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08.03.2017

10:15 Uhr

Unternehmerin Filiz Arpaci

„Frauen gehen mehr über die Gefühlsebene ran"

VonCarina Kontio

Filiz Arpaci ist Geschäftsführerin eines Mobilfunk-Shops Bielefeld. Als Chefin und Technik-Expertin ist sie ständig mit Vorbehalten gegen sich konfrontiert. Im Interview gibt sie Tipps für jungen Unternehmerinnen.

Die Unternehmerin ist in Bielefeld für drei Angestellte verantwortlich. PR

Filiz Arpaci

Die Unternehmerin ist in Bielefeld für drei Angestellte verantwortlich.

Die gebürtige Ostwestfälin Filiz Arpaci, Jahrgang 1979, ist seit 2004 Geschäftsführerin eines Mobilcom-Debitel-Shops in Bielefeld. Seitdem musste sie sich intensiv mit Vorbehalten gegen eine Frau als Chefin und zugleich gegen eine Frau als Technik- Expertin auseinandersetzen. Im Interview erzählt sie, wie sie sich im Spannungsfeld der Rolle als Frau und als Unternehmerin mit hoher Technik-Kompetenz durchsetzt – und was sie anderen jungen Frauen rät.

Frau Arpaci, Sie sind in einem kleinen Dorf in Ostwestfalen mit sieben Geschwistern aufgewachsen. Woher kommt Ihre Leidenschaft für Technik?
Ich war schon als Kind immer an Technik interessiert. Meist haben aber meine Brüder technisches Spielzeug bekommen und ich sollte mich mit Puppen beschäftigen...

Mit 21 Jahren haben Sie sich dazu entschieden, Franchisenehmerin zu werden. Zwei Jahre später kam Ihre Tochter zur Welt - wir haben Sie beides unter einen Hut gebracht?
Mein Partner hat mich sensationell unterstützt. Sowohl geschäftlich als auch in der Erziehung unserer gemeinsamen Tochter. Nur so war meine Selbständigkeit weiterhin möglich.

Empfinden Sie es denn als etwas Besonderes, dass Sie als Frau den Shop eines Mobilfunkproviders leiten?
Nein. Es fällt es mir aber auf diversen Firmenveranstaltungen schon auf, dass es sehr wenige weibliche Franchisepartnerinnen gibt. Ich würde mir einen größeren Frauenanteil wünschen.

Haben Sie als Frau ein besonderes Verständnis von Vertrieb und Kundendienst?
Ich denke, dass Frauen nicht nur rational an den Vertrieb und den Kundendienst rangehen. Es geht mehr über die Gefühlsebene. Die Gespräche mit den Kunden sind nicht so faktenbezogen wie bei meinen männlichen Kollegen, wobei sie inhaltlich absolut korrekt sind.

Warum Frauen im Hamsterrad und Männer im Vorstand landen

Zehn Thesen

10 wesentliche Thesen von Brigitte Witzer aus ihrem Buche „Die Fleißlüge - Warum Frauen im Hamsterrad landen und Männer im Vorstand“. Hat man schon jemals von einem fleißigen Mann auf einer Top-Position gehört? Kein Wunder also, dass Frauen in ihren traditionellen Rollen als „Prinzessin“ und „Superbiene“ grandios scheitern, weil sie genau darauf bauen: Fleiß. Los geht's mit These 1.

These 1: Tugend-Irrtum

Frauen wollen mit genau den gleichen Tugenden im Beruf erfolgreich sein wie schon ihre Mütter und Großmütter in Haus und Hof. Doch das Berufsleben ist ein Spiel mit eigenen Regeln, die oft genug unbekannt und nicht thematisiert sind.

These 2: Was zählt ist Fleiß und Schönheit

Die traditionelle Frauenrolle kann nur mit Fleiß oder Schönheit erfolgreich gelebt werden. Beides lässt sich gut messen und gut zeigen.

These 3: Frauen bleiben stecken

Fleiß führt zügig zu Top-Abschlüssen und oft sehr schnell ins mittlere Management bis an die „Gläserne Decke“. Aber auch weiter?

These 4: Auch Männer kennen Glasdecke

Die Sicht der anderen Seite: Männer holen sich in der Elternzeit blaue Flecken an der gleichen „Gläsernen Decke“: „Kann der das?“

These 5: Kein Arbeiten auf Augenhöhe

Fatal genug: Die „Gläserne Decke“ ist keine Erfindung der Arbeitswelt. Sie sichert viel mehr gegenseitige Abhängigkeiten und verhindert Augenhöhe zwischen Männern
und Frauen in allen Lebensbereichen.

These 6: Macht gewinnt über Inhalte

In der Wirtschaft gewinnt Strategie bzw. Macht ausnahmslos über Inhalte – Frauen kümmern sich eher um Inhalte, Männer um Strategie und Macht.

These 7: Frauen rächen sich mit...

Die Folge: Männer wechseln leicht ihre Strategien und tauschen Inhalte aus – und mit ihnen die fleißigen Frauen, die diese liefern. Inhaltsgetriebene Frauen rächen
sich mit der Abwertung strategischer Manager.

These 8: Für Männer reicht das Potential

Privat wie öffentlich gilt: Frauen müssen hier und jetzt gut sein – Prinzessinnengleich -, für Prinzen reicht das Potential.

These 9: Das Spiel der Königin

Frauen als „Prinzessinnen“ und „Superbienen“ üben neue Möglichkeiten als Heldin und gewinnen Augenhöhe als Königin. Erst in dieser Rolle begreifen sie das Gute am
Macht-Spiel: Einflussnahme, Strategie, Politik – mit persönlicher Überzeugung, aber sicher nicht mit Fleiß.

These 10: Der Weg zur eigenen Identität

Die Welt von Morgen ist auf diese Handlungsqualität angewiesen. Sie sollte gemeinsam von Männern und von Frauen gestaltet werden, die Hierarchie hinter sich lassen
und zur eigenen Identität finden.

Haben Sie Tipps für junge Frauen?
Egal, in welchem Beruf man Spaß und Freude hat – man sollte die Sache selbstbewusst und verantwortungsvoll angehen. Sich nicht unterkriegen lassen. Sich auch als Frau in so genannten Männerberufen durchbeißen.

Was wünschen Sie sich von den Männern beziehungsweise der Gesellschaft?
Keine Vorurteile Frauen gegenüber. Eine Frau ist in ihrem Beruf genauso gut wie ein Mann. Das Geschlecht spielt bei der Kompetenz absolut keine Rolle. Das sollte unsere Gesellschaft endlich anerkennen.

Besondere Situation im Geschäft?
Mein Kollege hatte einen unzufriedenen Kunden. Dieser Kunde wollte unbedingt seinen Vorgesetzten sprechen. Mein Kollege kam in mein Büro, um mich zu rufen. Als ich bei dem aufgebrachten Kunden erschien, ihn freundlich begrüßte und fragte, was ich denn für ihn tun könne, schrie er mich an und wollte den Chef sprechen. Als ich ihm freundlich sagte, dass ich die Chefin bin, drehte er sich um und verließ wortlos das Geschäft.

Frau Arpaci, ich danke Ihnen für das Interview.

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