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19.04.2013

15:46 Uhr

Teldafax und Fußball

Ein Leverkusen-Trikot für Diktator Lukaschenko

VonJürgen Flauger, Sönke Iwersen

Das Image-Desaster für Bayer 04 Leverkusen weitet sich aus. Interne Dokumente zeigen: Der Völler-Klub machte nicht nur Werbung für den Skandalanbieter Teldafax, sondern gab sich auch als Lockvogel für Investoren her.

Werbeplakat mit Völler an der ehemaligen Teldafax-Zentrale 2011: Das Verhältnis zwischen Teldafax und Bayer Leverkusen wird derzeit vor Gericht beendet. dapd

Werbeplakat mit Völler an der ehemaligen Teldafax-Zentrale 2011: Das Verhältnis zwischen Teldafax und Bayer Leverkusen wird derzeit vor Gericht beendet.

LeverkusenDie Beziehung des Fußballbundesligisten Bayer 04 Leverkusen und des inzwischen untergegangenen Billigstromanbieters Teldafax ging tiefer als bisher bekannt. Das Handelsblatt berichtete am Freitag exklusiv in seiner neuen App Handelsblatt Live, dass Bayer 04 Leverkusen eine zentrale Rolle spielte bei den Versuchen der Teldafax-Führung, das Unternehmen für einen dreistelligen Millionenbetrag an osteuropäische Investoren zu verkaufen, bevor der marode Zustand des Stromdiscounters öffentlich bekannt wurde. Besonderen Wert legten die Geschäftspartner dabei auf einen Mann: Rudi Völler.

Zur Anbahnung von Kontakten nutzte Teldafax die Bekanntheit seines Werbepartners geschickt aus. Bayer 04 veranstaltete Freundschaftsspiele an von Teldafax vorgegebenen Orten. Im Umfeld dieser Spiele fanden dann Gespräche mit Investoren statt. Ein Schriftwechsel belegt, dass die Osteuropäer sich begeistert über den Besuch von Bayer 04 Leverkusen und besonders auch vom ehemaligen Fußball-Weltmeister Rudi Völler zeigten. Leverkusens Sportdirektor Völler reiste zu diesen Anlässen mit.

Chronologie Teldafax & Bayer 04

August 2007

Die Partnerschaft zwischen Teldafax und Bayer 04 Leverkusen beginnt. Teldafax zahlt Leverkusen durchschnittlich rund sechs Millionen Euro pro Saison. Geschäftsführer Holzhäuser sagt: „Wir haben eine junge und ausbaufähige Mannschaft und Teldafax ist ein aufstrebendes Unternehmen mit einem pfiffigen Geschäftsmodell in einem modernen Marktsegment. Dies verbindet uns.“

April 2009

Teldafax verlängert den Sponsoringvertrag mit Bayer Leverkusen, der noch bis zum 30. Juni 2010 läuft, vorzeitig um drei weitere Jahre.

September 2009

Teldafax beauftragt die Rechtanwaltskanzlei Görg mit der Erstellung eines „Unternehmensstatus unter insolvenzrechtlichen Aspekten.“ Die Kanzlei Görg empfiehlt dem Teldafax-Vorstand, „im Moment – da die Insolvenzreife des Konzerns – mit hoher Wahrscheinlichkeit (ggf. schon länger) gegeben ist, alle Zahlungen zu stoppen, es sei denn, die Nichtzahlung würde zu einem sofortigen Zusammenbruch des Geschäftsbetriebs führen. Leisten Sie dennoch Zahlungen an einzelne Gläubiger in Kenntnis der Insolvenzreife, machen Sie sich als Vorstand/Geschäftsführer schadenersatzpflichtig.“

Herbst 2009

17. September 2009

Eine Teldafax-Delegation um Marketing-Chefin Claudia Nowak besucht Bayer 04 Leverkusen und erklärt Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser, dass Teldafax seine Sponsoringraten nicht zahlen kann. Teldafax bittet um eine Stundung.

12. Oktober 2009

Rechtsanwaltskanzlei Görg schreibt einen letzten Brief an den Teldafax-Vorstand: „Sofern Sie noch bei einer eventuellen Antragsstellung gegenüber dem Insolvenzgericht Hilfestellung benötigen, stehen wir hierfür gern zu Verfügung.“

14. Oktober 2009

Bayer 04-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser schreibt an Teldafax und beschwert sich, dass die Bedingungen aus der ersten Stundungsvereinbarung von Teldafax nicht eingehalten wurden. Er fordert die Zahlung der vereinbarten Sponsoringraten. Teldafax zahlt. Außerdem wird vereinbart, dass Bayer kündigen kann, wenn Teldafax künftig in Verzug gerät. Teldafax muss dann laut Ergänzungsvertrag 6,4 Millionen Euro Vertragsstrafe zahlen.

Juli 2010

1. Juli 2010

Teldafax kann die Halbjahresrate in Höhe von 3,9 Millionen Euro für das Sponsoring von Bayer 04 Leverkusen für die Hinrunde der Fußball-Bundesliga 2010/2011 nicht zahlen.

