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05.11.2015

07:57 Uhr

Teldafax-Insolvenz

Handelsblatt-Artikel bringt Millionen für Teldafax-Gläubiger

VonJürgen Flauger, Sönke Iwersen

750.000 ehemalige Teldafax-Kunden dürfen hoffen. Der Insolvenzverwalter hat durch diverse Klagen schon fast 250 Millionen Euro für sie gesichert. Eine seiner Waffen vor Gericht ist ein Artikel aus dem Handelsblatt.

Allein die Titelstory vom 20. Oktober 2010 (oben rechts) „gab ausreichenden Anlass von einer drohenden Zahlungsunfähigkeit auszugehen“. (Foto: HB)

Handelsblatt-Artikel über Teldafax

Allein die Titelstory vom 20. Oktober 2010 (oben rechts) „gab ausreichenden Anlass von einer drohenden Zahlungsunfähigkeit auszugehen“. (Foto: HB)

DüsseldorfEs ist ein Novum in der deutschen Rechtsgeschichte. Das Landgericht Frankfurt am Main hat entschieden, dass der Netzbetreiber Syna, eine Tochter des RWE-Konzerns in Frankfurt, dem Insolvenzverwalter von Teldafax 5,7 Millionen Euro zahlen muss. Das Geld kommt denen zugute, die zu den Gläubigern von Teldafax gehören, nicht zuletzt den 750.000 ehemaligen Kunden des 2011 untergegangenen Unternehmens.

Dass sie nach der langen Leidenszeit mit dem Billigstromanbieter nun auf Besserung hoffen dürfen, hat vor allem einen Grund: den Handelsblatt-Artikel vom 20. Oktober 2010 (lesen Sie hier das Original).

Teldafax-Skandal: Das teure Erbe des Billigstromanbieters

Teldafax-Skandal

Premium Das teure Erbe des Billigstromanbieters

Die Pleite des Dumping-Stromanbieters Teldafax hat die ganze Branche Millionen gekostet. Insolvenzverwalter Biner Bähr war erfolgreich. Nun bauen Strombranche und Regierung vor – zulasten der Verbraucher.

Unter der Überschrift „Erhebliche kriminelle Energie“ schilderte das Handelsblatt, wie es bei Teldafax hinter den Kulissen aussah. Das Unternehmen verkaufte seinen Strom billiger als es ihn einkaufte, war völlig überschuldet und wurde von einem verurteilten Anlagebetrüger aus dem Gefängnis heraus gesteuert. Das Unternehmen glich einem riesigen Schneeballsystem, das immer mehr Schaden anrichten würde, je größer es wurde.

Und Teldafax wuchs rapide.

„Allein dieser Artikel gab ausreichenden Anlass von einer drohenden Zahlungsunfähigkeit auszugehen“, urteilten die Frankfurter Richter am 31. August 2015. Und tatsächlich waren die Geschäftsführer des Netzbetreibers Syna aufmerksame Zeitungsleser. Schon vier Tage später bestanden sie bei Teldafax auf monatliche Vorauszahlung. Teldafax überwies das Geld – und genau darin sah das Gericht ein Fehlverhalten.

Syna bekam noch Geld, als zahlreiche Kunden von Teldafax schon längst vergeblich auf die Auszahlung ihrer Guthaben warteten. Nun muss Syna 5,7 Millionen Euro an den Insolvenzverwalter zahlen – plus 1,2 Millionen Euro Zinsen.

Teldafax – Die Chronik des Untergangs

Februar 2007

Teldafax beginnt mit dem Vertrieb von Strom.

16. März 2007

Das Landgericht Mannheim verurteilt den Teldafax-Vorstandsvorsitzenden Michael Josten für seine Aktivitäten rund um die Secur Finanz AG aus Lörrach wegen 176-fachen Betrugs zu zweieinhalb Jahren Gefängnis. Die Richter vermerken eine „erhebliche kriminelle Energie“ und eine „besonders habgierige Gesinnung des Angeklagten Josten“.

4. März 2009

Die deutschen Behörden stellen einen internationalen Haftbefehl gegen Josten aus. Er war nach seiner Verurteilung im März 2007 in die Schweiz geflohen.

