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18.01.2017

15:42 Uhr

Generation Y

Hört auf, uns Millennials an den Pranger zu stellen!

VonFulya Çayir

Unsere Autorin ist Millennial – und kann die absurden Vorurteile über ihre Generation nicht mehr hören. Sie fordert ein Ende der Pauschalisierungen durch selbsternannte Experten. Ein Kommentar.

Die Generation Y ist ein vieldiskutiertes Schlagwort unserer Zeit. Unsere Autorin hinterfragt Vorurteile und blickt hinter die Fassade. Getty Images

Die Generation Y ist ein vieldiskutiertes Schlagwort unserer Zeit. Unsere Autorin hinterfragt Vorurteile und blickt hinter die Fassade.

DüsseldorfBeobachtet, vermessen und bewertet: Gibt man bei Google den Begriff „Millennials“ ein, folgen diverse Websites, die ihn definieren. Er umfasst alle Menschen, die zwischen 1980 und 1999 geboren sind.

Mit meinem Geburtsjahr – 1986 – gehöre auch ich dieser Generation an. Leider sind es meistens – meines Erachtens – dubiose Experten und Trendforscher, die diese komplette Generation zu durchleuchten wissen. Es gibt sogar Buchautoren, die uns damit stigmatisieren, wir seien „beziehungsunfähig“. Gut, manchmal sind es tatsächlich Sozialwissenschaftler oder Psychologen, aber oft genug eben auch Neunmalkluge, die die komplette Generation über einen Kamm scheren. Und damit habe ich große Probleme. Massive Probleme.

Ich finde: Das Fass an Meinungsartikeln und Podiumsdiskussionen ist schon lange übergelaufen. Unlängst kursierte ein Videobeitrag in den sozialen Medien. Darin saß ein selbst ernannter Experte aus Übersee auf der Bühne, die Beine salopp übereinander geschlagen und schwafelte vor sich hin. Millennials seien in Kokons gehüllte Individuen, die nicht mit der harten Realität zurechtkämen. Und daran seien die Eltern Schuld. Sie würden ihren Kindern nämlich von Geburt an einreden, sie seien toll und könnten alle ihre Träume erreichen.

Ganz ehrlich: Was ist denn bitte so falsch daran, wenn Eltern ihre Kinder ermutigen, die Welt verbessern zu können? Was ist falsch daran, dass sie das Selbstbewusstsein ihrer Kinder stärken und ihnen eine Stütze sein wollen?

Zehn Thesen zur Generation Y

These 1

Bei der Diskussion um Generationenvielfalt in der Arbeitswelt geht es nicht um Jung oder Alt, sondern um eine moderne Geisteshaltung – abseits von Effizienzstreben und Massenproduktion. Eine Haltung, die zu einer neuen Realität passt, in der die Welt immer volatiler, unsicherer, komplexer und ambivalenter wird.

These 2

Die Basis moderner Denkmuster besteht in der Erkenntnis, dass die Arbeitswelt heute anders tickt als noch vor 20 oder 30 Jahren. Unser deutsches Erfolgsmodell trägt nicht ewig weiter.

These 3

Es sind die unterschiedlichen Wertesysteme zu Arbeit und Führung, die aufeinander prallen, nicht die Menschen unterschiedlicher Generationen.

These 4

Lebenszeit ist viel zu kostbar, um 40 Stunden pro Woche für Aufgaben zu vergeuden, auf die man keinen Bock hat.

These 5

Die Effizienzzitrone deutscher Unternehmen ist ausgepresst! Wir brauchen einen Musterwechsel. Die GenY sucht ihn im World Wide Web.

These 6

Wir wurden zu lange zu einseitig auf die linke Gehirnhälfte getrimmt: Verstand, Zahlen, Daten, Fakten. Nun gilt es, die rechte zu aktivieren und mit ihr Kreativität, Emotionalität und Intuition.

These 7

Das deutsche Uni-System krankt und produziert Versager der modernen Arbeitswelt.

These 8

Viele Chefs der alten Führungsschule haben nicht systematisch gelernt, Menschen zu führen. Das erklärt vieles…

These 9

Unternehmen sollten sich schleunigst auf die Machtverschiebung hin zum Bewerbermarkt einstellen. Fachkräftemangel lässt bald grüßen.

These 10

Multigrafen, on demand, digitale Transformation, Kulturwandel: Genau darum geht es heute.

Quelle

Steffi Burkhart, „Die spinnen, die Jungen. Eine Gebrauchsanweisung für die Generation Y”, Gabal, ISBN: 978-3-86936-691-3

Was ich auch oft lese und höre: Millennials oder auch die als Generation Y bekannte Menschengruppe hätten keine politische Meinung. Wir seien keine Kinder, die große Kriege mitbekommen hätten. Zur Zeit der Wiedervereinigung waren wir schlicht zu jung gewesen, um das politische und globale Ausmaß dessen begreifen zu können. Gleiche Voraussetzungen gelten für den Zweiten Golfkrieg sowie für den Krieg im Balkan. Aber dann kam 9/11. Das war auch das erste Mal, als ich persönlich spürte, dass die Welt nicht überall gleich sicher ist. Dennoch war ich ein Teenager und habe über vieles anders gedacht als jetzt. Aber als erwachsene Frau habe ich doch selbstverständlich eine Meinung zu all diesen Ereignissen!

Uns wird von verschiedenen Parteien vorgeworfen, wir hätten nicht den Mut, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. Vor zwei Jahren stand ich allerdings tatsächlich am Düsseldorfer Hauptbahnhof und habe den Demonstranten der „Dügida“ die Stirn geboten. Mittlerweile ist der nordrhein-westfälische Abklatsch der Pegida längst schon wieder in der Luft verpufft. Ob das an meinem Engagement lag, weiß ich nicht. Fakt ist: Uns geht´s gut, wir sind größtenteils Akademiker, meistens hochgradig reflektiert und zufrieden. Zumindest mit unserer Art zu leben. Denn: Weltverbesserung geht immer.

Heulsusen, Weicheier, frech & faul: Eine Gebrauchsanweisung für die Generation Y

Heulsusen, Weicheier, frech & faul

Gebrauchsanweisung für die Generation Y

Autorin Steffi Burkhart liefert ein pointiertes Plädoyer dafür, die Generation Y ernst zu nehmen.

Wir wollen keine Millionen verdienen – das ist richtig. Aber selbst die Tatsache, dass wir darauf Wert legen, geregeltere Arbeitszeiten zu haben, um ein intaktes Privatleben zu genießen, wird uns vorgeworfen. Unternehmen seien plötzlich gezwungen, ihre komplette Struktur wegen unserer Generation umzukrempeln. Selbst die Kosmetikindustrie sei gezwungen, neue Produkte auf den Markt zu bringen. Auch das stand zuletzt in einem Online-Artikel. Die Generation Y hätte keinen Bedarf an Anti-Aging-Produkten, denn sie stünde zu ihren Lachfalten. Sicher, das ist bestimmt eine unermessliche Schande! #Ironieaus.

Erneut frage ich mich: Was ist falsch daran, dass wir nicht schon mit 35 unter Burn-Out leiden wollen? Was ist falsch daran, dass wir keine Botox-Zombies werden wollen? Wir bewegen eine Besserung der Arbeitsbedingungen in der Wirtschaft? Na, ist doch super! Wir stehen zu unserem Körper. Ist doch toll!

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