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07.11.2011

18:34 Uhr

Teldafax

Ex-Chef Josten vor Ablauf seiner Strafe frei

VonSönke Iwersen, Jürgen Flauger

ExklusivDer ehemalige Chef von Teldafax, Michael Josten, ist wieder auf freiem Fuß. Er wurde nach weniger als zwei Dritteln seiner Haftstrafe wieder entlassen. Er war 2007 wegen Untreue in 176 Fällen verurteilt worden.

Die Teldafax-Zentrale in Troisdorf bei Bonn. dpa

Die Teldafax-Zentrale in Troisdorf bei Bonn.

DüsseldorfDer ehemalige Vorstandchef und Aufsichtsrat von Teldafax, Michael Josten, ist auf freiem Fuß. Wie die Staatsanwaltschaft Mannheim dem Handelsblatt (Dienstagausgabe) auf Anfrage bestätigte, wurde Josten nach weniger als zwei Dritteln seiner Gefängnisstrafe aus der Justizvollzugsanstalt Waldshut-Tiengen (Baden-Württemberg) entlassen. „Das Oberlandesgericht Karlsruhe hat entschieden, dass bei Herrn Josten eine günstige Sozialprognose vorliegt“, sagt Oberstaatsanwältin Christina Arnold in Mannheim. Dies habe die Entlassung auf Bewährung gerechtfertigt.

Josten, der ehemalige Vorstandschef und spätere Aufsichtsrat von Teldafax war im März 2007 wegen Untreue in 176 Fällen und Gläubigerbegünstigung bei der Secur-Finanz-Gruppe zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Laut dem Urteil des Landgerichts Mannheim brachte Josten Tausende von Immobilienanlegern mit einem Schneeballsystem um ihr Geld. Die Richter bescheinigten dem ehemaligen Schatzmeister der CDU Sachsen-Anhalt „eine erhebliche kriminelle Energie“. Außerdem vermerkten sie bei ihm „eine besonders habgierige Gesinnung“.

Chronologie der Teldafax-Pleite

1998: "Telefon, Daten, Fax"

Mit der Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes 1998 bietet der Marburger Dienstleister Teldafax ("Telefon, Daten, Fax") über die Billigvorwahl 01030 günstige Telefongespräche an. Nur wenige Jahre später gerät das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. Rund 90 Millionen Mark schuldet Teldafax damals dem Bonner Telekom-Konzern, dessen Leitungen die Marburger mieten mussten. Es folgt die Abschaltung der Billigvorwahl durch die Telekom und die darauf folgende Abwanderung von Kunden ist das Aus: Wegen drohender Zahlungsunfähigkeit stellt das Unternehmen im April 2001 einen Insolvenzantrag. Im Zuge des Insolvenzverfahrens kauft dann eine Schweizer Investorengruppe das Unternehmen.

2002: Die Teldafax GmbH entsteht

Im Jahr 2002 wird das Unternehmen mit dem Firmennamen "oneVoice Communication" gegründet, das ein Jahr später den Markennamen "Teldafax" des Vorgängers übernimmt, ohne dessen Rechtsnachfolger zu werden. Es resultiert die "Teldafax GmbH".

2007: Das Geschäft mit dem Strom

Nach vielen Umstrukturierungen entsteht 2006 schließlich unter der "Teldafax Holding AG", die inzwischen mehrere Tochtergesellschaften umfasst, die "Teldafax Energy GmbH", die ab 2007 aktiv im bundesweiten Stromgeschäft tätig ist. Ab Juni 2008 bietet das Unternehmen auch Erdgas an.

2008: Risse in der Fassade

Der Billiganbieter wird von Kunden geradezu überrannt. Kein Wunder: Teldafax liegt mit seinen Angeboten teils 40 Prozent unter den Preisen des örtlichen Platzhirschs. So macht der Anbieter den großen vier - RWE, Eon, Vattenfall und EnBW - heftige Konkurrenz. Doch schon ein Jahr nach dem Markteintritt zeigen sich bedrohliche Risse in der Fassade von Teldafax. Bei den Verbraucherschutzzentralen häuen sich die Beschwerden über fehlerhafte Abrechnungen, wahllose Abbuchungen und stures Abblocken von Reklamationen. Das Unternehmen reagiert gelassen. Die Probleme seien Einzelfälle, die allermeisten Kunden von Teldafax seien hochzufrieden.

2010: Schneeballsystem führt zur Überschuldung

Teldafax verwaltet nach eigenen Angaben im 1. Quartal 2008 bereits 400.000 Aufträge. Ende 2009 sollen es knapp 500.000 Kunden sein. Doch die Verluste wachsen ebenfalls. Nur dank immer neuer Kunden, denen eine Vorauszahlung von bis zu 1.000 Euro abverlangt wird, kann Teldafax einen halbwegs geordneten Geschäftsbetrieb aufrechterhalten. Ende Oktober 2010 berichtet das Handelsblatt, dass der Stromanbieter überschuldet ist. Grund für die schwere Schieflage ist offenbar das Geschäftsmodell der Firma.