17. Juli 2010

Teldafax und Bayer 04 Leverkusen schließen eine erneute Stundungsvereinbarung. Teldafax darf die Forderungen des Fußballligisten monatlich abstottern.

Herbst 2010

20. Oktober 2010

Das Handelsblatt berichtet, dass Teldafax einem Schneeballsystem gleiche und von einem verurteilten Anlagebetrüger aus dem Gefängnis heraus gesteuert wird.

21. Oktober 2010

Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser lobt Teldafax für die gute Zusammenarbeit mit Bayer und betont, Bayer wolle bis 2013 Partner von Teldafax bleiben. Rudi Völler sagt: „Teldafax bleibt auf unserer Brust!“

29. November 2010

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf leitet ein Ermittlungsverfahren gegen Führungskräfte von Teldafax ein.

Frühjahr 2011

10. März 2011

Wolfgang Holzhäuser schreibt einen Brief an die neuen Teldafax-Gesellschafter Sigma Citation Strategies und CPA Invest, in dem er auf eine Klausel im Vertrag mit Teldafax hinweist. Bei einem Eigentümerwechsel habe Bayer 04 Leverkusen nämlich die Option, aus dem Vertrag auszusteigen. Außerdem werde die noch ausstehende Sponsoringsumme von 1,6 Millionen Euro für die Saison 2010/11 sofort fällig.

12. April 2011

Das Hauptzollamt Köln entzieht Teldafax die Erlaubnis zur Leistung als Stromversorger.

14. Juni 2011

Teldafax stellt einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Bonn.

April 2013

Bayer Leverkusen weigert sich seit eineinhalb Jahren, die kassierten Millionen zurückzuzahlen. Der Teldafax-Insolvenzverwalter Biner Bähr reicht deshalb beim Landgericht Köln eine Klage über 16 Millionen Euro plus Zinsen ein.

Die Unterlagen zeigen pikante Details. So reisten Bayer 04 und Teldafax am 19. Juli 2008 nach Minsk – mit einem besonderen Geschenk für den weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenko im Gepäck. Am Rande des Freundschaftsspiels gegen den Landesmeister FC Minsk überreichte die Teldafax-Delegation dem Gewaltherrscher ein Bayer-Trikot mit dem Namen Lukaschenko, Größe XXL. Bayer spielte an diesem Tag diplomatisch 2:2.Die Gespräche in Weißrussland scheiterten. Mehr Erfolg hatte Teldafax zwei Jahre später. Im November 2010 willigte der russische Stromanbieter Energo Stream ein, bei den Deutschen einzusteigen. Zunächst flossen 30 Millionen Euro. Verhandlungsunterlagen zeigen, dass Teldafax auch diesmal besonders herausstrich, mit Bayer 04 Leverkusen einen ganz besonderen Werbepartner zu haben. Sogar ein Bild von Rudi Völler ist zu sehen. In den folgenden Monaten flossen weitere 85 Millionen Euro von Russland nach Deutschland.

Chronologie der Teldafax-Pleite

1998: "Telefon, Daten, Fax"

Mit der Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes 1998 bietet der Marburger Dienstleister Teldafax ("Telefon, Daten, Fax") über die Billigvorwahl 01030 günstige Telefongespräche an. Nur wenige Jahre später gerät das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. Rund 90 Millionen Mark schuldet Teldafax damals dem Bonner Telekom-Konzern, dessen Leitungen die Marburger mieten mussten. Es folgt die Abschaltung der Billigvorwahl durch die Telekom und die darauf folgende Abwanderung von Kunden ist das Aus: Wegen drohender Zahlungsunfähigkeit stellt das Unternehmen im April 2001 einen Insolvenzantrag. Im Zuge des Insolvenzverfahrens kauft dann eine Schweizer Investorengruppe das Unternehmen.

2002: Die Teldafax GmbH entsteht

Im Jahr 2002 wird das Unternehmen mit dem Firmennamen "oneVoice Communication" gegründet, das ein Jahr später den Markennamen "Teldafax" des Vorgängers übernimmt, ohne dessen Rechtsnachfolger zu werden. Es resultiert die "Teldafax GmbH".

2007: Das Geschäft mit dem Strom

Nach vielen Umstrukturierungen entsteht 2006 schließlich unter der "Teldafax Holding AG", die inzwischen mehrere Tochtergesellschaften umfasst, die "Teldafax Energy GmbH", die ab 2007 aktiv im bundesweiten Stromgeschäft tätig ist. Ab Juni 2008 bietet das Unternehmen auch Erdgas an.

