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12.11.2015

17:16 Uhr

Teldafax-Verfahren in Bonn

Prozess steht plötzlich vor dem Aus

VonJürgen Flauger, Sönke Iwersen

500.000 Gläubiger, 500 Millionen Euro Schaden, aber keine Haftstrafen für die Verantwortlichen: Einer der größten Wirtschaftsstrafprozesse der vergangenen Jahre endet wohl mit einer Blamage für die Staatsanwaltschaft.

Der Wirtschaftsprozess in Bonn um den kollabierten Billigstrom-Anbieter steht vor der Einstellung. dpa

Teldafax

Der Wirtschaftsprozess in Bonn um den kollabierten Billigstrom-Anbieter steht vor der Einstellung.

DüsseldorfVor einer Woche ließ sich das Landgericht Bonn für den Teldafax-Prozess noch Termine bis 2017 reservieren, nun will die Justiz die Arbeit doch lieber einstellen. Wie ein Gerichtssprecher am Donnerstag bestätigte, könnte der Prozess in wenigen Tagen vorbei sein. Der Vorsitzende Richter habe vorgeschlagen, die meisten Anklagepunkte gegen die drei angeklagten ehemaligen Vorstände des Billigstromanbieters fallenzulassen. Die Staatsanwaltschaft hat bereits ihre Zustimmung signalisiert. Die Angeklagten kämen so mit Bewährungsstrafen davon.

Es wäre ein jähes Ende für eines der größten Wirtschaftsstrafverfahren Deutschlands. Teldafax hinterließ bei Zusammenbruch 2011 mehr als eine halbe Million Gläubiger und 500 Millionen Euro Schaden. Das Unternehmen war im Sommer 2009 nachweislich zahlungsunfähig, schleppte sich aber mit den Vorkasse-Zahlungen von immer neuen Kunden noch bis zum völligen Kollaps im Juni 2011 weiter. Der Insolvenzverwalter stellte den Betrieb dann innerhalb weniger Tage völlig ein.

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750.000 ehemalige Kunden dürfen hoffen. Der Insolvenzverwalter hat fast 250 Millionen Euro gesichert.

Kurz nach dem Insolvenzverwalter rückte die Staatsanwaltschaft Bonn bei Teldafax ein. Es war der Beginn einer unglücklichen Reise. Eineinhalb Jahre lang ermittelten die Beamten, dann erhoben sie im Februar 2013 Anklage. Kurz darauf teilte das Landgericht Bonn mit, es werde frühestens Anfang 2014 darüber entscheiden, ob die Teldafax-Klage angenommen wird. Man sei überlastet. Im Februar 2014 kam es dann tatsächlich zum Prozess, noch schon am zweiten Verhandlungstermin wurde das Verfahren wieder ausgesetzt. Nach einjähriger Vorbereitung merkte die verhandelnde Strafkammer 7a, dass sie ja gar nicht zuständig war.

Im Januar 2015 begann der Prozess dann erneut. Die Beweislast schien erdrückend. Schon im Sommer 2009 hätte Teldafax zum Insolvenzgericht gehen müssen. „In der Kalenderwoche 25 wurde der Tatbestand der Zahlungsunfähigkeit festgestellt“, schrieb der Vorstand an seinen Aufsichtsrat. Man habe jetzt drei Wochen Zeit für einen Insolvenzantrag. Die drei Wochen vergingen, aber der Antrag wurde nicht gestellt. Im Oktober vermerkte das Hauptzollamt Köln in einem Prüfbericht, dass Teldafax insolvenzreif sei. Aber als Finanzvorstand Alireza Assadi dann tatsächlich am Monatsende Insolvenz anmelden wollte, wurde er vom Aufsichtsrat entlassen. Teldafax machte weiter.

Teldafax – Die Chronik des Untergangs

Februar 2007

Teldafax beginnt mit dem Vertrieb von Strom.

