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12.11.2016

11:53 Uhr

Weihnachten, Silvester & Co.

Machst du noch Party, oder feierst du schon?

VonChristoph Quarch

Ob auf dem Oktoberfest, bei Hochzeiten, zur alljährlichen Weihnachtsfeier, auf Malle oder im Vereinsheim: überall wird lustig gefeiert und immer fließt der Alkohol in Strömen. Doch was feiern die Menschen da eigentlich?

Was genau feiern die Menschen eigentlich, wenn sie feiern? Diese Frage stellt sich der Philosoph Christoph Quarch in seinem Essay. Getty Images

Flache Party ohne Sinn?

Was genau feiern die Menschen eigentlich, wenn sie feiern? Diese Frage stellt sich der Philosoph Christoph Quarch in seinem Essay.

Fulda„Die Leute kommen, um zu feiern“, sagt Gerlinde S. „Um was zu feiern?“, will ich wissen. „Zu feiern eben, einfach so“, lautet die Antwort der Gastwirtin. Die Szene ist das Örtchen Willingen im Sauerland. Bekannt für seine Skisprung-Schanze; noch bekannter aber als „Mallorca des Nordens“ oder „Party-Paradies“. Hierhin pilgern junge Leute, meistens junge Männer aus dem nahen Ruhrgebiet, um das zu tun, was man heute „feiern“ nennt: zu trinken, tanzen, Spaß zu haben. Und alles das im großen Maßstab.

Die fünf Regel der Weihnachtsfeier

1. Nicht auf Vorrat bunkern (1)

Alkohol nur in Maßen genießen. Denn Disziplin kommt bei Vorgesetzten besser an als die Ausrede: „Der sechste Glühwein war irgendwie schlecht.“

Quelle: Focus.de

1. Nicht auf Vorrat bunkern (2)

Auch beim Büffet sei Zurückhaltung geboten. Nur weil die Firma zahlt, sollten Mitarbeiter das Essen nicht wie den schiefen Turm von Pisa auf dem Teller stapeln.

2. Kleidung as usual (1)

Gibt es im Büro einen strengen Dresscode, dient dieser auch bei Weihnachtsfeiern als Orientierung. Tragen Angestellte beispielsweise während der Bürozeiten Anzug oder Kostüm, sind Sneakers am Abend daneben.

2. Kleidung as usual (2)

Ist im Unternehmen legere Kleidung üblich, passt auch auf dem Fest ein lockerer Stil. Generell gilt, eher dezent als auffällig und bunt.

3. Finger weg von Kollegen (1)

Amerikanische Forscher des Scripps-Research-Instituts haben unlängst bewiesen, dass Alkohol aphrodisierend wirkt. Und auch die Praxis zeigt: Mit jedem Gläschen werden die Kollegen attraktiver.

3. Finger weg von Kollegen (2)

Wer jedoch nicht zum Gesprächsthema Nummer eins avancieren oder sich einen Korb einfangen will, sollte die Finger von seinen Kolleginnen (und Kollegen) lassen. Auch auf der Weihnachtsfeier sollten Mitarbeiter Berufliches und Privates strikt trennen. Die Anstandsgrenze von einem halben Meter sollte nie unterschritten werden.

4. Der Chef ist dein Kumpel (1)

Der größte Fauxpas lauert in der Verbrüderung mit Vorgesetzten, warnt der Stilexperte. Den Chef mutig duzen und die nächste Gehaltserhöhung fordern, weckt keine Sympathien.

4. Der Chef ist nicht dein Kumpel (2)

Weihnachtsfeier ist kein Meeting, Berufliches bleibt außen vor. Ein Jobthema eignet sich lediglich als Gesprächseinstieg Kollegen, die man weniger gut kennt.

5. Den Absprung schaffen (1)

Auch auf Weihnachtsfeiern gilt: Gehen, wenn’s am schönsten ist. Wenn sich die Gäste allmählich ausdünnen, ist der richtige Zeitpunkt gekommen – meist gegen 23 Uhr.

5. Den Absprung schaffen (2)

Oftmals ziehe ein harter Kern noch weiter in die nächste Bar. Doch Mitarbeiter, die am nächsten Tag wieder im Büro erscheinen müssen, sollten davon Abstand nehmen.

Solches geschieht nicht nur in Willigen. „Gefeiert“ wird in Clubs und Discos überall im Lande, gefeiert wird bei zahllosen Oktoberfesten, Schützenfesten, Volksfesten jedweder Couleur. Gefeiert wird auf Malle oder im Vereinsheim. Und immer fließen dabei Ströme Alkohols; und meistens wird es dabei laut und lustig. Party-Laune allenthalben. Man feiert eben, einfach so.

Ist etwas schlecht daran? Wohl kaum, denn was ist schlecht daran, wenn sich die Menschen amüsieren? Schlecht wird es allenfalls, wenn sie sich – wie Neil Postman über die Kultur des Westens sagte – irgendwann zu Tode amüsieren. Aber bis dahin ist es – Komasaufen ausgenommen – doch ein weiter Weg. Und trotzdem nagt in mir ein Unbehagen, wenn ich jenen Kult des Feierns sehe, dem in Willingen und anderswo gehuldigt wird. Das Unbehagen rührt aus der genannten Frage, die ich jener Gastwirtin einst stellte: „Was feiern diese Leute eigentlich?“

Philosoph und Autor. Gerade ist im Hanser Verlag das Buch "Rettet das Spiel" erschienen, das Quarch zusammen mit dem Neurobiologen Gerald Hüther geschrieben hat.

Christoph Quarch

Philosoph und Autor. Gerade ist im Hanser Verlag das Buch "Rettet das Spiel" erschienen, das Quarch zusammen mit dem Neurobiologen Gerald Hüther geschrieben hat.

Die Frage ist ja nicht ganz abwegig. Die deutsche Sprache legt es nahe, auf das Verbum „feiern“ ein Akkusativ-Objekt folgen zu lassen: „Weihnachten“ etwa, oder „Geburtstag“ oder „Hochzeitstag“. Es gibt reichlich Dinge, die man feiern kann. Und folglich hat die Menschheit auch an Feiern nicht gespart. Der kirchliche Festkalender des 17. Jahrhunderts wies in Südeuropa pro Jahr zuzüglich zu den regulären Sonntagen bis zu 90 Feiertage aus, im antiken Athen dürften es deutlich über hundert gewesen sein.

Doch unterschieden sich die Feiern der Altvorderen in jeder Hinsicht von den Feiern, die im Partyzelt abgehen. Denn immer gab es einen Grund zur Feier: Man feierte Athene oder den Dionysos. Man feierte Lokalheilige oder die großen Festtage des Kirchenjahrs. In jedem Fall waren die Feiern rückgebunden an etwas Besonderes, woran der Mensch sich freuen konnte. Die Feier öffnete den Raum, worin etwas geschah, was sich im Englischen gut formulieren lässt: to lift the spirit – der Geist wurde gehoben. Begeisterung fand statt – und zwar weil man nicht einfach um des Feierns oder Trinkens willen feierte, sondern um etwas Größeres, Bedeutendes zu würdigen.

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