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09.02.2017

18:15 Uhr

Pinkstinks Deutschland

„Der Konsumterror zementiert unsere Rollenbilder“

VonCarina Kontio, Corinna Nohn

Die Wutbewegung lehrt Werbegiganten wie Ströer das Fürchten – macht sich aber auch bei Feministinnen unbeliebt. Ein Gespräch mit Initiatorin Stevie Schmiedel über GNTM, Rollenbilder, Hass im Netz und den verwirrten Mann.

„Ich war am Anfang nur eine Frau mit dem Namen Pinkstinks und habe in meinem Wohnzimmer gearbeitet.“ Carsten Dammann für Handelsblatt

Stevie Schmiedel in ihrem Hamburger Büro

„Ich war am Anfang nur eine Frau mit dem Namen Pinkstinks und habe in meinem Wohnzimmer gearbeitet.“

HamburgDie Initiative Pinkstinks Deutschland, 2012 nach dem englischen Modell gegründet von der Deutsch-Britin Stevie Schmiedel und in der Eigendarstellung gedacht als „Kampagne gegen Produkte, Werbeinhalte und Marketingstrategien, die Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen“, ist inzwischen eine erfolgreiche Bundeskampagne - mit nicht von der Hand zu weisendem Einfluss. Im Interview spricht die Gender-Forscherin über den Geruch von Pink, den Einfluss von Werbung auf unsere Gesellschaft und über das Aufbrechen tradierter Rollenbilder.

Frau Schmiedel, Pink stinkt also. Wie riecht denn blau?
Pink stinkt natürlich nicht. Pink kann gar nicht stinken, es ist nur eine Farbe. Man könnte unseren Namen so interpretieren: Pink stinkt zurück.

Das müssen Sie erklären.
Zumindest das, was als Pink codiert worden ist, stinkt zurück. Wenn Pink nur für Mädchen da ist, wenn pinke Produkte immer niedlich sind. Klar, gerade haben bei den weltweiten Protesten gegen Donald Trump und Sexismus Frauen massenhaft pinkfarbene „Pussyhats“ getragen, also Mützen in Schamlippenform – das war eine Anspielung auf Trumps Aussage, er dürfe Frauen zwischen die Beine greifen, weil er ein Star ist. Die Bilder waren bewegend, ein Meer aus Pink. Diesen Leuten können wir natürlich nicht sagen, Pink stinkt. Dann würden ja viele denken, dass wir irgendwas nicht richtig verstanden haben…

Zehn-Punkte-Plan für mehr Frauen im Management

1. Ziel: Mehr Frauen in die Geschäftsführung

Wer in der ersten Liga mitspielen will, muss auch bei der Frauenquote vorangehen.

2. Mindestens drei Frauen auf Ebene direkt unter der Geschäftsführung

Frauen an der Spitze sollten sichtbar sein. Eine Frau allein wird oft als Quotenfrau und nicht als Expertin wahrgenommen.

3. Mindestens Zweidrittel der Frauen für obere Führungspositionen intern rekrutieren

Das Signal: Frauen aus der Belegschaft können etwas werden. Mögliche Absicherung: Sie werden gezielt durch Mentoren gefördert.

4. Bewusstes Bekenntnis und sichtbare Wahrnehmung

Eine klare, ambitionierte Positionierung in der Frauenfrage setzt Signale nach innen und außen und zieht potenzielle Bewerberinnen an.

5. Jeder Manager hat mindestens eine Vorgabe zur Frauenförderung als Zielvereinbarung

Nur wenn das Thema Frauen direkt auf Beurteilung und Vergütung durchschlägt, wird es ernsthaft angegangen. Nur dann öffnen Männer ihre Netzwerke.

6. Vier der zehn wichtigsten Projekte (mit-)verantworten Frauen

Das macht Frauen als Expertinnen visibel und verschafft ihnen Netzwerke.

7. Jede Konferenz mit weiblichen Fachredner auf dem Podium

Frauen erhalten als Expertinnen Gehör und Respekt.

8. Organisation von Meetings mit Rücksicht auf Familie

Familiäre Verpflichtungen grenzen sonst von Informationen und Entscheidungen aus.

9. Jede Stellenausschreibung gendersensibel formulieren

Männlich konnotierte Begriffe wie „durchsetzungsstark“ schrecken viele Frauen von der Bewerbung ab.

10. Auf den Vorschlagslisten der Headhunter stehen 30 Prozent Frauen

„Wer sucht, der findet“, gilt auch für Personalberater.

Quelle: Marie-Claire Tietze, Senior Managerin bei KMPG und Expertin für Führungskultur und Vielfalt.

Das klänge in dem Zusammenhang ziemlich frauenfeindlich. Aber grundsätzlich: Bedeutet Antisexismus nicht auch, mehr Farben zuzulassen? Mädchen ihre Vorliebe für Pink zu lassen?
Das hören wir tatsächlich oft von Menschen, die den Witz nicht verstanden haben und uns vorwerfen, wir hätten die feministische Entwicklung der letzten Jahrzehnte nicht mitbekommen. Fakt ist, dass Pinkifizierung, ganz besonders Müttern, stinkt. Und wenn andere Feministinnen sagen: Was stellt ihr Euch denn so an, man kann doch Prinzessin Lillifee auch toll finden und emanzipatorisch nutzen, dann sage ich: Kann man nicht!

Erklären Sie uns doch mal den Witz von Pinkstinks...
Pinkstinks fing an in England mit zwei Müttern, die den Geburtstag ihrer Kinder feierten, und es landete so viel pinker Müll auf dem Gabentisch. Alles war niedlich und süß und die Figuren unglaublich dünn, so wie bei Lillifee oder Barbie. Oder es hatte mit Häuslichkeit zu tun: Küche, backen, putzen. Aus diesem Erlebnis entstand die Idee, dass Pink unheimlich nervt, beziehungsweise auf Englisch: „Pinkstinks“. Die beiden Mütter richteten eine Webseite ein, prangerten solche Angebote an und hatten großen Erfolg, bis sie die Aktion dann nach zwei Jahren auf kleinerer Flamme gekocht haben.

Weil ihre Arbeit nicht mehr nötig war?
Nein, weil sie das alles neben ihren eigentlichen Jobs gemacht haben. Weil ich die Idee toll fand, mit einfachen Worten und plakativ auf den Sexismus hinzuweisen, der leider auch bei uns alltäglich ist, habe ich Pinkstinks in Deutschland dann als richtige NGO aufgebaut.

Wo fängt Alltagsseximus für Sie an?
Oft ist es Werbung, sind es Bilder. Ein Beispiel: Ich gehe in ein Kaufhaus und kaufe für mein Kind ein Geschenk, und da hängt am Regal mit den Spielzeugküchen das Schild: „Für Mutti“. Bei mir zu Hause macht der Mann die Wäsche, aber dort gibt es Wäscheklammern für Kinder und Spielzeugbügeleisen und so weiter, um „Für Mutti” zu spielen. Wie sollen Kinder offen bleiben für Rollenbilder, wie soll es in ihren Köpfen anders laufen als in vorherigen Generationen, wenn da nach wie vor „Für Mutti” dran steht?

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