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01.10.2016

12:39 Uhr

Europäischer Depressionstag

„Totschweigen und Nichtstun verhindert keine Suizide“

VonCarina Kontio

In Deutschland sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Aids, Drogen und Raubüberfälle zusammen. Jährlich nehmen sich 600 Menschen unter 25 das Leben. Expertin Diana Doko räumt mit Vorurteilen auf.

Die Berlinerin rief den Verein im Jahr 2001 gemeinsam mit Gerald Schömbs ins Leben. Heute ist Diana Doko PR-Beraterin, Journalistin, Dozentin und als erste Vorstandsvorsitzende bei „Freunde fürs Leben“ aktiv.

Diana Doko

Die Berlinerin rief den Verein im Jahr 2001 gemeinsam mit Gerald Schömbs ins Leben. Heute ist Diana Doko PR-Beraterin, Journalistin, Dozentin und als erste Vorstandsvorsitzende bei „Freunde fürs Leben“ aktiv.

In Deutschland setzen mehr als 10.000 Menschen jedes Jahr ihrem Leben selbst ein Ende. Ein häufiger Grund für den Suizid sind Depressionen. Bei Jugendlichen ist Suizid die zweithäufigste Todesursache nach Unfällen. Die 44-jährige Berlinerin Diana Doko ist Mitgründerin des Vereins „Freunde fürs Leben“ und klärt junge Menschen über das Thema auf. Im Interview anlässlich des Europäischen Depressionstags am 1. Oktober spricht die PR-Beraterin und Hochschuldozentin über den Umgang mit Depressionen, die vor allem bei Managern und am Arbeitsplatz noch immer ein großes Tabu sind.

Frau Doko, warum haben alle Angst, über das Thema zu reden?
Depression und Suizid sind Tabu-Themen in unserer Gesellschaft, und selbst im persönlichen Miteinander ist es schwierig, über depressive Phasen zu sprechen. Daher ist Aufklärung so extrem wichtig, denn nur wenn wir über Warnsignale, Hilfsangebote und Therapiemöglichkeiten Bescheid wissen, können wir zu Lebensrettern werden. Die meisten Menschen reden oft aus Unwissenheit oder Angst, etwas Falsches zu tun, nicht darüber. Und dann sagen oder tun sie oftmals lieber gar nichts. Aber das Nichtstun verhindert keine Suizide.

Suizid - Zahlen und Fakten

Quelle

Die Zahlen und Fakten stammen von der Homepage des Vereins "Freunde fürs Leben": https://www.frnd.de/zahlen-fakten/

Selbstmordandrohung

Es ist falsch zu glauben, dass Menschen, die von Selbstmord sprechen, es nie tun!

10.000

In Deutschland nehmen sich jedes Jahr etwas mehr als 10.000 Menschen das Leben.

150.000

Pro Jahr unternehmen 100.000 bis 150.000 Deutsche einen Selbstmordversuch.

Junge Menschen

Selbstmord ist die zweithäufigste Todesursache bei jungen Menschen zwischen 15 und 29 Jahren (WHO 2014).

Alle 53 Minuten

Etwa alle 53 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben. Alle 5 Minuten, schätzen Fachleute, versucht es jemand.

Verkehrsunfall

In Deutschland sterben mehr als doppelt so viele Menschen durch Selbstmord als durch einen Verkehrsunfall.

Weiche und harte Suizidmethoden

Es gibt weiche Suizidmethoden, wie das Vergiften mit Tabletten, und harte Suizidmethoden, wie Erschießen oder Erhängen.

Männer und Frauen

Jungen und Männer greifen häufiger auf harte Methoden zurück, Mädchen und Frauen wählen statistisch gesehen öfter weiche Methoden.

Männer

Jungen und Männer begehen häufiger tatsächlich Suizid. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass sie bei Suizidversuchen zu den härteren Methoden greifen und deshalb seltener gerettet werden können.

Frauen mit mehr Versuchen

Knapp zwei Drittel aller Suizide werden von Männern begangen. Die Rate der Suizidversuche dagegen ist bei Mädchen und Frauen viel höher.

Sechs Menschen

Von einem Suizid sind etwa sechs Menschen (Angehörige, Freunde, Bekannte) direkt betroffen, die oftmals kaum wissen, wie sie weiterleben können.

2.160 Selbstmorde pro Tag

Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation nehmen sich jährlich etwa 800.000 Menschen weltweit das Leben. Dies entspricht fast 2.160 Selbstmorden pro Tag.

Versuche

Schätzungen zufolge liegt die Zahl der Suizidversuche um ein Zehnfaches höher als der eigentliche Suizid.

Warnsignale

In acht von zehn Fällen kündigt der Betroffene seine Suizidabsichten vorher an.

80 Prozent

80 Prozent aller Bundesbürger haben schon einmal mit dem Gedanken gespielt, sich umzubringen (BDP).

Jeder 3. Selbstmord...

Jeder dritte Selbstmord wird von Menschen über 65 Jahre verübt.

Gehen Jugendliche eigentlich anders mit dem Thema um als Erwachsene?
Wir als Erwachsene müssen jungen Menschen doch erst einmal einen Umgang mit den Themen Depression und Suizid beibringen, sie für die Problematik sensibilisieren und aufklären. So wie an Schulen über Alkohol- und Drogenmissbrauch informiert wird, muss es dort auch eine Aufklärung über seelische Gesundheit geben.

In der Pubertät spielen doch bei vielen die Hormone sowieso verrückt - wann wird es grenzwertig mit der schlechten Laune?
Ach, das kennt doch jeder von uns aus seiner eigenen Jugend. Da passiert plötzlich so vieles im eigenen Körper, das einem neu und fremd ist. Man weiß nicht wohin mit sich und den Gefühlen, ist unsicher, aufgedreht und durcheinander. Ist das jetzt dauerhaft schlechte Laune oder geht es schon in Richtung psychische Krise? Für Jugendliche, die dann den Unterschied zwischen schlechter Laune und psychischer Krise nicht kennen, weil ihnen gesundheitsfördernde Faktoren wie Resilienz, soziale Kompetenz oder Bewältigungsstrategien nie beigebracht wurden, kann das bis ins hohe Alter Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben.

Wie helfen Sie den jungen Menschen mit „Freunde fürs Leben“ konkret?
Wir holen die Jugendlichen dort ab, wo sie sich aufhalten: Im Internet und in sozialen Netzwerken. Wir nutzen ihre Kommunikations- und Informationsgewohnheiten und bieten ihnen mit unserem „frnd“-Youtube-Kanal oder unserer „frnd“-Facebookseite einen niedrigschwelligen Zugang zu so einem schweren Thema wie Depression oder Suizid.

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