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09.10.2016

20:00 Uhr

Start-up-Investorin Margit Wennmachers

„Du flippst permanent aus“

VonSven Afhüppe, Britta Weddeling

In den USA wird Margit Wennmachers die Queen des Silicon Valley genannt. Im Interview spricht die in Deutschland geborene Investorin über Kriterien für ein Investment, Gründertypen und die Fehler deutscher Universitäten.

„Wird es nur ein next big thing geben? Nein, es wird Billionen geben!“ Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

Margit Wennmachers

„Wird es nur ein next big thing geben? Nein, es wird Billionen geben!“

BerlinSie spricht lieber Englisch als Deutsch, obwohl sie in Aachen geboren wurde, als Tochter eines Schweinebauern. Nach dem Studium in Lippstadt zog Margit Wennmachers nach Kalifornien. In die USA ausgewandert zu sein sei eine ihrer besten Entscheidungen gewesen, sagt die alleinerziehende Mutter einer neunjährigen Tochter heute. Für die Preisverleihung des Deutschen Digitalpreises „The Spark“ aber flog sie eigens nach Berlin.

Frau Wennmachers, Ihre Investment-Firma Andreessen Horowitz gilt als der “junge Wilde an der Sand Hill Road”, der berühmten Straße der Kapitalgeber von Silicon Valley. Wie wild müssen die Firmen sein, in die Sie investieren?
Wir halten die Augen auf nach allem, was ein bisschen neben der Spur ist. Gute Manager sind wichtig, aber ohne einen Gründer mit technischem Hintergrund und Produkt-Genie gibt es nichts zu managen. Entweder jemand hat verrückte, innovative Ideen – oder eben nicht. Dazwischen gibt es nichts.

So wie der Gründer George Hotz, der in seiner Garage in San Francisco ganz allein ein selbstfahrendes Auto zusammenschraubte, das via iPhone gesteuert werden kann?
Ja, das ist eine faszinierende Geschichte! Die unglaublichen Durchbrüche bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz und dazugehörigen Algorithmen ermöglichen unglaublich viele Innovationen.

Hat ein Einzelkämpfer überhaupt eine Chancen gegen Google oder Tesla, die Millionen in die Entwicklung autonomer Fahrzeuge stecken?
Google hat die Forschung vor vielen Jahren begonnen, mit Tausenden Programmierern, deshalb wissen sie heute sicher mehr darüber als jeder andere. Aber nur sieben Jahre später kommt George Hotz daher und schreibt eine Software, mit der sich ein selbstfahrendes Auto per App steuern lässt. Das ist ziemlich phänomenal. Früher brauchte man Tausende Programmierer, heute reicht ein Mann.

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Ihre bahnbrechenden Ideen haben längst die etablierte Industrie erreicht und erobert. Nun sind sie auch noch preisgekrönt. Das Handelsblatt und McKinsey haben den Deutschen Digitalpreis „The Spark“ verliehen.

Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung für die deutsche Autoindustrie?
Ich liebe deutsche Autos, ich hätte nie gedacht, dass eine aufregende neue Automarke wie Tesla aus Kalifornien kommen würde. Software wird künftig die wichtigste Komponente sein, der Schlüssel zu allem, da hat Kalifornien einen großen Vorteil. Wäre ich ein deutsches Unternehmen, würde ich ganz sicher eine Partnerschaft mit einem Valley-Player anstreben und Kontakt zu den richtigen Softwarespezialisten suchen.

Der Skandal um das Blutanalyse-Start-up Theranos enthüllte auch, dass viele seiner Berater, darunter zwischenzeitlich Ex-Außenminister Henry Kissinger, zwar renommierte Namen besaßen, aber wenig Expertise im Bereich Biotechnologie. Wie findet ein junger Gründer die richtigen Ratgeber?
Die Lehre aus Theranos lautet: Das war sicher die für Silicon Valley untypischste Firma, die uns je begegnet ist. Keiner der hiesigen VCs war dort involviert, niemand wusste etwas über das Produkt, sie war die Blackbox aller Blackboxen. Ein Entrepreneur sollte nach Investoren mit Fachkompetenz suchen, eigene Erfahrung als Entrepreneur ist auch sehr, sehr hilfreich.

Programmierer vergleichen die Arbeits- und Lebensumstände in einem Start-up oft mit einer Fahrt in der Achterbahn...
... nein, noch schlimmer: Es ist so, als würde man die Achterbahn erst noch bauen, während man unterwegs ist!

Wann mischen Sie sich als Kapitalgeber ein?
Du willst die Leute unterstützen, soweit es geht. Aber du musst respektieren, dass sie die Firma führen. Du hast vielleicht gute Ideen oder Ratschläge, aber das Gründerteam wird immer unendlich mehr als du über die eigene Technologie wissen. Wir versuchen, taktisch zu helfen. Wir vermitteln Kontakte zu Journalisten, zu möglichen Kunden oder Ähnliches. Was gar nicht geht, ist das Team zu bevormunden und den Leuten zu sagen, was sie machen sollen.