2010: Chaotische Zustände & Investoren

Doch die Beschwerden rissen nicht ab, immer wieder gab es Berichte über geprellte Teldafax-Kunden. Das Unternehmen wies 2010 alle Vorwürfe von sich und verbreitete trotz offensichtlicher Schieflage weiter Erfolgsmeldungen. So gelang es, im November 2010 russische Investoren zu gewinnen, die rund 50 Millionen Euro in das Unternehmen pumpten. Im März 2011 gab das Unternehmen die mehrheitliche Übernahme durch die beiden Investoren CPA Invest AG und Sigma Citation Capital Strategies bekannt.

2011: Höptner schmeißt hin

Im Mai 2011 meldet Teldafax einen Wechsel an der Spitze. Der Sanierer Hans-Gerd Höptner, erst seit März im Amt, schmeißt hin. Allein in den vergangenen vier Monaten hat das Unternehmen zwischen 150.000 und 200.000 Kunden verloren, weil es seine Rechnungen bei den Netzbetreibern nicht mehr bezahlen konnte. Der 69-jährige Höptner hatte Anfang März das Ruder übernommen, um das Unternehmen aus der dramatischen Schieflage zu bringen und eine drohende Insolvenz abzuwenden. Seine Strategie: Neue Kunden werben - mit höheren Preisen. "Discounter-Tarife, die nicht kostendeckend sind, wird es von uns in Zukunft nicht mehr geben", kündigte Höptner damals an. Seither aber schrumpft Teldafax dramatisch.

2011: Teldafax kappt die Stromleitungen

Teldafax meldet am 14. Juni Insolvenz an und setzt darauf die Belieferung der Kunden mit Strom und Gas aus.

2011: Razzia in Troisdorf

Erst kam der Insolvenzverwalter, dann die Kriminalbeamten. Mit einem Großaufgebot hat die Staatsanwaltschaft Bonn Ende Juni die Geschäftsräume von Teldafax durchsucht. Die Vorwürfe wiegen schwer. „Es besteht der Verdacht, dass Teldafax eine Vielzahl von Neukunden warb, um mit deren Vorauszahlungen bestehende Liquiditätslücken zu decken“, sagt die Staatsanwaltschaft Bonn. Umgangssprachlich nennt man ein solches Modell ein Schneeballsystem.

2011: Das Insolvenzverfahren beginnt

Für den zahlungsunfähigen Energie-Billiganbieter Teldafax beginnt am 01. September 2011 das Insolvenzverfahren: Nach Angaben des Bonner Amtsgerichts wäre es mit bis zu 750.000 Gläubigern wahrscheinlich das größte Verfahren dieser Art in Deutschland.

Trotz des harten Urteils gelang es Josten, seine Inhaftierung mehr als drei Jahre zu verzögern. Durch Beschwerden und Gnadengesuche entzog er sich dem Zugriff der Behörden. Als es gar nicht mehr anders ging, verlegte er seinen Wohnsitz in die Schweiz. Er blieb nach seiner Verurteilung noch monatelang Vorstandschef von Teldafax, wechselte dann in den Aufsichtsrat und drehte das nächste große Rad. Erst 2010 kam Josten hinter Gitter, wurde aber schnell Freigänger – und sprach sich weiter eng mit dem Teldafax-Vorstand über die Zukunft des Unternehmens ab.

Im Juni 2011 brach Teldafax völlig überschuldet zusammen. Der Insolvenzverwalter Biner Bähr stellte wenige Tage nach seinem Antritt den Geschäftsbetrieb ein. Für den morgigen Dienstag hat Bähr die 700.000 Gläubiger von Teldafax zur Gläubigerversammlung auf das Kölner Messegelände eingeladen.

Kommentare (6)

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07.11.2011, 19:07 Uhr

ein ehemaliger Schatzmeister der CDU Sachsen-Alhalt scheint eine besonders schutzwürdige Art Mensch zu sein, oder?

Koboldo

07.11.2011, 19:59 Uhr

Für mich ist Josten ein schlimmer Krimineller. Mir tun alle Opfer leid, die mitansehen müssen, wie der nun seine Freiheit genießen kann. Das Verhalten der Justiz macht maßlos misstrauisch

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07.11.2011, 20:22 Uhr

Klar hat der eine günstige Sozialprognose, denn er wird jetzt sich arbeiten gehen um die 700.000 Gläubiger zu bezahlen.....!?

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