10. Juni 2009

In der Teldafax-Zentrale in Troisdorf findet eine außerordentliche Vorstandssitzung statt. Es nehmen auch zwei Wirtschaftsprüfer der Beratungsgesellschaft BDO teil. Sie berichten unter anderem von einer Deckungslücke bei Teldafax in Höhe von 24 Millionen Euro, resultierend insbesondere aus Stromsteuern. Binnen drei Wochen habe eine Geschäftsleitung eine Insolvenzantragspflicht. Stand heute sei Teldafax illiquide.

22. Oktober 2009

Finanzvorstand Alireza Assadi teilt Aufsichtsrat Michael Josten mit, dass er am 27. Oktober einen Insolvenzantrag stellen werde. Doch er kommt nicht mehr dazu. Am 26. Oktober 2009 wird Assadi vom Aufsichtsrat entlassen.

29. Oktober 2010

Die Rechtsanwaltskanzlei Flick Glocke Schaumburg weist den Teldafax-Vorstand schriftlich auf die bestehende Zahlungsunfähigkeit hin und mahnt an, dass eine Verpflichtung zur Stellung eines Insolvenzantrags bestehe.

12. April 2011

Das Hauptzollamt Köln entzieht Teldafax die Erlaubnis zur Leistung als Stromversorger.

25. Mai 2011

Teldafax erhält schon wieder einen neuen Chef. Der Sanierer Hans-Gerd Höptner, erst seit elf Wochen im Amt, gibt den Posten an seinen Vorstandskollegen Gernot Koch ab. Dieser sagt: „Die erste Hürde für den Neuanfang ist genommen. Jetzt müssen wir zeigen, dass wir in der Lage sind, die Wende zu schaffen. In den kommenden Wochen werden wir vor allem durch Taten überzeugen und so wieder zu einem normalen Geschäftsalltag zurückkehren.“

14. Juni 2011

Teldafax stellt einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Bonn.

15. Februar 2013

Die Staatsanwaltschaft Bonn erhebt Anklage gegen Michael Josten, Klaus Bath und Gernot Koch. Die Anklage gegen alle drei lautet auf „gewerbsmäßigen Betrug und Bankrotthandlungen“.

26. Januar 2015

Der Teldafax-Prozess beginnt. Die ehemaligen Vorstände Klaus Bath, Michael Josten und Gernot Koch erneut vor dem Landgericht Bonn verantworten. Die Anklage lautet auf Insolvenzverschleppung, gewerbsmäßigen Betrug und Bankrott.

Nur zwei Tage nach dem Urteil aus Frankfurt gewann Insolvenzverwalter Bähr auch einen Prozess in Sachsen-Anhalt. Das Oberlandesgericht Naumburg verurteilte die Mitteldeutsche Netzgesellschaft zur Zahlung von 4,2 Millionen Euro, plus 800.000 Euro Zinsen. Bährs nächster Streich für die Gläubiger von Teldafax gelang am 5. Oktober 2015.

In Berlin urteilte das Landgericht, der Übertragungsnetzbetreiber 50-Hertz müsse 36 Millionen an Bähr zahlen – plus 7,2 Millionen Euro Zinsen. Auch in Berlin hatte Bähr den Handelsblatt-Artikel vom 20. Oktober 2010 im Gepäck. Dieses Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig.

Kommentare (20)

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Herr stefan kinlel

05.11.2015, 09:00 Uhr

Es war ausschliesslich die Geiz ist Geil Mentalität, die hier die Verbraucher in die eigene Irre führte. Wer billig will, bekommt eben billig. Das ist so bei Bekleidung, bei Autos und eben auch bei Dienstleistungen.
Klarer Fall von selber schuld und kein Mitleid verdient, nur Häme.

Account gelöscht!

05.11.2015, 09:08 Uhr

Gratuliere euch, liebes Gossip Team des Handelsblatt, ihr habt nun definitiv den Namen Handels BLÖD vedient. Ob aber irgendein Leser für diesen Gossip zahlen würde, eher wohl nicht.

Herr Horst Kettler

05.11.2015, 09:09 Uhr

Das heißt, wenn ich nach einem günstigeren Angebot suche und dies nutze, dann berechtigt das den Anbieter zur Lieferung von minderer Qualität oder dazu, mich als Kunden zu betrügen. Umgekehrt müsste "teuer" in jedem Fall mit hoher Qualität und Seriosität einhergehen.
Dies allerdings widerspricht meiner Alltagserfahrung (Handwerker, Bauunternehmen, Banken, Automobilhersteller wie z.B. VW usw.).

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