16. März 2007

Das Landgericht Mannheim verurteilt den Teldafax-Vorstandsvorsitzenden Michael Josten für seine Aktivitäten rund um die Secur Finanz AG aus Lörrach wegen 176-fachen Betrugs zu zweieinhalb Jahren Gefängnis. Die Richter vermerken eine „erhebliche kriminelle Energie“ und eine „besonders habgierige Gesinnung des Angeklagten Josten“.

4. März 2009

Die deutschen Behörden stellen einen internationalen Haftbefehl gegen Josten aus. Er war nach seiner Verurteilung im März 2007 in die Schweiz geflohen.

10. Juni 2009

In der Teldafax-Zentrale in Troisdorf findet eine außerordentliche Vorstandssitzung statt. Es nehmen auch zwei Wirtschaftsprüfer der Beratungsgesellschaft BDO teil. Sie berichten unter anderem von einer Deckungslücke bei Teldafax in Höhe von 24 Millionen Euro, resultierend insbesondere aus Stromsteuern. Binnen drei Wochen habe eine Geschäftsleitung eine Insolvenzantragspflicht. Stand heute sei Teldafax illiquide.

22. Oktober 2009

Finanzvorstand Alireza Assadi teilt Aufsichtsrat Michael Josten mit, dass er am 27. Oktober einen Insolvenzantrag stellen werde. Doch er kommt nicht mehr dazu. Am 26. Oktober 2009 wird Assadi vom Aufsichtsrat entlassen.

29. Oktober 2010

Die Rechtsanwaltskanzlei Flick Glocke Schaumburg weist den Teldafax-Vorstand schriftlich auf die bestehende Zahlungsunfähigkeit hin und mahnt an, dass eine Verpflichtung zur Stellung eines Insolvenzantrags bestehe.

12. April 2011

Das Hauptzollamt Köln entzieht Teldafax die Erlaubnis zur Leistung als Stromversorger.

25. Mai 2011

Teldafax erhält schon wieder einen neuen Chef. Der Sanierer Hans-Gerd Höptner, erst seit elf Wochen im Amt, gibt den Posten an seinen Vorstandskollegen Gernot Koch ab. Dieser sagt: „Die erste Hürde für den Neuanfang ist genommen. Jetzt müssen wir zeigen, dass wir in der Lage sind, die Wende zu schaffen. In den kommenden Wochen werden wir vor allem durch Taten überzeugen und so wieder zu einem normalen Geschäftsalltag zurückkehren.“

14. Juni 2011

Teldafax stellt einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Bonn.

15. Februar 2013

Die Staatsanwaltschaft Bonn erhebt Anklage gegen Michael Josten, Klaus Bath und Gernot Koch. Die Anklage gegen alle drei lautet auf „gewerbsmäßigen Betrug und Bankrotthandlungen“.

26. Januar 2015

Der Teldafax-Prozess beginnt. Die ehemaligen Vorstände Klaus Bath, Michael Josten und Gernot Koch erneut vor dem Landgericht Bonn verantworten. Die Anklage lautet auf Insolvenzverschleppung, gewerbsmäßigen Betrug und Bankrott.

Die Vorstände verstärkten die Werbemaßnahmen, senkten die Preise und lockten so immer neue Kunden in ihr Schneeballsystem. Während Teldafax den Strom billiger verkaufte, als es ihn einkaufte, genehmigten sich die Vorstände mit den Vorkasse-Zahlungen ihrer Kunden Nettogehälter von bis zu 17.000 Euro pro Monat.

Dass dies nicht rechtens sein konnte, mochten manche Beteiligte später nicht mehr leugnen. So akzeptierte die ehemalige Marketing-Chefin von Teldafax schon im November 2013 einen Strafbefehl. Sie war damit wegen der Beihilfe zur Insolvenzverschleppung zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt, während ihre ehemaligen Chefs noch mauerten.

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