2008: Risse in der Fassade

Der Billiganbieter wird von Kunden geradezu überrannt. Kein Wunder: Teldafax liegt mit seinen Angeboten teils 40 Prozent unter den Preisen des örtlichen Platzhirschs. So macht der Anbieter den großen vier - RWE, Eon, Vattenfall und EnBW - heftige Konkurrenz. Doch schon ein Jahr nach dem Markteintritt zeigen sich bedrohliche Risse in der Fassade von Teldafax. Bei den Verbraucherschutzzentralen häuen sich die Beschwerden über fehlerhafte Abrechnungen, wahllose Abbuchungen und stures Abblocken von Reklamationen. Das Unternehmen reagiert gelassen. Die Probleme seien Einzelfälle, die allermeisten Kunden von Teldafax seien hochzufrieden.

2010: Schneeballsystem führt zur Überschuldung

Teldafax verwaltet nach eigenen Angaben im 1. Quartal 2008 bereits 400.000 Aufträge. Ende 2009 sollen es knapp 500.000 Kunden sein. Doch die Verluste wachsen ebenfalls. Nur dank immer neuer Kunden, denen eine Vorauszahlung von bis zu 1.000 Euro abverlangt wird, kann Teldafax einen halbwegs geordneten Geschäftsbetrieb aufrechterhalten. Ende Oktober 2010 berichtet das Handelsblatt, dass der Stromanbieter überschuldet ist. Grund für die schwere Schieflage ist offenbar das Geschäftsmodell der Firma.

2010: Chaotische Zustände & Investoren

Doch die Beschwerden rissen nicht ab, immer wieder gab es Berichte über geprellte Teldafax-Kunden. Das Unternehmen wies 2010 alle Vorwürfe von sich und verbreitete trotz offensichtlicher Schieflage weiter Erfolgsmeldungen. So gelang es, im November 2010 russische Investoren zu gewinnen, die rund 50 Millionen Euro in das Unternehmen pumpten. Im März 2011 gab das Unternehmen die mehrheitliche Übernahme durch die beiden Investoren CPA Invest AG und Sigma Citation Capital Strategies bekannt.

2011: Höptner schmeißt hin

Im Mai 2011 meldet Teldafax einen Wechsel an der Spitze. Der Sanierer Hans-Gerd Höptner, erst seit März im Amt, schmeißt hin. Allein in den vergangenen vier Monaten hat das Unternehmen zwischen 150.000 und 200.000 Kunden verloren, weil es seine Rechnungen bei den Netzbetreibern nicht mehr bezahlen konnte. Der 69-jährige Höptner hatte Anfang März das Ruder übernommen, um das Unternehmen aus der dramatischen Schieflage zu bringen und eine drohende Insolvenz abzuwenden. Seine Strategie: Neue Kunden werben - mit höheren Preisen. "Discounter-Tarife, die nicht kostendeckend sind, wird es von uns in Zukunft nicht mehr geben", kündigte Höptner damals an. Seither aber schrumpft Teldafax dramatisch.

2011: Teldafax kappt die Stromleitungen

Teldafax meldet am 14. Juni Insolvenz an und setzt darauf die Belieferung der Kunden mit Strom und Gas aus.

2011: Razzia in Troisdorf

Erst kam der Insolvenzverwalter, dann die Kriminalbeamten. Mit einem Großaufgebot hat die Staatsanwaltschaft Bonn Ende Juni die Geschäftsräume von Teldafax durchsucht. Die Vorwürfe wiegen schwer. „Es besteht der Verdacht, dass Teldafax eine Vielzahl von Neukunden warb, um mit deren Vorauszahlungen bestehende Liquiditätslücken zu decken“, sagt die Staatsanwaltschaft Bonn. Umgangssprachlich nennt man ein solches Modell ein Schneeballsystem.

2011: Das Insolvenzverfahren beginnt

Für den zahlungsunfähigen Energie-Billiganbieter Teldafax beginnt am 01. September 2011 das Insolvenzverfahren: Nach Angaben des Bonner Amtsgerichts wäre es mit bis zu 750.000 Gläubigern wahrscheinlich das größte Verfahren dieser Art in Deutschland.

Für Energo Stream war die Investition ein Desaster. Teldafax meldete nur sieben Monate nach der ersten Überweisung Insolvenz an. Nun muss sich der russische Konzern in die lange Schlange der 500.000 Gläubiger einreihen, die bei Teldafax Geld verloren.

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Kommentare (2)

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Account gelöscht!

19.04.2013, 17:14 Uhr

Hallo? Noch vor ein paar Jahren gingen Diktatoren, wie Mubarak, al-Assad und Gadhafi in Deutschland als Staatsgäste ein und aus. Wie lächerlich wirkt da dieser Vorwurf.

Ruediger

19.04.2013, 20:13 Uhr

Buhu. Ich sehe in dem Artikel auch nichts, was irgendwem zum Vorwurf gemacht werden könnte. Teldafax und Bayer haben eine Partnerschaft vereinbart, in der Bayer Geld von Teldafax bekommt. Im Gegenzug darf sich doch so ein Konzern brüsten, mit dem Rudi per Du zu sein. Wenn überhaupt belegt das, dass Bayer die 16 Millionen plus Zinsen, die der Insolvenzverwalter zurückfordert, mehr als verdient hat!

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