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28.09.2016

09:27 Uhr

CEB-Studie

Lieber Work-Life-Balance statt steile Karriere

VonCarina Kontio

Kräftemessen am Arbeitsmarkt: Wollen Unternehmer neue Mitarbeiter gewinnen und die eigene Mannschaft bei Laune halten, müssen sie mehr bieten, als ein gutes Gehalt. Sonst drohen Demotivation und Dienst nach Vorschrift.

Langweile und Unzufriedenheit am Arbeitsplatz können krank machen – und ist leider keine Seltenheit. Getty Images

Unterfordert?

Langweile und Unzufriedenheit am Arbeitsplatz können krank machen – und ist leider keine Seltenheit.

DüsseldorfDie Lage ist eigentlich paradox. Zwischen April und Juni waren auf dem deutschen Arbeitsmarkt 3,98 Millionen offene Stellen ausgeschrieben – ein Anstieg von fast acht Prozent gegenüber dem vergangenen Quartal. Doch obwohl die Chancen für einen Jobwechsel offenbar ganz gut sind, wollen aktuell nur 34 Prozent der Arbeitnehmer ihre Firma verlassen. Laut der Umfrage „Global Talent Monitor“ von CEB, einem Best-Practices- und Technologieunternehmen, liegt die aktive Suche nach einem neuen Arbeitsplatz damit acht Prozentpunkte unter dem weltweiten Durchschnitt von 42 Prozent.

Für Unternehmen, die ihre offenen Stellen besetzen wollen, verschärft sich damit die Lage am Arbeitsmarkt. „Zwar wurden viele Stellen geschaffen, aber durch die geringe Fluktuation ist es schwerer geworden, geeignete Arbeitskräfte für unbesetzte Stellen zu finden“, so André Fortange, Managing Director bei CEB. Erschwerend kommt hinzu: „Immer mehr Arbeitgeber stehen bei der Einstellung und Bindung von Mitarbeitern in einem direkten Wettbewerb, wodurch sich das Kräfteverhältnis zugunsten der Arbeitnehmer verschiebt.“

Zehn Thesen zur Generation Y

These 1

Bei der Diskussion um Generationenvielfalt in der Arbeitswelt geht es nicht um Jung oder Alt, sondern um eine moderne Geisteshaltung – abseits von Effizienzstreben und Massenproduktion. Eine Haltung, die zu einer neuen Realität passt, in der die Welt immer volatiler, unsicherer, komplexer und ambivalenter wird.

These 2

Die Basis moderner Denkmuster besteht in der Erkenntnis, dass die Arbeitswelt heute anders tickt als noch vor 20 oder 30 Jahren. Unser deutsches Erfolgsmodell trägt nicht ewig weiter.

These 3

Es sind die unterschiedlichen Wertesysteme zu Arbeit und Führung, die aufeinander prallen, nicht die Menschen unterschiedlicher Generationen.

These 4

Lebenszeit ist viel zu kostbar, um 40 Stunden pro Woche für Aufgaben zu vergeuden, auf die man keinen Bock hat.

These 5

Die Effizienzzitrone deutscher Unternehmen ist ausgepresst! Wir brauchen einen Musterwechsel. Die GenY sucht ihn im World Wide Web.

These 6

Wir wurden zu lange zu einseitig auf die linke Gehirnhälfte getrimmt: Verstand, Zahlen, Daten, Fakten. Nun gilt es, die rechte zu aktivieren und mit ihr Kreativität, Emotionalität und Intuition.

These 7

Das deutsche Uni-System krankt und produziert Versager der modernen Arbeitswelt.

These 8

Viele Chefs der alten Führungsschule haben nicht systematisch gelernt, Menschen zu führen. Das erklärt vieles…

These 9

Unternehmen sollten sich schleunigst auf die Machtverschiebung hin zum Bewerbermarkt einstellen. Fachkräftemangel lässt bald grüßen.

These 10

Multigrafen, on demand, digitale Transformation, Kulturwandel: Genau darum geht es heute.

Quelle

Steffi Burkhart, „Die spinnen, die Jungen. Eine Gebrauchsanweisung für die Generation Y”, Gabal, ISBN: 978-3-86936-691-3

Doch warum sind so wenige Deutsche zu einem Arbeitsplatzwechsel bereit? Weil sie so glücklich und zufrieden sind mit dem, was sie tun? Die Antwort lautet leider: nein. So hat die CEB-Untersuchung ergeben, dass ein Großteil der Befragten am Arbeitsplatz eigentlich nicht so ganz glücklich ist. Häufig schlummert in den Köpfen der Mitarbeiter lange Unzufriedenheit herum und sie leben schlicht für die nächsten Ferien oder das nächste Wochenende. Am zufriedensten sind sie immerhin noch mit der Vergütung, dem kollegialen Umfeld und dem Respekt – also mit den gleichen Faktoren, auf die sie bei einer Arbeitsstelle weiterhin großen Wert legen. Am unzufriedensten sind sie aber vor allem mit ihrer Work-Life-Balance. Auch wenn sie sich aktuelle Stellenausschreibungen anschauen, mangelt es dort an entsprechenden Angeboten zu mehr Flexibilität.

Die Folge: 46 Prozent der eigentlich demotivierten Beschäftigten stellen den Jobwechsel und damit eventuell auch den nächsten Karriereschritt erst einmal bewusst hinten an. Die schlimmere Folge: Sie sind nicht stärker für ihren aktuellen Arbeitgeber engagiert und machen im grauen Firmenalltag oft nur noch Dienst nach Vorschrift. Und träumen in ihrem Büro davon, was es sonst noch im Leben gibt. Ganz zu schweigen vom wirtschaftlichen Schaden. Wie hoch der Grad der emotionalen Bindung von Mitarbeitern und damit das Engagement und die Motivation bei der Arbeit ist, untersuchen jährlich auch die Experten des Beratungsunternehmens Gallup. In ihrer jüngsten Befragung kommen sie zu einem ähnlich erschütternden Ergebnis: Nur 16 Prozent der Arbeitnehmer sind mit Herz, Hand und Verstand bei der Arbeit. Die große Mehrheit, 68 Prozent der Beschäftigten, machen lediglich Dienst nach Vorschrift. 16 Prozent der Werktätigen sind emotional ungebunden und haben innerlich bereits gekündigt. Die Kosten für die deutsche Wirtschaft? Sie verliert durch Produktivitätseinbußen jährlich zwischen 76 und 99 Milliarden Euro.

„So kann es nicht weitergehen“, kommentierten die Autoren des Ratgeber-Buches „Das Escapce Manifest“ schon vor zwei Jahren das traurige Phänomen. „Wir stehen zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor gewaltigen Herausforderungen und noch größeren Möglichkeiten. Und doch ziehen viele von uns, gelähmt von Furcht und dem vermeintlichen Mangel an realistischen Alternativen, den Kopf ein und bleiben ihrer bewährten Tretmühle treu.“

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