden.

Stärke: Großes Angebot

Die Deutsche Börse ist anders als viele Konkurrenten ein integrierter Handelsbetreiber. Das heißt, sie bietet sämtliche Dienstleistungen rund um den Börsenhandel an, also auch die Abwicklung, das sogenannte Clearing, sowie die Verwahrung der Wertpapiere.

Stärke: Rechtzeitig der Zukunft angepasst

Ihr kommt zugute, dass sie sich frühzeitig als Dienstleister positioniert hat, während viele andere, die Handelsplätze in New York und London beispielsweise, sich zu lange über den althergebrachten Aktienhandel definiert haben, der längst nicht mehr so lukrativ ist wie noch vor einem Jahrzehnt.

Stärke: Breites und solides Fundament

Die Deutsche Börse dagegen verfügt dank ihrer vier Geschäftsbereiche - dem Aktienhandel Xetra, ihrer Derivatebörse Eurex, der Abwicklungstochter Clearstream sowie dem Bereich Marktdaten und Analyse - über ein breites und deshalb solides Fundament. Der Plan von Konzernchef Reto Francioni sieht zudem vor, sich künftig noch stärker als IT-Spezialist zu positionieren und vor allem das externe IT-Geschäft auszubauen.

Schwäche: Fordernde Politiker

Es gibt Themen, die hören die Vorstände der Deutschen Börse gar nicht gerne: Die von vielen Politikern geforderte Finanztransaktionssteuer ist so eines - oder das generelle Verbot des Hochfrequenzhandels. Beides würde den Dax-Konzern schwer treffen.

Schwäche: Beste Kunden in Gefahr

Beim Hochfrequenzhandel versuchen die Beteiligten, in Bruchteilen von Sekunden selbst kleinste Kursunterschiede rund um den Globus zu nutzen. Diese Händler zählen zu den besten Kunden des Dax-Konzerns. In den vergangenen fünf Jahren ist ihr Anteil am Aktienhandel bei der Deutschen Börse Schätzungen zufolge von vier auf rund 40 Prozent gestiegen.

Schwäche: Hochfrequenzhandel zu wichtig

Der Dax-Konzern braucht seine Hochgeschwindigkeitskundschaft. Erst kürzlich ist eine Studie von der Universität Frankfurt erschienen, die zu dem Schluss kommt, dass der Hochfrequenzhandel nicht schädlich sei für die Märkte. Gesponsert wurde die Studie allerdings von der Deutschen Börse.

Schwäche: Hartnäckige Angreifer

Die neuen Angreifer, sogenannte Multilateral Trading Facilities (MTFs), machen der Deutschen Börse im Aktienhandel schwer zu schaffen. Nach der Liberalisierung des Wertpapierhandels in der EU nehmen diese alternativen Handelsplattformen den etablierten Börsen zunehmend Geschäft ab.

Schwäche: Anteile schrumpfen

Betrug der Anteil der Deutschen Börse am europäischen Aktienhandel 2008 noch mehr als 17 Prozent, ist er jetzt auf zwölf Prozent geschrumpft. Wo die Umsätze geblieben sind, zeigt ein Blick auf die Statistik der Angreifer Bats Europe und Chi-X, die mittlerweile zu einem Unternehmen zusammengewachsen sind. Ihr Anteil am europäischen Aktienhandel stieg in den vergangenen Jahren von etwa fünf Prozent auf gut 20 Prozent. Ein Trost für die Deutschen: Noch härter trifft der Aufschwung der Alternativplattformen die Konkurrentin in Großbritannien, die London Stock Exchange (LSE).


Wegen der Zusammenschlüsse in der Branche stellt die Deutsche Börse sich auf steigenden Wettbewerb ein. Auch in den USA würden viele Börsenbetreiber ihre Kräfte bündeln, sagte Francioni - und zitierte den ehemaligen deutschen Fußballnationaltrainer Berti Vogts: "Die Breite an der Spitze ist dichter geworden." Der angekündigte Kauf der New York Stock Exchange (Nyse) durch den US-Konkurrenten ICE habe Deutschlands größter Börsenbetreiber erwartet und sich darauf vorbereitet, erklärte Francioni. "Er bereitet uns keine schlaflosen Nächte, aber er zeigt deutlich: Wir dürfen und wir werden uns keine Minute ausruhen."

Die wichtigsten Fragen zum Börsenjahr 2013

Kann ich mit sicheren Anlagen die Inflationsrate schlagen?

Nein. Und das dürfte vorerst auch so bleiben, weil Zentralbanken und Regierungen die Zinsen unten halten. Nur so können sie vermeiden, dass Staaten von den Schulden erdrückt werden. Wer die Inflation schlagen will, muss begrenzt Risiken eingehen. Mit Aktien zum Beispiel.

