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14.02.2012

11:54 Uhr

Stress bewältigen

Wie Sie das Beste aus Ihrem Gehirn machen

VonThorsten Giersch

Das menschliche Gehirn ist ein Wunder - aber es stößt angesichts der modernen Arbeitswelt immer wieder an Grenzen. Aber man kann die eigene Leistungsfähigkeit erhöhen, ohne allzu schnell zu ermüden.

Quelle: dpa

DüsseldorfEine Flut von Emails, immer wieder störende Telefonate. Ablenkungen. Zeitdruck. In der Arbeitswelt von heute wird dem menschlichen Gehirn mehr abverlangt denn je. Zu viel, wie die Statistiken zum Beispiel über Burnout zeigen.

David Rock schafft hier seit Jahren Abhilfe. Er berät Unternehmen und deren Mitarbeiter und zeigt, wie man sein Gehirn mit kleinen Hilfsmitteln zu höchster Effektivität bringt und dabei noch weniger ermüdet als bisher. David Rock ist Chef einer Beratungsfirma und beschäftigt sich seit Jahren mit der Übertragung neuro-wissenschaftlicher Erkenntnisse auf den Management-Alltag. 2006 gründete er das Neuro-Leadership Institute, das Seminare für Unternehmen anbietet. Nun ist auch in Deutschland sein Buch "Brain at Work. Intelligenter arbeiten, mehr erreichen" erschienen.

Das Buch ist trotz der komplizierten Materie sehr gut zu lesen. Das liegt vor allem an der Abwechslung durch die zwei Figuren, die Rock entwickelt hat: Das Ehepaar Paul und Emily erlebt in jedem Kapitel Alltagssituationen im Job. Zunächst scheitern sie an sich selbst. Dann erklärt Rock die jeweiligen Fehler, weil Paul oder Emily ihr Gehirn nicht optimal genutzt haben. Am Ende des Kapitels handeln die beiden dann richtig.

Zudem übertreibt es Rock nicht mit den wissenschaftlichen Ausdrücken, wird aber auch nicht oberflächlich. Die Mischung stimmt und daher gibt es nur sehr wenige Passagen, die man als langweilig bezeichnen und überblättern könnte.

Es folgen die wesentlichen Tipps, die David Rock in seinem Buch gibt - natürlich in stark verkürzter Form:

Teil 1: Probleme und Entscheidungen

Über einen längeren Zeitraum komplexe Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen, bringt unser Gehirn immer mehr an seine biologischen Grenzen. Grundsätzlich gilt: Die Fähigkeiten des präfrontalen Kortex als zentralen Teils des Gehirns sind begrenzt. Es ist wie bei den Finanzen: Man muss die Ausgaben streng kontrollieren.

So tickt unser Gehirn

Die richtigen Prioritäten setzen

Es gilt, Prioritäten zu setzen. So ändert Emily ihr Verhalten, nicht als erstes die Emails zu checken, sondern diese ruhen zu lassen und sich um einen wichtigen Vortrag zu kümmern. Und da kaum eine Tätigkeit das Gehirn mehr anstrengt als Prioritäten zu setzen, sollte man dies zuerst tun, bevor es zu müde geworden ist.

Durch Aufschreiben entlasten

Mit etwas Übung gelingt es, sich nicht komplexe Ideen zu merken, sondern stattdessen Bilder. Einfacher ist es, die Last im präfrontalen Kortex zu minimieren, indem man sich Dinge einfach aufschreibt. Was sich trivial anhört, wird laut Rock viel zu wenig getan, obwohl es enorme Auswirkungen hat. Alles, was sich das Gehirn nicht mehr merken muss, schafft Raum für neue Aufgaben.

Leistungsschub durch Glukose

Manchmal helfen auch Kleinigkeit: Studien zeigen, dass die Zuführung von Glukose hilft, die Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Der präfrontale Kortex verbraucht viel Energie. Traubenzucker und süße Getränke helfen also.

