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14.01.2016

18:33 Uhr

Teldafax

Sie fragen mich nicht! Ich frage Sie!

VonSönke Iwersen

Vor dem Landgericht Bonn läuft seit einem Jahr der Prozess gegen die Verantwortlichen der Teldafax-Affäre. Die Justiz gibt ein trauriges Bild ab. Zeugen der Anklage werden von den Beschuldigten beleidigt und beschimpft.

Ein Justizbeamter steht am Dienstag (08.11.2011) in Köln am Rande der Gläubigerversammlung der insolventen Teldafax-Gruppe. dpa

Teldafax

Ein Justizbeamter steht am Dienstag (08.11.2011) in Köln am Rande der Gläubigerversammlung der insolventen Teldafax-Gruppe.

BonnDie Verteidigung wollte den Zeugen erst gar nicht durch die Tür lassen. Mittwochmorgen, der 50. Verhandlungstag im Teldafax-Prozess. Gut gelaunt betreten die Protagonisten der größten Insolvenz der deutschen Wirtschaftsgeschichte den Gerichtssaal, in dem sie zur Verantwortung gezogen werden sollen. Klaus Bath, der im März 2011 abrupt als Teldafax-Vorstandschef abberufen wurde, wünscht Gernot Koch ein frohes neues Jahr. Koch war auch Chef bei Teldafax – aber nur drei Wochen lang. Dann meldete er Insolvenz an.

Nun betritt auch Michael Josten den Saal. Josten war Baths Vorgänger und kennt sich in Gerichtssälen aus – er wurde im März 2007 wegen 176-fachen Betrugs zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Dann ging er aber nicht ins Gefängnis sondern vereinbarte als Teldafax-Vorstand erst eine Werbepartnerschaft mit Bayer Leverkusen, dann setzte er sich in die Schweiz ab. Bis zu seiner Inhaftierung in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal sollten drei Jahre vergehen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Teldafax-Skandal: Das teure Erbe des Billigstromanbieters

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Die Pleite des Dumping-Stromanbieters Teldafax hat die ganze Branche Millionen gekostet. Insolvenzverwalter Biner Bähr war erfolgreich. Nun bauen Strombranche und Regierung vor – zulasten der Verbraucher.

Die Geschichte, wegen der Josten nun wieder in einem Gerichtssaal sitzt, begann im Sommer 2009. Der Billigstromanbieter, mit Josten als Aufsichtsrat und Koch und Bath im Vorstand, lag am Boden. „In der Kalenderwoche 25 wurde der Tatbestand der Zahlungsunfähigkeit festgestellt“, schrieben die Vorstände an den Aufsichtsrat. Dann meldeten sie aber nicht wie gesetzlich vorgesehen Insolvenz an, sondern machten noch zwei Jahre lang weiter. Getragen von den Vorkassen ihrer Stromkunden zahlten sich die Manager fürstliche Gehälter, bis Teldafax im Juni 2011 völlig überschuldet zusammenbrach. Koch und Bath müssen sich deshalb als Vorstände wegen Insolvenzverschleppung verantworten, Josten als Aufsichtsrat.

Vor der Tür des Gerichtssaals wartet nun der Mann, der die Einzelheiten des Absturzes von Teldafax kennt wie kaum ein anderer. Am 14. Juni 2011 wurde Biner Bähr vom Amtsgericht Bonn zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt, seitdem arbeitet der Anwalt von der Kanzlei White & Case den Fall auf. Die Fragen, die im Landgericht beantwortet werden sollen, hat Bähr längst geklärt. Wann war Teldafax insolvenzreif? Was ergab sich daraus? Wer wusste davon? Bähr hat die Antworten. Mit zwei dicken Aktenordnern steht er nun vor der Tür, hinter der die Angeklagten sitzen. Aber die wollen ihn nicht reinlassen.

Teldafax – Die Chronik des Untergangs

Februar 2007

Teldafax beginnt mit dem Vertrieb von Strom.