Sie beobachten die Technologiebranche seit über 20 Jahren. Geben Sie uns eine Prognose: Welche Software, welches Produkt wird unser Leben von morgen bestimmen?
Natürlich werden künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen in Zukunft eine riesige Rolle spielen, ebenso alles rund um das selbstfahrende Auto. Aber wird es nur ein „next big thing“ geben? Nein, es wird Billionen geben!

Die Risikokapitalgeberin im Interview mit dem Handelsblatt-Chefredakteur und der Silicon-Valley-Korrespondentin. Marco Urban für Handelsblatt

Margit Wennmachers (Mitte), Sven Afhüppe und Britta Weddeling

Die Risikokapitalgeberin im Interview mit dem Handelsblatt-Chefredakteur und der Silicon-Valley-Korrespondentin.

Wie stellt sich ein Investor darauf ein?
Manche Geldgeber investieren in eine These, etwa dass künstliche Intelligenz das nächste große Ding wird. Dann suchen sie Firmen, die sie in dieses Raster pressen können. Wir sind anders. Wir suchen nach dem Unerwarteten.

Welche Kriterien sind für Sie außerdem wichtig, wenn Sie investieren?
Wir investieren besonders gern in Firmen in der Frühphase, also in Seed-Runden oder Series A, wir schauen uns das Team an und prüfen, ob der Gründer Wissen und Ahnung hat von der Technologie, die hinter der Idee des Start-ups steht.

Andreessen Horowitz verpasste die Chance, sich am Fahrservice Uber zu beteiligen. Wie gehen Sie mit Niederlagen um?
Ja, klar, du flippst permanent aus wegen der Start-ups, die dir entwischt sind. Immer! Aber ständig darüber nachzudenken ist eine depressive Art, seine Zeit zu verbringen. Ich würde sagen, Scheitern, soweit es das Verpassen eines guten Deals betrifft, ist schmerzhaft. Andererseits brauchen wir pro Anlagefonds auch nur ein, zwei oder drei Start-ups, die alle anderen Experimente mitfinanzieren. Solange wir ein Airbnb und eine andere erfolgreiche Firma im Portfolio haben, kommen wir grundsätzlich klar, auch wenn andere Ideen scheitern.

Viele Deutsche starten erfolgreiche Firmen im Valley – warum nicht in Deutschland?
Erstens hat Silicon Valley natürlich 50 Jahre Vorsprung und viele mächtige Investoren, die sich um junge Talente reißen. Für einen Entrepreneur ist das ein hervorragendes Ökosystem. Jedes Start-up, das heute irgendetwas mit Autos macht, bekommt, wenn es sich richtig anstellt, bei einem Spaziergang über die Sand Hill Road mehrere Angebote. Selbst wenn der Gründer zuvor mit einer anderen Geschäftsidee gescheitert ist. Die USA und insbesondere das Silicon Valley feiern das Scheitern, das Risiko. Je irrer, desto besser. Im Extremfall führt das bis zu solchen Phänomenen wie Donald Trump.

Ist eine solche Verrücktheit erstrebenswert?
Deutschland setzt auf Tradition und Beständigkeit, was absolut ehrenwert und anständig ist, sich im rasanten Geschäft mit Innovationen aber nachteilig auswirken kann.

Wie kann Ihr altes Heimatland aufholen?
Die Universitäten müssen anfangen, strategischer auszubilden und vor allem technische Studiengänge attraktiver machen. Das soll nicht heißen, dass Businessleute nicht wichtig sind. Sheryl Sandberg etwa ist keine Informatikerin, aber trägt immens zum Erfolg von Facebook bei. Aber ich habe das Gefühl, die Professoren an den Unis in Deutschland wollen nur die nächste Generation Professoren ausbilden, aber keine Unternehmer.

Hat Berlin Chancen, der nächste Tech-Hub Europas werden?
Absolut! Silicon Valley und die ganze Welt würden von Konkurrenz profitieren. Berlin ist groß genug, immer noch günstiger als viele andere Städte in Europa, und nach dem Brexit sinkt die Attraktivität von London – es hat also alles, was es dazu bräuchte.

Umsturz und Wandel geschehen an der US-Westküste so rasant, dass angesichts von Snapchat oder Uber heute selbst Google oder Facebook ein wenig alt wirken. Wie bleiben Megakonzerne innovativ?
Wissen Sie, die EU versucht ja derzeit, die Marktmacht dieser Firmen mit Kartellverfahren zu beschränken. Meine Meinung dazu ist – und das mag jetzt vielleicht ein extremer Standpunkt sein: Wenn man lange genug wartet, dann löst sich das Problem mit den Monopolen von selbst. Microsoft stand wegen seiner Marktmacht schon einmal kurz vor der Zerschlagung. Dann haben Markt und Innovationen die Sache einfach selbst erledigt.

Vielen Dank für das Interview.

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