Die Erinnerungskraft steigern

Das Gehirn denkt in Blöcken. Ein Beispiel ist die Tatsache, dass sich die Menschen zum Beispiel Telefonnummern in Blöcken merken, also nicht 017057427920 sondern 0170 57 42 79 20. Dementsprechend rät Rock, sich den Arbeitsalltag oder die abzuarbeitenden Themen auch in Blöcke einzuteilen. Sinnvoll ist es, die Art der Tätigkeiten wenn möglich abwechselnd zu gestalten.

Geschickt Delegieren

Gerade für Führungskräfte ist Delegieren enorm wichtig. Doch dies effektiv ist zu, erfordert vom Gehirn großen Aufwand. Es ist daher sinnvoll, solche Überlegungen in einer Situation anzustellen, in der der Geist noch frisch und belastbar ist.

Wissen, was das eigene Gehirn leisten kann

Wer sein Gehirn kennt, kann es besser einsetzen: Es gleicht einer kleinen, engen Bühne, auf der nur vier Schauspieler Platz haben. Die Schauspieler sind die Dinge, mit denen Sie sich bewusst beschäftigen. Mehr als vier schaffen Sie nicht – und je weniger Schauspieler auf der Bühne sind, umso genauer können Sie Ihnen zusehen. Holen Sie sich also die richtigen Akteure nach vorn – und zwar einen nach dem anderen!

Warum Multitasking schadet

Über kaum eine Entwicklung schütteln Neurologen stärker den Kopf als über die Tatsache, dass Multitasking in der modernen Arbeitswelt als effektiv gilt. David Rock weiß: „Sogar das Hirn eines Harvard-Absolventen kann phasenweise den Stand eines Achtjährigen annehmen, wenn man es zwingt, zwei Dinge gleichzeitig zu tun.“ Also das Blackberry in Meetings lieber beiseite legen und Aufgaben stets hintereinander erldigen!

Routinen entwickeln

Es gibt viele Tätigkeiten im Alltag, die entweder vom präfrontalen Kortex oder von den Basalganglien erledigt werden. Das heißt, entweder muss man sich bewusst darauf konzentrieren, was Platz für wirklich komplexe Aufgaben nimmt, oder es geschieht als Routine „im Hinterkopf“. Versuchen Sie, solche sich wiederholenden Aufgaben ohne nennenswerten Aufwand unterbewusst zu erledigen!

Sich nicht ablenken lassen

Nicht zuletzt dank der neuen Kommunikationsformen nimmt die Zahl der Ablenkungen deutlich zu. Studien belegen, dass sie täglich 2,1 Stunden in Anspruch nehmen. David Rock rät daher dringend zur Selbstkontrolle. Er beschreibt, wie es durch Gehirn-Training gelingen kann, Ablenkungen rechtzeitig als unnötig zu erkennen und beim Wesentlichen zu bleiben.

Teil 2: Unter Druck gelassen bleiben

Im zweiten Teil widmet sich David Rock den schwierigen Situationen: Wenn im Büro Ruhe herrscht, ist es das eine. Doch wie bekommt man sein Gehirn dazu, auch in aufgewühlter Stimmung, in stressigen Momenten, ideal zu arbeiten?

Das richtige Maß an Erregung

Das Gehirn kennt drei Zustände im Hinblick auf das, was man Konzentrationsfähigkeit nennt: Unter-Erregung, das richtige Maß und Über-Erregung. In letzterem Fall sind wir zu aufgekratzt, so dass die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt wird. Solche Situationen sind durch Selbstdisziplin in den Griff zu bekommen. Schwieriger ist es bei der Unter-Erregung. Hier helfen zwei Methoden: An etwas Positives denken, damit der Ausstoß von Dopamin steigt. Oder an etwas Fürchterliches denken, um den Adrenalinpegel zu erhöhen. Viele Profiboxer stellen sich zum Beispiel vor, wie sie im Ring schwer verletzt werden, um ihre Wachsamkeit zu erhöhen und mehr „Lust“ auf Training zu haben.

