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29.08.2015

18:08 Uhr

Stress, Hektik und keine Ruhe

Der Kampf gegen die Zeitknappheit

VonThorsten Giersch

Noch nie haben die Menschen mehr Freizeit gehabt. Und noch nie hatten sie gefühlt weniger Zeit für sich. Warten, Muße, Ruhe – Fehlanzeige! Wer aus der Mühle herauskommen will, muss Ungewöhnliches wagen. Ein Plädoyer.

Der Metapher vom „Menschen als Uhrwerk“ gelang ein Siegeszug. Charlie Chaplin parodierte es 1936 in seinem Film „Modern Times“. Warner Home Video

Der Mensch als Teil der Maschine

Der Metapher vom „Menschen als Uhrwerk“ gelang ein Siegeszug. Charlie Chaplin parodierte es 1936 in seinem Film „Modern Times“.

DüsseldorfSchon beim ersten Mord der Geschichte ging es darum, wie ein Mensch seine Zeit verbringt: Der vom mühseligen Ackerbau geplagte Kain erschlägt seinen Bruder Abel, den müßiggängerischen Hirten. Der zornige Gott schickt Kain in die Diaspora: „Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein“, heißt es in der Bibel bei Genesis 4, 12. So kam die Unruhe in das Leben der Menschen.

Doch es dauerte noch ein paar Jahrhunderte, bis der Mensch sich dem Diktat der Zeit vollends unterordnete: Mit der Erfindung der Uhr begann eine Epoche, die den Namen „Moderne“ bekommen hat. War der Lebensrhythmus bisher bestimmt von der Natur, nahm der Mensch die zeitlichen Abläufe nun selbst in die Hand und erschuf sich die Illusion grenzenloser Planbarkeit. Dem Dichter Friedrich Hölderlin gelang es, den Menschen dieser Ära im Schwellenjahr 1800 mit vier kurzen Worten ein allzu passendes Motto entgegenzurufen: „So eile denn zufrieden.“ Das Leben wird sich dramatisch beschleunigen, ahnte Hölderlin hellseherisch voraus. Und der Mensch wird dies sogar bejahen, obwohl es sein Leben nicht angenehmer macht.

Heute kaum vorstellbar, dass gerade die effiziente Exportnation Japan erst deutlich später die Uhr „geschenkt“ bekam. Wie so vieles in dieser Ära importierten sie von den Europäern auch das Zeitsystem. Bis 1871 gab es im Japanischen nicht mal ein Wort für „Zeit“. Dort wie auch in Europa und anderswo hat die Erfindung der Uhr etwas grundlegend anderes aus dem Menschen gemacht. So ätzte der Schriftsteller Kurt Tucholsky 1919: „Dieses Tempo, diese irrsinnige preußische Art, sich das Leben kaputtzumachen. Anderswo wird auch gearbeitet, und sicherlich so intensiv wie bei uns – aber man macht nicht solchen Salat daraus.“  

Wann wir unsere beste Phase haben

Der Tiefpunkt

Gegen vier Uhr früh ist der Körper am wenigsten leistungsfähig. Starker Schlafdruck lastet auf denen, die arbeiten müssen. Man neigt zum Frösteln, weil die Körpertemperatur niedriger ist.

Der Morgen

Die Aktivität wurde aufgenommen. Die Nebennieren schütten das Hormon Cortisol aus. Der Kreislauf kommt auf Touren, nur die Lunge ist leistungsschwach wie sonst nie wieder an einem Tag.

Der Tagesbeginn

Für Herzkranke die gefährlichste Zeit des Tages. Der Blutdruck steigt rasant an.

Später Vormittag

Menschen haben jetzt den Zenit ihrer Leistungsfähigkeit erreicht. Denkvermögen, Kreativität und Konzentration sind auf Top-Niveau.

Mittag

Nach dem Essen braucht der gefüllte Magen große Mengen an Blut für die Verdauung – so dass weniger für das Gehirn übrig ist. Die Leistungsfähigkeit baut stark ab.

