Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.10.2016

15:00 Uhr

Business-Coach Heidi Stopper

„Es ist zu viel Angst im System“

VonClaudia Obmann

Von Unverfrorenheit bis Intrige: Heidi Stopper schildert in ihrem neuen Buch „Blondinen im Management“, was Frauen im Alltag auf der Chefetage so alles erleben. Im Interview spricht sie über ihre Motivation.

Die erfahrene Managerin und Buchautorin wünscht sich eine gesellschaftliche Diskussion darüber, dass Frauen in Unternehmen noch immer benachteiligt sind.

Heidi Stopper

Die erfahrene Managerin und Buchautorin wünscht sich eine gesellschaftliche Diskussion darüber, dass Frauen in Unternehmen noch immer benachteiligt sind.

DüsseldorfHeidi Stopper war Führungskraft beim Flugzeughersteller Airbus und später Personalvorständin beim TV-Sender Pro7Sat 1. Heute arbeitet sie als selbstständiger Business-Coach. Sie weiß aus eigener Erfahrung und aus vielen Gesprächen mit qualifizierten Frauen, welche negativen Erfahrungen Managerinnen mit männlichen Vorgesetzten und Kollegen machen. Als sie selbst zum Beispiel nach ihrem Wechsel zu Airbus ihr neues Büro betrat, erwartete Stopper gähnende Leere: keine Möbel, keine Sekretärin, sogar die Buchsen für Telefon und Computer waren abgeklemmt. „Mein französischer Kollege, der so charmant und hilfsbereit zugesagt hatte, er werde sich um alles nötige kümmern, hatte mir damit mehr als deutlich zu verstehen gegeben, dass ich nicht willkommen war.“

Frau Stopper, der Titel Ihres ersten Buches lautet „Blondinen im Management - Was wir von Frauen im Management lernen können“. Über 40 erfolgreiche Frauen erzählen, was sie auf der Chefetage mit männlichen Platzhirschen, Machtmenschen und Neidern erlebt haben. Mit dem Titel tun Sie sich aber nicht unbedingt einen Gefallen. Männer winken ab, vermuten naive Anekdötchen.
Ich selbst bin keine Barbie-Blondine. Und die Managerinnen, Geschäftsführerinnen und Vorständinnen, deren Erlebnisse wir schildern, ganz sicher auch nicht. Aber ich finde, eine Prise Humor tut diesem schwierigen Thema gut.

 

Zehn-Punkte-Plan für mehr Frauen im Management

1. Ziel: Mehr Frauen in die Geschäftsführung

Wer in der ersten Liga mitspielen will, muss auch bei der Frauenquote vorangehen.

2. Mindestens drei Frauen auf Ebene direkt unter der Geschäftsführung

Frauen an der Spitze sollten sichtbar sein. Eine Frau allein wird oft als Quotenfrau und nicht als Expertin wahrgenommen.

3. Mindestens Zweidrittel der Frauen für obere Führungspositionen intern rekrutieren

Das Signal: Frauen aus der Belegschaft können etwas werden. Mögliche Absicherung: Sie werden gezielt durch Mentoren gefördert.

4. Bewusstes Bekenntnis und sichtbare Wahrnehmung

Eine klare, ambitionierte Positionierung in der Frauenfrage setzt Signale nach innen und außen und zieht potenzielle Bewerberinnen an.

5. Jeder Manager hat mindestens eine Vorgabe zur Frauenförderung als Zielvereinbarung

Nur wenn das Thema Frauen direkt auf Beurteilung und Vergütung durchschlägt, wird es ernsthaft angegangen. Nur dann öffnen Männer ihre Netzwerke.

6. Vier der zehn wichtigsten Projekte (mit-)verantworten Frauen

Das macht Frauen als Expertinnen visibel und verschafft ihnen Netzwerke.

7. Jede Konferenz mit weiblichen Fachredner auf dem Podium

Frauen erhalten als Expertinnen Gehör und Respekt.

8. Organisation von Meetings mit Rücksicht auf Familie

Familiäre Verpflichtungen grenzen sonst von Informationen und Entscheidungen aus.

9. Jede Stellenausschreibung gendersensibel formulieren

Männlich konnotierte Begriffe wie „durchsetzungsstark“ schrecken viele Frauen von der Bewerbung ab.

10. Auf den Vorschlagslisten der Headhunter stehen 30 Prozent Frauen

„Wer sucht, der findet“, gilt auch für Personalberater.

Quelle: Marie-Claire Tietze, Senior Managerin bei KMPG und Expertin für Führungskultur und Vielfalt.

Warum?
Ich und meine Co-Autorin Jane Uhlig wollten eine gewisse Leichtigkeit im Umgang damit signalisieren, um eine gesellschaftliche Diskussion anzuregen. Mit Verbissenheit lässt sich doch nichts bewegen.

In dem Buch steckt jede Menge Sprengstoff. Leider sind die Fälle anonymisiert. Warum wollen die Frauen, die dahinter stecken, denn nicht offen reden? Soviel geballte Frauen-Power – die könnte doch keiner mehr als Einzelfälle abwiegeln…
Es ist zu viel Angst im System, um frei über Missstände in Unternehmen zu sprechen. Dazu kommen noch Verschwiegenheitsklauseln, die Frauen ebenso wie Männer in Top-Positionen mit ihrem Arbeitsvertrag unterschrieben haben.

Glaubt man Ihrem Buch, erleben viele Führungsfrauen die merkwürdigsten Verhaltensweisen in der männerdominierten Wirtschaftswelt – von schlichter Unverfrorenheit mancher Vorgesetzter über das Intrigenspiel der lieben Kollegen bis hin zu sexueller Belästigung. Welches Beispiel hat Sie persönlich am meisten schockiert?
Ich finde es am schlimmsten, dass Frauen heute noch immer von hochkarätigen Managern gefragt werden, warum sie eigentlich arbeiten – wenn Sie doch einen berufstätigen Mann haben.

Stimmt, als Frau ist man reichlich perplex über so viel Rückständigkeit an der Firmenspitze. Aber viele der Managerinnen, die ihre Erlebnisse schildern, wissen auf solche Sprüche oder Verhaltensweisen souverän rauszugeben.
Ja. Das ist mir ganz wichtig. Es ist kein Jammer-Buch, sondern es zeigt typische Situationen aus dem Unternehmensalltag – wie Frauen sie bewältigt haben und auch wie gerade Männer sich toll verhalten und zum Beispiel als Mentor einer Frau dieser bei der Lösung einer schwierigen Situation behilflich sind.

Frau Stopper, Danke für das Interview.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×