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14.12.2016

14:04 Uhr

Transfrau Sarah Ungar

„Das Doppelleben hat unheimlich Kraft gekostet“

VonCorinna Nohn

Vor einem Jahr war sie bei Thyssen-Krupp noch „Herr Ungar“ und „der Personaler“, dann wurde Sarah Ungar offiziell zur Frau. Ein Gespräch über das Leben im falschen Körper und das Outing als transsexuell im Stahlkonzern.

„Ich hoffe, ich kann mit meiner Geschichte anderen die Angst vor einem Outing nehmen.“ (Foto: Thyssen-Krupp)

Sarah Ungar, Personalexpertin bei Thyssen-Krupp

„Ich hoffe, ich kann mit meiner Geschichte anderen die Angst vor einem Outing nehmen.“ (Foto: Thyssen-Krupp)

EssenÜber das Gelände der Zentrale von Thyssen-Krupp, wo Fassaden aus Stahl von den Wurzeln des Konzerns zeugen, fegen eisige Winde. Haare zerzausen, die Leute ziehen die Mäntel enger um die Hüfte. Zum Gespräch treffen sich an diesem Wintermorgen vier Frauen, davon zwei Führungskräfte aus dem Personalwesen, eine Pressesprecherin, eine Journalistin. Alle tragen dicke Schals und gefütterte Stiefel. Nur Sarah Ungar ist in Pumps unterwegs. Absatzhöhen sollten im Personalwesen keine Rolle spielen, aber in diesem Fall tun sie es doch: Ungar, die die anderen um einen Kopf überragt, war vor nicht allzu langer Zeit noch als Herr Ungar im Konzern unterwegs.

Liebe Frau Ungar, Anfang des Jahres waren Sie hier bei Thyssen-Krupp noch der „Kollege“ und „der Personaler“. Haben sich Ihre Mitarbeiter schon daran gewöhnt, „Sarah“ und „Frau“ zu sagen?
Versprochen hat sich nach meinem Namenswechsel jedenfalls niemand. Ich glaube auch, dass es für viele gar keine große Überraschung war. Es gibt ja gewisse Merkmale und Verhaltensweisen, die wir Männern und Frauen zuschreiben, und da habe ich offenbar das Weibliche in gewissem Rahmen erfüllt.

Kollegen ahnten es, dass Sie eine Transfrau sind?
Es haben zumindest einige gespürt, dass da etwas war. Später sagten mir dann auch Kollegen, dass es schon vor meinem Outing äußerlich auffällig war, wie ich mich verändert habe.
Wer im falschen Körper geboren wurde und das Äußere dem empfundenen Geschlecht angleichen möchte, kann sich chirurgischen und vor allem hormonellen Behandlungen unterziehen. Wenn dann die Medikamente auf den Körper einwirken und jemand wie Sarah Ungar die Haare wachsen lässt, werden peu à peu Veränderungen sichtbar.

Die wichtigsten Fragen zum Thema LGBTI

Was genau heißt „LGBTI“?

LGBTI ist die Abkürzung für die englischen Begriffe Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual/Transgender und Intersexual (deutsch: Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell/Transgender und Intersexuell).

Was ist transsexuell und was intersexuell?

Als transsexuell bezeichnen sich Menschen, die wissen, nicht im Körper des richtigen Geschlechtsgeboren worden zu sein, während intersexuelle Menschen aus genetischen, anatomischen und/oder hormonellen nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind, weil sie zum Beispiel männliche und weibliche Fortpflanzungsorgane besitzen.

Wie viele Leute sind transsexuell?

Die Schätzungen reichen von 0,0015 Prozent bis 0,26 Prozent der Bevölkerung, aber die Zahl der Verfahren zur Änderung von Namen und Personenstand steigt stetig, von 265 im Nachwendejahr 1991 bis auf 1648 Verfahren im Jahr 2015.

Wie viele Leute sind intersexuell?

Auch hier gehen die Schätzungen sehr auseinander, da manche intersexuelle Menschen auch keinerlei Auswirkung spüren, aber der Bundesverband Intersexuelle Menschen e.V. spricht von 80.000 bis 120.000 intergeschlechtlichen Menschen in Deutschland, das wäre etwa ein Prozent der Bevölkerung.

Was ist ein Transmann?

