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20.07.2017

13:18 Uhr

Buchrezension „Führen neu denken“

Anleitung zum Scheitern für machtbewusste Manager

VonCarina Kontio

„Führen ist eine Haltung“ sagt Management-Coach Bernd A. Wilken. Was Führungskräfte aus Aphorismen vergangener Jahrhunderte lernen können, zeigt der Autor, selbst ein erfahrener Manager, in seinem kleinen Buch.

Manager können es eigentlich niemandem recht machen. Es ist eine gefährliche Gratwanderung, bei der es einiges zu beachten gilt. Getty Images

Woran scheitern Manager?

Manager können es eigentlich niemandem recht machen. Es ist eine gefährliche Gratwanderung, bei der es einiges zu beachten gilt.

DüsseldorfDieses Buch ist definitiv ganz anders als die herkömmliche Management-Literatur zum Thema Führung. Geübte Ratgeber-Leser spüren den Unterschied schon beim ersten Körperkontakt. Der Einband: weich und seidig. Die 171-Seiten Papier: angenehm zart. Das Layout: unaufdringlich, zurückhaltend, ergänzt durch feine Aquarelle und wer auf dem Buchrücken das Foto des Autors Bernd A. Wilken, Jahrgang 1943, betrachtet (er posiert am hölzernen Schreibtisch im marineblauen Nadelstreifenanzug mit Einstecktuch vor einer Regalwand mit Lexika und Enzyklopädien), der kann schon erahnen, wohin die Reise geht. Nämlich in die Vergangenheit.

Sein Anliegen: Die Kunst des Führens mit bekannten und weniger bekannten Aphorismen aus vergangenen Jahrhunderten zu beleuchten und Antworten auf aktuelle Fragen zu finden. Wie sollen wir umgehen mit Unsicherheit, Zufällen, Selbstzweifeln und Erfolgen? Was lehren sie uns über Niederlagen, Siege, Volatilität, Ängste und Bauchgefühl? Wofür brauchen wir Werte?

10 Tipps für den perfekten Chef

Ein perfekter Chef macht Fehler

Jeder Mensch macht Fehler, denn Menschen sind nicht perfekt. Durch diese Eigenschaft werden Menschen überhaupt erst liebenswert. Wichtig ist jedoch, dass wir um unsere Fehler wissen und Wege finden, wie diese Fehler behoben werden können. Fehler, richtig verstanden, führen zu einer Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit und des Unternehmens.

... ist nicht perfekt

Es ist daher verwunderlich, warum immer noch so viele Chefs meinen, dass sie perfekt sind. Eine solch grobe Selbstüberschätzung führt letztlich zu Arroganz und einem Stillstand an Wachstum (sowohl persönlich als auch unternehmerisch).

... verbessert sich ständig

Darin liegt die Größe eines wirklich „perfekten“ Chefs. Er verwendet die Kenntnis seiner Fehler für die persönliche Weiterentwicklung. Gute Führungspersönlichkeiten meinen nicht, „jemand zu sein“, sondern verstehen sich als „jemand, der wird“ und zwar jeden Tag ein wenig mehr.

... ist Menschenfreund

Eine wesentliche Eigenschaft von „perfekten“ Chefs ist, dass sie Menschen mögen. Viele so genannte Führungskräfte mögen aber nicht einmal sich selbst, geschweige denn andere Menschen. Unter solchen Umständen wird Führung nur schwer möglich sein. Um exzellent zu sein, muss man das, was man tut, lieben. Und um exzellent zu führen, muss man Menschen lieben.

... ist Teamplayer

Der „perfekte“ Chef sagt und meint „Wir!“ und nicht „Ich!“ Er ist ein Teamspieler. Im 21. Jahrhundert werden nur Teams gewinnen und nicht Einzelspieler. Die Mondlandung beispielsweise war auch nicht das Werk eines einzelnen Menschen, sondern das mehrerer tausend Ingenieure, auch wenn die visionäre Kraft eines Wernher von Brauns dahinter stand. Aber er hätte es niemals alleine geschafft.

... fordert Menschen

Der „perfekte“ Chef fordert Menschen heraus. Er will Leistung erleben und regt Menschen an, sie zu erbringen. Dabei orientiert er sich nur ungern am Durchschnitt, sondern an Spitzenleistungen. Der „perfekte“ Chef gibt sich nicht mit dem zweitbesten Ergebnis nicht zufrieden.

... ist fachlich selten der Beste

Von dem Gedanken, stets der Beste in allen Bereichen sein zu wollen, müssen sich Führungspersönlichkeiten trennen. Der „perfekte“ Chef konzentriert sich auf seine Stärken und seine Hauptaufgaben.

... verkörpert Werte

Grundvoraussetzung eines „perfekten“ Chefs sind gelebte Werte, die von allen Mitarbeitern als Führungsgrundsätze empfunden werden. Nur so entsteht das viel geforderte Vertrauen.

... ist wirksam

Letztlich geht es um das wesentliche: Der „perfekte“ Chef be-wirkt, dass Menschen Ziele erreichen. Das Wesen guter Führung ist Wirksamkeit.

... ist offen für andere Wirklichkeiten

Meistens halten wir unsere Meinung für die Wahrheit, basierend auf der Wirklichkeit, wie wir sie empfinden. Häufig entspricht unsere Wirklichkeit jedoch nicht der Realität. Der „perfekte“ Chef setzt sich auf den Stuhl des anderen. Wer durch die Augen anderer sieht, entdeckt eine Fülle von Wirklichkeiten.

Quelle: Perspektive Mittelstand

Von Seneca und Kant über Nietzsche und Goethe bis hin zu Warren Buffett: In 45 Essays, ebenso kurz wie kurzweilig geschrieben, dass man seine Nase auch mal zwischen zwei Meetings reinstecken kann, denkt Wilken die Aphorismen weiter und verknüpft sie mit dem Managerleben. Das macht sie zweifellos zu einem Gewinn für jede Senior-Führungskraft, der Prinzipien und Werte wichtiger sind als kurzfristige Profite und man verzeiht dem Autor den narzisstischen Ausrutscher, dass er ein Zitat von sich selbst in die Auswahl genommen hat.

Kurz: Moral hat bei Bernd A. Wilken, der selbst in einem Dax-Konzern aus der Finanzbranche lange Jahre Höhenluft geschnuppert hat, Konjunktur und was er in dem schmalen Buch so zusammen getragen hat und schreibt, ist aktueller denn je. Nur um ein paar Beispiele zu nennen: „Wenn wir die Menschen behandeln, wie sie sind, machen wir sie schlechter; wenn wir sie aber behandeln, wie sie sein könnten, machen wir sie etwas besser.“ (Goethe), „An der Front essen die Offiziere als letzte“ (Robert Townsend), „Sie brauchen drei Managementqualitäten: Integrität, Intelligenz, Energie. Wenn Sie die erste nicht haben, werden die beiden anderen Sie umbringen“ (Warren Buffett): Viel Ärger und etliche Fehlentscheidungen wären vermeidbar, würden solche Aspekte im Unternehmensalltag tatsächlich stärker berücksichtigt werden. Besonders erhellend ist seine kleine „Anleitung zum Scheitern für machtbewusste Manager“, die wir für Sie auf der letzten Seite gesondert aufgeführt haben.

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