Soll ich mein Eigenheim jetzt sanieren

Wann, wenn nicht jetzt? Zehnjähriges Baugeld gibt’s für 2,5 Prozent, von der staatlichen KfW für eine neue Heizung oder ein gedämmtes Dach sogar ab einem Prozent. Auch der Einsatz von Erspartem lohnt: Auf der Bank bringt es kaum Zinsen, und Investitionen für Dämmung und Heizung schützen gut vor Inflation. Die wird stark von Öl-, Gas- und Strompreisen getrieben. Und: Maßnahmen, die Erhalt und Modernisierung dienen, steigern den Wiederverkaufswert.

Fällt der Garantiezins meiner Lebensversicherung

Am Garantiezins aus alten Verträgen kann die Finanzaufsicht nur im Notfall rütteln. Wer neu abschließt, bekommt 1,75 Prozent auf Beiträge garantiert, nach Abzug von Provision und Kosten. Der Garantiezins orientiert sich an der Rendite von AAA-Anleihen im Schnitt der vergangenen zehn Jahre (zuletzt 3,7 Prozent). 60 Prozent davon können sich Versicherer als Garantiezins noch leisten – etwa 2,2 Prozent. Noch bleibt Luft.

Ist es Zeit, Schwarzgeld zu legalisieren?

Das Schweizer Bankgeheimnis ist praktisch erledigt, weitere Steuer- CDs können durchaus noch in die Hände der Finanzbehörden geraten. Und: Per Selbstanzeige kommen Steuerhinterzieher relativ milde davon. Das muss aber nicht so bleiben. Nebenbei: Was passiert, wenn Bürger ihre Steuern nicht zahlen, lässt sich in Griechenland besichtigen.

Soll ich mein Vermögen zu Lebzeiten schon verschenken?

Jedes Elternteil darf jedem Kind alle zehn Jahre bis zu 400.000 Euro steuerfrei schenken. Schön fürs Kind: Es bekommt das Elternhaus schon zu deren Lebzeiten und spart Steuern. Wer seine Villa nur steueroptimiert übertragen, aber selbst noch bewohnen will, sollte vorsichtshalber ein Nießbrauchsrecht eintragen lassen. Mit Kindern kann man sich zer- streiten, Verschenktes aber nur bei „grobem Undank“ zurückfordern. Die Hürden dafür aber sind hoch.

Ist mein Geld auf der Bank sicher?

Käme eine deutsche Bank oder Sparkasse in Schieflage, müssten zunächst die Einlagensicherungs-systeme der Geldhäuser die Sparer entschädigen. Doch klar ist: Bei Pleite einer sehr großen Bank oder einer Kettenreaktion wären die Töpfe schnell leer. Unabhängig davon garantiert daher seit Ende 2010 das Gesetz pro Kopf und Bank 100.000 Euro; wer mehr hat, sollte das Geld also auf mehrere Banken verteilen.

Droht ein Aktiencrash?

Eher nicht. Aktien sind, gemessen an der global schwachen Konjunktur und der Euro-Krise, zwar schon recht weit gelaufen. Und Aktienkurse zieht es nach unten, wenn die Wirtschaft darbt. Aber Investoren suchen Rendite. Sichere Staatsanleihen bringen zu wenig. Aktien solide geführter Konzerne mit guten Dividenden rentieren höher als Anleihen der Unternehmen. Wer Geld übrig hat, steckt einen Teil in solide Aktien.

Soll ich in Währungen außerhalb des Euro investieren?

Die goldene Regel heißt: Setze nie alles auf eine Karte. Das gilt auch für Währungen. Problem: Die Fluchtwährungen, allen voran der Schweizer Franken, sind schon sehr teuer. Ein paar norwegische, schwedische oder kanadische Staatsanleihen aber können Sie Ihrem Depot ruhig beimischen.

Wie sichere ich meine Kinder ab?

Indem Sie sicherstellen, dass sie etwas bekommen, wenn Ihnen etwas zustößt: Unerlässlich ist eine Risikolebensversicherung, für etwa 30 Euro monatlich gibt es im Todesfall 250 000 Euro. Dazu regelmäßig eine feste Summe ansparen, am besten in Aktien für ein Kinderdepot. Vorsichtige schließen noch eine Kinder-Invaliditätsversicherung ab, die greift weiter als eine Unfallpolice.

Soll ich jetzt Schulden machen?

Kredite sind billig, Konsum kurbelt die Wirtschaft an. Ist Ihr Job sicher, kaufen Sie sich was Schönes, viel Zinsen gibt es sowieso nicht. Bei Immobilien gilt: Auch Niedrigzins-Kredite müssen verlängert und zurückgezahlt werden. In zehn Jahren können die Zinsen viel höher sein. Wer zu wenig tilgt, ist bis zur Rente nicht schuldenfrei. Baukredite also nur so hoch ansetzen, dass Sie die Rückzahlung in einem vernünftigen Zeitraum stemmen können.