Menschen, die physisch weiblich sind, aber ein männliches Identitätsgeschlecht haben, werden in der Regel als Frau-zu-Mann-Transsexuelle oder Transmänner bezeichnet, während man Menschen, die physisch männlich sind, aber ein weibliches Identitätsgeschlecht haben, entsprechend als Mann-zu-Frau-Transsexuelle oder Transfrauen bezeichnet.

(Quelle: Trans-Ident e.V.)

Ist ein Transvestit auch transsexuell?

Nein, Transvestismus ist das bevorzugte Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts (sogenanntes Cross-Dressing) mit dem Ziel, die sexuelle Befriedigung zu steigern und/oder Ängste zu lindern, und kommt sowohl bei homosexuellen als auch bei heterosexuellen Menschen vor.

(Quelle: Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft DIJG)

Ist Transsexualität eine Krankheit?

Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation zählt Transsexualismus zu den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen und wird daher in Deutschland wie eine Krankheit behandelt – die WHO will ihre Kriterien aber 2017 ändern.

Ist Transsexualität heilbar?

Es gibt keinen in der Wissenschaft anerkannten Fall, in dem eine gefühlte Geschlechtsidentität dauerhaft durch äußere Eingriffe wie Erziehungsmethoden dauerhaft geändert werden konnte, sondern, im Gegenteil, Beispiele medizinischer Versuche mit tragischen Folgen für die beteiligten Transmenschen.

Kann sich jeder in Deutschland sein Geschlecht aussuchen?

Bei intersexuell geborenen Menschen ist nach Geburt ein sogenannter unbestimmter Geschlechtseintrag im Geburtenbuch („drittes Geschlecht“) möglich; transsexuelle Menschen können einen Antrag auf Änderung von Namen und Personenstand (Männlich/weiblich) stellen, wenn sie sich dem anderen Geschlecht als zugehörig empfinden. Seit dem 11. Januar 2011 ist es nicht mehr notwendig, sich vor Änderung des Personenstandes einer geschlechtsangleichenden Operation zu unterziehen.

Kann aus einem männlichen ein weiblicher Körper werden?

Es gibt hormonelle Therapien und chirurgische Eingriffe, um den eigenen Körper dem empfundenen Geschlecht soweit wie möglich anzugleichen, außerdem gibt es Verfahren zur dauerhaften Bartentfernung und logopädische Schulungen etwa zur Stimmangleichung.
(Quelle: Trans-Ident e.V.)

Was ist „queer“?

„Queer“ bezeichnet auf englisch den Umstand, dass Dinge, Handlungen oder Personen von der Norm abweichen, hat sich aber zum Sammelbegriff für all jene Bewegungen und Personen etabliert, die irgendwie von der sogenannten heterosexuellen Norm abweichen - also neben LGBTI-Vertretern auch Asexuelle oder Menschen, die Polyamorie (die Liebe zu mehr als einer Personen zur selben Zeit) praktizieren.

Und dann kam der Tag, an dem plötzlich Sarah auf Ihrem Stuhl saß. Wie hießen Sie denn als Mann?
Die Kollegen kennen den Namen natürlich. Aber wer mich nur als Sarah kennt, in dem soll gar kein anderes Bild entstehen. Deshalb bleibt’s bei Sarah.

Wie sind Sie auf den Namen gekommen?
Ich habe ja Betriebswirtschaft studiert und bin da sehr rational drangegangen. Ich habe eine Liste gemacht mit Namen, die grundsätzlich in Frage kamen. Am Ende blieb Sarah übrig, und da ich damals keine andere Sarah kannte, dachte ich: Das ist die Lücke, die ich ausfüllen möchte.
Sarah Ungar erzählt ruhig, mit sanfter Stimme. Wer ihr gegenüber sitzt, kommt nicht auf die Idee, dass sie eine Transfrau ist. Sie trägt einen Hosenanzug, dezentes Make-Up und Lippenstift. Erst im Nachhinein, beim Abhören des Tonbands, fällt auf, dass ihre Stimme doch männlich klingt. Männer haben längere Stimmbänder als Frauen. Operative Eingriffe sind zwar möglich, aber ohne Erfolgsgarantie. Dafür lässt sich mit Hilfe von Logopäden eine typisch weibliche oder männliche Stimmmelodie trainieren.

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Ja, wobei das bei mir ein Veränderungsprozess war, der zwei, drei Jahre gedauert hat.

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