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18.02.2013

08:00 Uhr

Der Fall Michael Josten

„Ein Freigänger auf Abwegen“

VonSönke Iwersen, Jürgen Flauger

Das größte Schneeballsystem in der deutschen Wirtschaftsgeschichte wurde von einem verurteilten Anlagebetrüger entworfen und gesteuert – auch von der Anklagebank aus. Das Psychogramm des Schattenmanns von Teldafax.

Josten war der eigentliche Kopf von Teldafax. PR

Michael Josten

Josten war der eigentliche Kopf von Teldafax.

DüsseldorfMichael Josten ist nicht zu fassen, jedenfalls nicht für die deutsche Justiz. Der Mann, den die Staatsanwaltschaft Bonn am vergangenen Freitag als Architekten einer riesigen Insolvenzverschleppung angeklagt hat, lebt in besten Verhältnissen in der Schweiz. Alte Bekannte sehen ihn manchmal, gut gelaunt, beim Shoppen, Arm in Arm mit Ehefrau Heidi.

Für die vielen Gläubiger von Teldafax ist Josten nicht zu erreichen, für die Presse schon gar nicht. Mancher wird nervös, wenn der Staat eine Anklageschrift zustellt. Josten bleibt cool. Er kennt das ja schon.
Im März 2007 wurde er wegen 176-fachen Betrugs mit Immobilienfonds verurteilt. Doch Josten benahm sich, als gehe ihn das Urteil nichts an. Er war schließlich Vorstandschef von Teldafax, dem größten unabhängigen Stromanbieter der Republik.

In der Ehrenloge von Bayer 04 Leverkusen plauderte der Mann mit Rudi Völler über Fußball; für ihn knüpfte Klaus Mangold, Vorsitzender des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, Kontakte zu internationalen Investoren. Und Christoph Gottschalk, Bruder des Moderators von „Wetten, dass...?“, verschaffte ihm 2009 Zutritt auf Europas größte Show-Bühne. Und als die Justiz schließlich doch zuschlagen wollte, als Josten nach seiner Verurteilung eingesperrt werden sollte, setzte sich der ehemalige Kanzleramtsminister und Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer für ihn ein.

Teldafax – Die Chronik des Untergangs

Februar 2007

Teldafax beginnt mit dem Vertrieb von Strom.

16. März 2007

Das Landgericht Mannheim verurteilt den Teldafax-Vorstandsvorsitzenden Michael Josten für seine Aktivitäten rund um die Secur Finanz AG aus Lörrach wegen 176-fachen Betrugs zu zweieinhalb Jahren Gefängnis. Die Richter vermerken eine „erhebliche kriminelle Energie“ und eine „besonders habgierige Gesinnung des Angeklagten Josten“.

4. März 2009

Die deutschen Behörden stellen einen internationalen Haftbefehl gegen Josten aus. Er war nach seiner Verurteilung im März 2007 in die Schweiz geflohen.

10. Juni 2009

In der Teldafax-Zentrale in Troisdorf findet eine außerordentliche Vorstandssitzung statt. Es nehmen auch zwei Wirtschaftsprüfer der Beratungsgesellschaft BDO teil. Sie berichten unter anderem von einer Deckungslücke bei Teldafax in Höhe von 24 Millionen Euro, resultierend insbesondere aus Stromsteuern. Binnen drei Wochen habe eine Geschäftsleitung eine Insolvenzantragspflicht. Stand heute sei Teldafax illiquide.

22. Oktober 2009

Finanzvorstand Alireza Assadi teilt Aufsichtsrat Michael Josten mit, dass er am 27. Oktober einen Insolvenzantrag stellen werde. Doch er kommt nicht mehr dazu. Am 26. Oktober 2009 wird Assadi vom Aufsichtsrat entlassen.

29. Oktober 2010

Die Rechtsanwaltskanzlei Flick Glocke Schaumburg weist den Teldafax-Vorstand schriftlich auf die bestehende Zahlungsunfähigkeit hin und mahnt an, dass eine Verpflichtung zur Stellung eines Insolvenzantrags bestehe.

12. April 2011

Das Hauptzollamt Köln entzieht Teldafax die Erlaubnis zur Leistung als Stromversorger.

25. Mai 2011

Teldafax erhält schon wieder einen neuen Chef. Der Sanierer Hans-Gerd Höptner, erst seit elf Wochen im Amt, gibt den Posten an seinen Vorstandskollegen Gernot Koch ab. Dieser sagt: „Die erste Hürde für den Neuanfang ist genommen. Jetzt müssen wir zeigen, dass wir in der Lage sind, die Wende zu schaffen. In den kommenden Wochen werden wir vor allem durch Taten überzeugen und so wieder zu einem normalen Geschäftsalltag zurückkehren.“

14. Juni 2011

Teldafax stellt einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Bonn.

15. Februar 2013

Die Staatsanwaltschaft Bonn erhebt Anklage gegen Michael Josten, Klaus Bath und Gernot Koch. Die Anklage gegen alle drei lautet auf „gewerbsmäßigen Betrug und Bankrotthandlungen“.

26. Januar 2015

Der Teldafax-Prozess beginnt. Die ehemaligen Vorstände Klaus Bath, Michael Josten und Gernot Koch erneut vor dem Landgericht Bonn verantworten. Die Anklage lautet auf Insolvenzverschleppung, gewerbsmäßigen Betrug und Bankrott.

Sie alle, Völler, Mangold, Gottschalk und Schmidbauer, wollen nichts gewusst haben von der kriminellen Vergangenheit des Michael Josten. Und tatsächlich – der Schleiertanz, den der Teldafax-Vorstand jahrelang für seine Geschäftspartner aufführte, sucht in der deutschen Wirtschaft seinesgleichen.
Noch im Spätsommer 2010, als Teldafax längst überschuldet war und die Gläubiger verzweifelt nach der Aufsichtsbehörde riefen, handelte Josten sozusagen inkognito. Keine Google-Suche hätte verraten, dass der Kopf von Teldafax ein verurteilter Straftäter war, dass die Richter ihm „erhebliche kriminelle Energie“ zuschrieben und dass Josten nachts schon dort schlief, wo Kriminelle hingehören: im Gefängnis. Denn tagsüber ließ ihn die deutsche Justiz einfach wieder frei.

Und so geschah, was nie hätte geschehen dürfen: Michael Josten, rechtskräftig verurteilt wegen Betreibens eines Schneeballsystems mit einigen Tausend Immobilienanlegern, zog als Freigänger ein viel größeres Rad auf – mit mehr als einer dreiviertel Million Stromkunden. Dies ist seine Geschichte.

Der Lebenslauf von Michael Josten bietet zunächst wenig Hinweise auf eine Karriere als Krimineller. Geboren am 3. Mai 1953 in Wuppertal als Einzelkind eines Unternehmensberaters und einer Hausfrau absolviert er eine kaufmännische Lehre, danach bildet sich Josten zum Steuerbevollmächtigten fort. Er heiratet mit 22 und zieht nach Südbaden. Besuch der Finanzakademie Freiburg, 1978 zum Steuerberater geprüft. Im selben Jahr beginnt er eine Tätigkeit bei einer Steuerberatungskanzlei in Lörrach; 1980 wird er auch Wirtschaftsprüfer. Als ein Jahr später sein Chef verstirbt, übernimmt Josten dessen Kanzlei und führt sie fort.

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