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26.06.2017

10:57 Uhr

Abschied vom Veränderungsterror

Fuck off, Change!

VonArdeschyr Hagmaier

Change ist Dauerbrenner, Heilsbringer und Verderben zugleich. Ganz gleich ob Prozesse, Unternehmen oder der Mensch – alles soll sich zum noch Besseren wenden. Doch die Realität ist meist ernüchternd. Ein Gastbeitrag.

Echte Veränderung – so unser Gastautor – ist eigentlich ganz einfach. Erstens: Es gibt keine Regeln – meistens. Zweitens: Verändere nichts, wenn es gut läuft. Drittens: Schaffe Neues, ohne das Alte zu zerstören. Viertens: Entwickle Gewohnheiten weiter – anstatt immer neue Gewohnheiten zu erlernen. Getty Images

Echte Veränderung – so unser Gastautor – ist eigentlich ganz einfach. Erstens: Es gibt keine Regeln – meistens. Zweitens: Verändere nichts, wenn es gut läuft. Drittens: Schaffe Neues, ohne das Alte zu zerstören. Viertens: Entwickle Gewohnheiten weiter – anstatt immer neue Gewohnheiten zu erlernen.

Warum stoßen Change-Projekte immer wieder auf Widerstand? Warum scheitern so viele Change-Projekte und bringen nicht den erhofften Erfolg? Warum verursacht Veränderung Ängste? Die Antwort darauf gibt unser Gastautor Ardeschyr Hagmaiers. „Change Fuck!“, schreit er in seinem Beitrag, den er für unser Businessnetzwerk Leader.In geschrieben hat, nur so heraus und bricht mit den bisherigen Vorstellungen über Change-Management. Denn entscheidend ist nicht die Veränderung um jeden Preis, sondern die beste Lösung: Chancen-Denken statt Change-Denken.

Wenn ich in meinen Seminaren, Trainings oder Coachings gestandene Führungskräfte frage, ob sie lieber etwas verändern wollen oder verbessern, ernte ich zunächst einmal überraschte Blicke. „Klar, wir wollen uns verbessern!“, lautet die Antwort. „Warum tun Sie es dann nicht?“, bohre ich weiter, „warum setzen Sie immer nur auf Veränderungen, statt zu überlegen, wie Sie Dinge besser machen können?“

Tagtäglich fallen ganze Heerscharfen von Beratern in den Unternehmen ein, um das Unterste zuoberst zu kehren und alles zu verändern. Stehen all diese Firmen vor dem Konkurs? Laufen ihnen die Kunden massenweise weg? Rebellieren ihre Mitarbeiter? Wenn die Antwort dreimal „Nein“ lautet, muss in dieser Firma doch irgendetwas gut laufen. Nicht alles kann schlecht sein. Warum dann alles verändern?

Anzeichen dafür, dass Sie ihre Rolle als Chef hinterfragen sollten

Kein Steuermann

Bei Meetings haben Sie immer öfter das Gefühl, als wären Sie Beobachter und nicht der Steuermann.

Ohne Power

Sie fühlen sich häufig ausgepowert und überfordert.

Schlecht delegiert

Wenn Sie Aufgaben delegiert haben, gibt es haufenweise Rückfragen und das Ergebnis verfehlt das Thema.

Warum ich?

Sie denken häufiger insgeheim: „Wieso muss ich das eigentlich machen, meine Leute können das genauso gut?“

Mitarbeiter schwächeln

Ihre Mitarbeiter denken nicht mit, zeigen Unsicherheit bei den einfachsten Aufgaben und fragen ständig um Rat, wenn sie Entscheidungen treffen sollen. Bedenklich ist auch, wenn Mitarbeiter Ihnen zustimmen, die Aufgabe aber ganz anders als gewünscht erledigen.

Quelle: „Als unser Kunde tot umfiel ...“, Timo Hinrichsen und Boris Palluch, Wien 2012

Unternehmer, Manager, Führungskräfte – sie alle sind derart gefangen im Veränderungsmodus, dass sie gar nicht mehr darüber nachdenken können, ob es nicht zielführender ist, Verbesserungen statt Veränderungen vorzunehmen. Durch den Veränderungsterror sind sie ganz blind für den Ansatz, an dem anzuknüpfen, was gut gelaufen ist. Sie sollten sich endlich auch einmal fragen, welche Erfolgsgewohnheiten sie dahin geführt haben, wo sie stehen.

Natürlich gibt es in jedem Unternehmen Entwicklungen, die korrigiert werden sollten. Es geht nicht darum, den Veränderungsfetischismus gegen einen Verbesserungsfetischismus auszutauschen. Aber der Change als allein seligmachendes Allheilmittel hat ausgedient. Wenn sich alles verändert und nichts verbessert, bedeutet Change Stillstand und Rückschritt. Der Fanclub der Veränderungsfetischisten glaubt, allein der Wille zur permanenten Veränderung sei eine zukunftsorientierte Verhaltensweise. Meine Antwort darauf lautet: „Fuck off, Change!“

Wie konnte es so weit kommen, dass die Veränderung zum Heilsbringer stilisiert wurde? Das liegt an den sogenannten Change Fucks: Das sind Einstellungen, Überzeugungen und Verhaltensweisen, die bisher dazu geführt haben, dass sich zwar einiges verändert, aber absolut nichts verbessert hat.

Kommentare (4)

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Herr Norman Fischer

26.06.2017, 13:42 Uhr

Korrekt. Aber auch die Chefs stehen unter Druck. Durch ihre Chefs. Die fragen nämlich: was haben Sie geleisten in diesem Quartal, um die KPIs zu verbessern? Da kommt es dann schlecht rüber, wenn er sagt: "Gar nichts. Alles läuft rund."

Auch wenn die Untergebenen Argumente gegen Change anführen, heisst es nur, sie würden aus Eigeninteresse handeln, und das Wohl der Firma sei ihnen egal.
Eine Führungskraft in einem großen, bürokratischen Unternehmen, die sich von oben aufgezwungenen Veränderungen widersetzt, auch mit den besten Argumenten, riskiert ihren Arbeitsplatz.

Bei uns wird gerade ein Heiden Aufwand getrieben, um formal nachzuweisen, dass die von oben gewünsche Umstellung völlig an der Praxis vorbei geht, und ein effizientes Arbeiten verhindert. Wenn Das Management kein Vertrauen in sein Personal hat, seine Erfahrung uns sein Wissen schätzt,steht es nicht zum besten mit der Firma.

Frau Annette Bollmohr

26.06.2017, 13:55 Uhr

Veränderungen geschehen immer, ob es uns nun passt oder nicht;.

Viele davon folgen mehr oder weniger Naturgesetzen.

Das Einzige, was wir alle, also jeder von uns, außer uns anzupassen wirklich tun können, ist, zu entscheiden, ob wir - wo immer wir das könn(t)en - selbst Einfluss auf diese Veränderungen nehmen wollen.

Oder ob wir das der Bequemlichkeit halber weiterhin "anderen" überlassen wollen.

Mit "wir" sind jetzt ausdrücklich all diejenigen gemeint, die tatsächlich die Möglichkeit haben, frei zu entscheiden und ihrer Entscheidung Aus- (und Nach-)druck zu verleihen..

Frau Annette Bollmohr

26.06.2017, 14:01 Uhr

"... ob es uns nun passt oder nicht." (Semikolon leider übersehen, kann weg).

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