Inwiefern Kaffee hilft

Im Falle einer Unter-Erregung ist Koffein bewiesenermaßen geeignet, um die Leistungsfähigkeit zu erhöhen – zumindest kurzfristig. Eine zusätzliche, dauerhafte Variante ist die Beschaffung von größeren Computerbildschirmen. Denn laut Studien helfen auch sie dem Gehirn auf die Sprünge.

Wie Sie kreativer werden

All diese Maßnahmen helfen, Prozesse zu managen. Doch das hat nichts damit zu tun, kreativer zu arbeiten, was in der modernen Arbeitswelt ja immer wichtiger wird. Wie bekommt man sein Gehirn dazu, quasi auf Knopfdruck von effektiv und kreativ umzusteuern? Es gilt das Klo-Prinzip: „Die besten Ideen kommen mir immer auf dem Klo“, sagen viele Menschen. Andere verweisen auf die Dusche. Das Gehirn ist in ruhigen Momenten kreativer, also eher im Moment einer Unter-Erregung. Ein Spaziergang wäre also theoretisch das Richtige. Rock erklärt, woran das liegt, weiß aber auch um die praktische Umsetzbarkeit. Daher rät er, zumindest eine möglichst angenehme Arbeitsumgebung zu schaffen.

Warum Erwartungen schaden

Eine positive Erwartungshaltung hat große Auswirkungen, denn sie verändert die Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten und unsere Wahrnehmung. Wer zu viel erwartet, wird zum einen leichter enttäuscht. Und zum anderen übersieht er die Dinge, die er nicht erwartet. Man wird betriebsblind und verschließt sich vor alternativen Lösungswegen. Hormonell gesehen gilt: Erwartungen, die nicht erfüllt werden, erzeugen eine Bedrohungsreaktion. Das Gehirn ist nun aber so programmiert, Bedrohungen zu vermeiden. Was tut es also: Es interpretiert die Ereignisse so, dass sie den Erwartungen entsprechen. Das führt zu einer falschen Sicht der Dinge und falschen Entscheidungen.

Seine Erwartungshaltung aufgeben

Es ist also wichtig, unerfüllte Erwartungen zu vermeiden. Das hört sich einfacher an, als es ist. Zwingen Sie sich, ihre Erwartungshaltung immer wieder herunterzuschrauben und ihren Erwartungen immer eine Nasenlänge voraus zu sein. Wenn es dafür zu spät, also wenn Sie eine „böse Überraschung“ erleben, bewerten Sie rasch die Situation neu und denken Sie daran, was Ihr Gehirn gerade merkwürdige Dinge mit dem Dopamin anstellt.

Teil 3: Zusammenarbeit mit anderen

Das Gehirn arbeitet nicht für sich allein, sondern interagiert mit der Umwelt. Was andere Menschen tun, führt unweigerlich zu Reaktionen in unserem Kopf. Das soziale Umfeld kann ein Quell großer Konflikte sein - gerade im Arbeitsleben. Im dritten Teil des Buches erklärt David Rock, was in solchen Situationen in unserem Gehirn passiert und wie wir reagieren sollten.

Teamarbeit zwingend notwendig

Die meisten Jobs erfordern heutzutage in hohem Maße die Fähigkeit, mit anderen zusammenzuarbeiten. Doch viele Menschen sind so mit sich und all der Technik beschäftigt, dass sie im Umgang mit anderen Menschen bisweilen überfordert sind. Es ist wichtig zu verstehen, wie unser Gehirn in Freund und Feind unterteilt. Rock erklärt, wie man dann Verbundenheit herstellt und mehr Freunde als Feinde erhält.