16. März 2007

Das Landgericht Mannheim verurteilt den Teldafax-Vorstandsvorsitzenden Michael Josten für seine Aktivitäten rund um die Secur Finanz AG aus Lörrach wegen 176-fachen Betrugs zu zweieinhalb Jahren Gefängnis. Die Richter vermerken eine „erhebliche kriminelle Energie“ und eine „besonders habgierige Gesinnung des Angeklagten Josten“.

4. März 2009

Die deutschen Behörden stellen einen internationalen Haftbefehl gegen Josten aus. Er war nach seiner Verurteilung im März 2007 in die Schweiz geflohen.

10. Juni 2009

In der Teldafax-Zentrale in Troisdorf findet eine außerordentliche Vorstandssitzung statt. Es nehmen auch zwei Wirtschaftsprüfer der Beratungsgesellschaft BDO teil. Sie berichten unter anderem von einer Deckungslücke bei Teldafax in Höhe von 24 Millionen Euro, resultierend insbesondere aus Stromsteuern. Binnen drei Wochen habe eine Geschäftsleitung eine Insolvenzantragspflicht. Stand heute sei Teldafax illiquide.

22. Oktober 2009

Finanzvorstand Alireza Assadi teilt Aufsichtsrat Michael Josten mit, dass er am 27. Oktober einen Insolvenzantrag stellen werde. Doch er kommt nicht mehr dazu. Am 26. Oktober 2009 wird Assadi vom Aufsichtsrat entlassen.

29. Oktober 2010

Die Rechtsanwaltskanzlei Flick Glocke Schaumburg weist den Teldafax-Vorstand schriftlich auf die bestehende Zahlungsunfähigkeit hin und mahnt an, dass eine Verpflichtung zur Stellung eines Insolvenzantrags bestehe.

12. April 2011

Das Hauptzollamt Köln entzieht Teldafax die Erlaubnis zur Leistung als Stromversorger.

25. Mai 2011

Teldafax erhält schon wieder einen neuen Chef. Der Sanierer Hans-Gerd Höptner, erst seit elf Wochen im Amt, gibt den Posten an seinen Vorstandskollegen Gernot Koch ab. Dieser sagt: „Die erste Hürde für den Neuanfang ist genommen. Jetzt müssen wir zeigen, dass wir in der Lage sind, die Wende zu schaffen. In den kommenden Wochen werden wir vor allem durch Taten überzeugen und so wieder zu einem normalen Geschäftsalltag zurückkehren.“

14. Juni 2011

Teldafax stellt einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Bonn.

15. Februar 2013

Die Staatsanwaltschaft Bonn erhebt Anklage gegen Michael Josten, Klaus Bath und Gernot Koch. Die Anklage gegen alle drei lautet auf „gewerbsmäßigen Betrug und Bankrotthandlungen“.

26. Januar 2015

Der Teldafax-Prozess beginnt. Die ehemaligen Vorstände Klaus Bath, Michael Josten und Gernot Koch erneut vor dem Landgericht Bonn verantworten. Die Anklage lautet auf Insolvenzverschleppung, gewerbsmäßigen Betrug und Bankrott.

„Herr Vorsitzender, ich würde gern einen Antrag stellen“, sagt Daniel Wölky. Der junge Mann mit den zurückgegelten Haaren verteidigt Michael Josten. Einen Mann, dem das Landgericht Mannheim 2007 bei seiner Verurteilung eine „erhebliche kriminelle Energie“ und eine „besonders habgierige Gesinnung“ attestierte. Aber auch sein Anwalt hat Energie. „Ich beantrage, Herrn Dr. Bähr nicht als Sachverständigen zu vernehmen,“ sagt Wölky eifrig. Dann liest er seinen Antrag Seite um Seite vor. Es dauert eine Weile.

Marc Eumann, der Vorsitzende Richter, wartet geduldig, bis Wölky fertig ist. Dann sagt er „Herr Dr. Bähr ist nicht als Sachverständiger geladen, sondern als Zeuge.“ Wölky könnte nun still sein. Aber er ist es nicht. Es mag ja sein, dass der Insolvenzverwalter als Zeuge geladen sei. Er könne aber doch so wirken wie ein Sachverständiger, meint Wölky. Dann zitiert er Rechtsliteratur. Der Blick des Richters bleibt verständnislos.

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