Soll ich meine Immobilie verkaufen?

Die Preise sind hoch, eigentlich ein guter Zeitpunkt. Aber die Euro-Krise ist nicht gelöst, Sachwerte bleiben gefragt. Wer verkaufen will, braucht vor allem aber einen Plan, wie er das Geld anlegt. Wer es nur auf dem Sparbuch parken möchte, sollte seine vermietete Wohnung behalten. Das gilt erst recht für das Eigenheim – so man sich wohl darin fühlt.

Soll ich Gold kaufen?

Im Zweifel ja. Wer Gold als Währung betrachtet, kann Papier immer in Edelmetall tauschen, egal, zu welchem Preis. So gesehen ist Gold das einzige Tauschmittel, das Inflation und Währungsreform überlebt hat. Wer davor Angst hat, kauft Gold – als Versicherung.

Gibt es sicheres Tagesgeld für mehr als zwei Prozent Zins?

Kaum. Solange die EZB Banken Geld für 0,75 Prozent gibt, müssen nur kapitalschwache Institute für zwei bis drei Prozent Geld sammeln. Oft greift dann nur die ausländische Einlagensicherung. Bei Pleiten wird es mühsam, an sein Geld zu kommen.

Soll ich in Oldtimer, Kunst, Uhren oder Wein investieren?

Klar doch, wenn Sie Spaß daran haben – und etwas davon verstehen. Die Angst vor Inflation treibt die Preise von Sachwerten, auch von schönen, nutzlosen, wie Cézanne und Mercedes SL. Aber Vorsicht: Laien werden von Experten übervorteilt. Lassen Sie sich unabhängig beraten, auch wenn das erst mal Geld kostet.

Die Deutsche Börse wolle in den kommenden Jahren vor allem auf neue Märkte setzen, betonte Francioni beim Neujahrempfang des Konzerns in Eschborn bei Frankfurt. "Das entscheidende Wachstum in unseren Märkten wird zukünftig nicht in Europa oder Nordamerika stattfinden, sondern in Asien und Lateinamerika." Die Deutsche Börse habe sich dort in den vergangenen zwölf Monaten massiv verstärkt und werde es weiter tun.

Francioni geht davon aus, dass die Konsolidierung der Branche auch in Asien weiter voranschreiten wird - "und wir täten gut daran, diese Entwicklung scharf im Auge zu behalten". Die Börsen in Tokio und Osaka haben fusioniert, die Handelsbetreiber in Hongkong, Shenzhen und Shanghai arbeiten enger zusammen.

Die größten Börsenunternehmen der Welt (Stand März 2013)

Platz 10

Chevron

Marktkapitalisierung: 231 Milliarden Dollar

Branche: Ölkonzern

Platz 9

Nestle

Marktkapitalisierung: 134 Milliarden Dollar

Branche: Konsumgüter

Platz 8

IBM

Marktkapitalisierung: 138 Milliarden Dollar

Branche: Technologie

Platz 7

Microsoft

Marktkapitalisierung: 240 Milliarden Dollar

Branche: Technologie

Platz 6

General Electric

Marktkapitalisierung: 240 Milliarden Dollar

Branche: Mischkonzern

Platz 5

Wal-Mart

Marktkapitalisierung: 247 Milliarden Dollar

Branche: Handel

Platz 4

PetroChina

Marktkapitalisierung: 255 Milliarden Dollar

Branche: Ölkonzern

Platz 3

Berkshire Hathaway

Marktkapitalisierung: 257 Milliarden Dollar

Branche: Investment

Platz 2

Exxon Mobil

Marktkapitalisierung: 403 Milliarden Dollar

Branche: Ölkonzern

Platz 1

Apple

Marktkapitalisierung: 415 Milliarden Dollar

Branche: Technologie

Berechnung

Der Börsenwert eines Unternehmens (Marktkapitalisierung) wird ermittelt indem man die Gesamtzahl der börsennotierten Aktien mit dem aktuellen Kurs der Aktie multipliziert. Aktien, die sich nicht im Streubesitz befinden werden dabei nicht berücksichtigt.

Am Beispiel von Apple heißt dies: 938.649.000 Aktien sind im Umlauf, der Kurs der Aktie betrug zum Stichtag der Analyse 425 Dollar. Ergebnis: Ein Börsenwert von rund 398,9 Milliarden Dollar.

Francioni selbst strebt - nach diversen gescheiterten Versuchen - keine Fusionen oder große Übernahmen mehr an. Nach der europäische Mehrländerbörse Euronext, die 2014 auf den Markt kommen könnte, will die Deutsche Börse ihre Fühler nicht ausstrecken, sagten mehrere mit dem Vorgang vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters.

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