Fairness ist so wichtig wie Sex

Fairness kann eine größere Belohnung darstellen als Geld. Unser Gehirn denkt ständig in der Kategorie gerecht und ungerecht. Es verbraucht enorme Kapazitäten, Vorkommnisse zu verarbeiten, wenn man ungerecht behandelt wird. Je mehr Sie das Gefühl haben, fair behandelt zu werden, desto größer sind die Ausschüttungen von Dopami nun Serotonin.

Ungerechtigkeit nicht straffrei durchgehen lassen

Es ist für Chefs also extrem wichtig, dass die Mitarbeiter das Gefühl haben, fair behandelt zu werden. Der Coach David Rock weiß aus Erfahrung, dass dieser Punkt sehr oft unterschätzt wird. Dabei ist es zum einen zwingend nötig, sich in die Kollegen hineinzuversetzen, um ihre Sicht der Dinge zu verstehen. Wenn man aber zu dem Urteil gekommen ist, dass es Ungerechtigkeiten gab, darf man sie als Chef und Kollege nicht straffrei durchgehen lassen.

Belohnung durch Schadenfreude

Dem Gehirn ist der persönliche Status sehr wichtig. Denn der ist eine sogenannte „Primärbelohnung“. In unserem Kopf zwitschern die Vögel, wenn wir im Vergleich zu anderen Menschen besser dastehen. Umgekehrt ist deswegen das Gefühl der Schadenfreude so stark: Studien belegen, dass zig Schaltkreise aktiviert werden, wenn Menschen merken, dass es anderen schlechter geht als ihnen.

Der Kampf um den Status

Viele Unternehmen etablieren komplexe Hierachien, um diese Bedeutung des Statusgefühls als Motivationsspritze zu gebrauchen. Das hat natürlich auch Nachteile: Viele Konflikte entstehen, wenn Kollegen ihren Status bedroht sehen. Rock rät, sehr bewusst mit diesen Bedrohungen umzugehen, sich also klar zu machen, was gerade passiert und die Situation im Zweifel neu zu bewerten, um entspannter mit ihr umgehen zu können.

Statuskrampf in Meetings

Wer sich mal ein Video von einem durchschnittlichen Meeting angeschaut hat, erkennt rasch einen enorm hohen Prozentsatz an Äußerungen, die nur den Zweck haben, den eigenen Status zu erhalten oder zu fördern. Vermeiden Sie das Gefühl, dass jeder Kollege eine potenzielle Bedrohung ist! Machen Sie sich (und Ihrem Gehirn) klar, dass Ihr Status hoch ist. Im Zweifel suchen Sie sich eine Nische, in der Sie sich den anderen „überlegen“ fühlen. Anders herum können Sie Statusbedrohungen auch dadurch reduzieren, indem Sie Kollegen positives Feedback geben.

Bibliografie:

David Rock

Brain at Work. Intelligenter arbeiten, mehr erreichen

Campus Verlag, Frankfurt am Main 2011

330 Seiten

Kommentare (3)

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Mitbuerger

14.02.2012, 12:44 Uhr

Immer mehr, immer weiter, wohin soll das führen ? Soll das der Sinn des Lebens sein ? Dieser "Leistungsgesellschaft" bin ich längst überdrüssig.

Account gelöscht!

14.02.2012, 14:58 Uhr

No brain @ work here. Wenn Sie Ihre Leser weiter so unterfordern, ist es kein Wunder, dass intelligente Nutzer sich woanders informieren. Schade, dass aus dem Autorenhirn nicht mehr zu machen war.

Demokrit

17.02.2012, 11:26 Uhr

Ich kann die Kommentare meiner Vorkritiker absolut nicht nachvollziehen - scheinbar sehr kluge Menschen, die bestens organisiert sind. Ich werde das Buch unbedingt lesen (ich bin weder ein Freund von Tschakka-Ratgebern noch von Büchern über die riesigen Chancen der neuen digitalen Gesellschaft), denn es erscheint mir sehr plausibel und realitätsnah geschrieben.

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