Nachmittag

Idealerweise nach einem Mittagsschlaf, aber auch ohne, kommt der Körper wieder auf Touren. Das Schmerzempfinden ist zu dieser Zeit am geringsten.

Spätnachmittag

Das zweite Leistungshoch: Die Konzentration ist sehr hoch, wenn auch nicht ganz so stark wie am späten Vormittag. Das Langzeitgedächtnis funktioniert jetzt besonders gut.

Früher Abend

Viele Körperfunktionen wie Blutdruck und Körpertemperatur erreichen nun ihren Tagesbestwert. Die Leber arbeitet auf Hochtouren und produziert mehr Gift abbauende Enzyme. Also wenn schon Alkohol, dann um diese Uhrzeit!

Später Abend

Der Körper reduziert seine Aktivität. Die Zirbeldrüse schüttet das müde machende Hormon Melatonin aus.

Die Nacht

Der Körper entspannt und regeneriert sich. Das Gehirn arbeitet weiter – nur anders: wir träumen. Erinnerungen werden vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis verschoben.

Lerche oder Eule?

Es gibt individuelle Abweichungen. Frühmenschen (Eulen) sind morgens besonders fit; die Lerchen eher am Abend und nachts. Wer wissen will, wozu er gehört, kann einen Fragebogen beim Institut für medizinische Psychologie der Uni München ausfüllen.

Seit Tucholsky hat sich die Lebenserwartung beinahe verdoppelt und von einer 38-Stunden-Woche konnten Arbeiter damals nur träumen. Dennoch erleben wir heute Zeitknappheit mehr denn je, fühlen uns gehetzt und gestresst. Zur Schau gestellte Zeitnot suggeriert, dass man zu den Leistungsträgern der Gesellschaft gehört. Wer immer Zeit hat, gilt schnell als Loser. Die Sucht nach Effizienz wirkt pathologisch. Und viele von uns wissen gar nicht, wie wir da reingeraten sind.

Wer da rauskommen und wieder Herr über seine Zeit werden will, muss mehr tun, als auf Ratschläge von selbst ernannten Zeitmanagern zu hören. Es gehört reichlich Selbstdisziplin dazu, das Warten wieder zu lernen, sich reizfreie Momente zu schaffen und sich Mußestunden zu erlauben. Denn auch die Freizeit gestalten wir mit Kalender und Uhr. Freie Zeit ist selten und vielleicht ist es vielen Menschen sogar unangenehm, sich in Mußestunden mit sich selbst und dem eigenen Leben zu beschäftigen: „In dem vergeblichen Bemühen, diese Leere mit Amüsement und Zerstreuung zu füllen, wird das Leben kurz“, schreibt der Philosoph Ralf Konersmann in seinem aktuellen, höchst beachtenswerten Buch „Die Unruhe der Welt“. Hier erklärt der erfolgreiche Publizist, wie der Drang zum ständigen Wandel in die Menschheit kam und warum vor allem die Europäer die Unruhe als ihr Schicksal erkannt und sogar bejaht haben.

Unser heutiger Sprachgebrauch spiegelt unser Denken wider: Wir sparen Zeit, managen sie, verlieren sie, investieren sie oder schlagen sie gleich tot. Und wir beschleunigen die Zeit: Wir verbrauchen Energievorräte, die über Jahrmillionen gebildet wurden, in wenigen Jahrzehnten. Wir reduzieren die Artenvielfalt, für die die Evolution gewaltige Zeit brauchte, ebenfalls mit Rekordtempo. Staaten bauen in Monaten Schuldenstände auf, die in Jahrzehnten nicht abzuzahlen sind. Es gilt der Begriff des Schriftstellers Alexander Kluge vom „Angriff der Gegenwart auf den Rest der Zeit“.

Kommentare (1)

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Herr Lothar Bitschnau

01.09.2015, 13:51 Uhr

... so viele wertvolle Denkanstöße für das wahre Leben.
Super ! Danke !

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