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07.03.2016

12:30 Uhr

Verivox

Teldafax-Pleite kostet Vergleichsportal Millionen

VonJürgen Flauger, Sönke Iwersen

Das Vergleichsportal Verivox hat den Strommarkt erst richtig in Schwung gebracht – es hat aber auch Pleitefirmen wie Teldafax groß gemacht. Verivox selbst verdiente Millionen mit Provisionen. Doch dann machte der Insolvenzverwalter von Teldafax eine neue Rechnung auf.

Das Vergleichsportal wird zur Unzeit von der Altlast Teldafax eingeholt. Imago

Verifox-Preisvergleich

Das Vergleichsportal wird zur Unzeit von der Altlast Teldafax eingeholt.

DüsseldorfEs war eine Beziehung im gegenseitigen Interesse. Hier der Marktneuling, der eine Plattform brauchte, um seine attraktiven Preisen für Strom und Gas so einfach wie möglich und so vielen potentiellen Kunden wie möglich anzupreisen. Dort das Vergleichsportal, das spektakulär günstige Anbieter brauchte, um immer mehr Kunden auf seine Internetseite zu locken. Über die Jahre wurden der Billigstromanbieter Teldafax und das Verbraucherportal Verivox enge Partner.

Beide Seiten profitierten sehr von diesem Arrangement. Teldafax brauchte nur seine Tarife an Verivox zu melden, und die Kunden kamen fast wie von selbst. Verivox profitierte von jedem einzelnen, der einen Vertrag bei Teldafax abschloss. So sah es eine Provisionsvereinbarung zwischen den beiden Unternehmen vor. Verivox strich Millionen ein.

Teldafax-Chronik: Die Schande der Strom-Branche

Teldafax-Chronik

Die Schande der Strom-Branche

Sechs Jahre sind vergangen, seit Teldafax zusammenbrach. Die Wunden bleiben offen. Heute fällt das Urteil im Strafprozess gegen verantwortliche Manager des Unternehmens. Der Skandal als Chronik – von 1998 bis heute.

Das klappte auch dann noch, als Teldafax längst schon zahlungsunfähig war. Denn es gab einen einfachen, wenn auch verrückten Grund, warum Teldafax mit seinen Tarifen die Ranglisten von Verivox regelmäßig anführte: Teldafax verkaufte seinen Strom oft billiger, als es ihn einkaufte. Schon Mitte 2009 war Teldafax deshalb wirtschaftlich am Ende. „In der Kalenderwoche 25 wurde der Tatbestand der Zahlungsunfähigkeit festgestellt“, schrieb der Teldafax-Vorstand an den Aufsichtsrat. Insolvenzberater kamen ins Haus.

Doch Teldafax machte weiter – zwei Jahre lang. Der Trick lag in der Vertragsgestaltung. Teldafax funktionierte nach dem Schneeballprinzip. Kunden zahlten bis zu einem Jahr im Voraus. So lang immer neue von ihnen nachströmten, konnte der Vorstand alte Rechnungen bezahlen. Wichtige Geschäftspartner wurden dabei bevorzugt. Und Verivox war besonders wichtig, diente das Vergleichsportal doch als Zugangsstraße zur Neukundschaft, ohne die Teldafax zusammenbrechen musste.

Teldafax – Die Chronik des Untergangs

Februar 2007

Teldafax beginnt mit dem Vertrieb von Strom.

16. März 2007

Das Landgericht Mannheim verurteilt den Teldafax-Vorstandsvorsitzenden Michael Josten für seine Aktivitäten rund um die Secur Finanz AG aus Lörrach wegen 176-fachen Betrugs zu zweieinhalb Jahren Gefängnis. Die Richter vermerken eine „erhebliche kriminelle Energie“ und eine „besonders habgierige Gesinnung des Angeklagten Josten“.

4. März 2009

Die deutschen Behörden stellen einen internationalen Haftbefehl gegen Josten aus. Er war nach seiner Verurteilung im März 2007 in die Schweiz geflohen.

10. Juni 2009

In der Teldafax-Zentrale in Troisdorf findet eine außerordentliche Vorstandssitzung statt. Es nehmen auch zwei Wirtschaftsprüfer der Beratungsgesellschaft BDO teil. Sie berichten unter anderem von einer Deckungslücke bei Teldafax in Höhe von 24 Millionen Euro, resultierend insbesondere aus Stromsteuern. Binnen drei Wochen habe eine Geschäftsleitung eine Insolvenzantragspflicht. Stand heute sei Teldafax illiquide.

22. Oktober 2009

Finanzvorstand Alireza Assadi teilt Aufsichtsrat Michael Josten mit, dass er am 27. Oktober einen Insolvenzantrag stellen werde. Doch er kommt nicht mehr dazu. Am 26. Oktober 2009 wird Assadi vom Aufsichtsrat entlassen.

29. Oktober 2010

Die Rechtsanwaltskanzlei Flick Glocke Schaumburg weist den Teldafax-Vorstand schriftlich auf die bestehende Zahlungsunfähigkeit hin und mahnt an, dass eine Verpflichtung zur Stellung eines Insolvenzantrags bestehe.

12. April 2011

Das Hauptzollamt Köln entzieht Teldafax die Erlaubnis zur Leistung als Stromversorger.

25. Mai 2011

Teldafax erhält schon wieder einen neuen Chef. Der Sanierer Hans-Gerd Höptner, erst seit elf Wochen im Amt, gibt den Posten an seinen Vorstandskollegen Gernot Koch ab. Dieser sagt: „Die erste Hürde für den Neuanfang ist genommen. Jetzt müssen wir zeigen, dass wir in der Lage sind, die Wende zu schaffen. In den kommenden Wochen werden wir vor allem durch Taten überzeugen und so wieder zu einem normalen Geschäftsalltag zurückkehren.“

14. Juni 2011

Teldafax stellt einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Bonn.

15. Februar 2013

Die Staatsanwaltschaft Bonn erhebt Anklage gegen Michael Josten, Klaus Bath und Gernot Koch. Die Anklage gegen alle drei lautet auf „gewerbsmäßigen Betrug und Bankrotthandlungen“.

26. Januar 2015

Der Teldafax-Prozess beginnt. Die ehemaligen Vorstände Klaus Bath, Michael Josten und Gernot Koch erneut vor dem Landgericht Bonn verantworten. Die Anklage lautet auf Insolvenzverschleppung, gewerbsmäßigen Betrug und Bankrott.

Viele Millionen Euro verdiente Verivox auf diese Weise. Mochte Teldafax auch nur eine Fassade sein, hinter der sich ein unternehmerisches Chaos versteckte, für Verivox ging die Rechnung auf. So dachte man dort jedenfalls. Nun stellt sich heraus: Es war eine Milchmädchenrechnung.

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