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18.01.2013

11:50 Uhr

Thyssen-Krupp

Chefaufseher Cromme gesteht verspätetes Handeln ein

In Bochum läuft die Hauptversammlung von Thyssen-Krupp. Die Stimmung ist gereizt. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme sagt, er hätte früher handeln können – und kommt den Aktionären mit einem finanziellen Verzicht entgegen.

Gerhard Cromme gestand auf der Hauptversammlung Fehler ein: „Ja, wir haben zu lange vertraut, wir hätten früher handeln können“. dpa

Gerhard Cromme gestand auf der Hauptversammlung Fehler ein: „Ja, wir haben zu lange vertraut, wir hätten früher handeln können“.

BochumDer in der Kritik stehende Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme hat auf der Hauptversammlung des Konzerns Fehler eingeräumt, einen Willen zum Rücktritt jedoch nicht erkennen lassen. „Wenn Sie mich fragen, ob wir als Aufsichtsrat in der Vergangenheit etwas hätten besser machen können, dann will ich ehrlich sagen: Ja, wir haben zu lange vertraut, wir hätten früher handeln können“, sagte der 69-Jährige am Freitag auf dem Treffen in Bochum laut Redetext.

Er fügte jedoch umgehend hinzu: „Aber: Wir haben gehandelt - immer dann, wenn entsprechende Fakten das ermöglicht haben - und wir haben konsequent gehandelt.“ Erste Erfolge seien erkennbar. „Gemeinsam werden wir - Aufsichtsrat und Vorstand - an einer erfolgreichen Zukunft für das Unternehmen arbeiten.“ Cromme verwies auch auf die Historie des Konzerns: „In den langen und bewegten Jahren der Geschichte von Thyssen und Krupp hat es immer wieder Krisen gegeben und wir haben daraus – bisweilen auch schmerzhaft – gelernt. Unsere Geschichte zeigt, dass wir immer Kräfte mobilisiert haben, um gestärkt aus solchen Krisen hervorzugehen.“

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

Umgang mit Geschäftspartnern

Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

Umgang mit Geschäftspartnern (2)

Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

Umgang mit Gewerkschaftern

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

Querelen im Vorstand

ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

Korruptionsvorwürfe

Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

Das Werk in Brasilien (1)

Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

Das Werk in Brasilien (2)

Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

Das Werk in den USA

Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Zuvor waren ganze Scharen von Menschen durch den Schnee zum Kongresscenter der Ruhrmetropole gestapft. So frostig sich der Winter über die Stadt legt, so schnell heizte sich drinnen das Klima auf. Erste Vorboten zeigen sich schon draußen vor der Halle. Umweltaktivisten entfalten ein Transparent mit der Aufschrift: „Die Bucht von Sepetiba soll leben“. Sie protestieren damit gegen das umstrittene Thyssen-Werk in Brasilien, das die Umwelt belasten soll.

Mit den Werken in Brasilien und den USA versenkte der Konzern Milliarden – entsprechend gereizt ist die Stimmung der anreisenden Aktionäre, meist Senioren. „Mal sehen, was die uns da wieder auftischen“, sagte einer.

Cromme steht seit 2001 an der Spitze des Kontrollgremiums. Einige Aktionäre haben ihn aufgefordert, seinen Posten zu räumen. Sie machen ihn für das Desaster mit den neuen Stahlwerken in Übersee mitverantwortlich. Die Kosten für die Werke waren auf zwölf Milliarden Euro in die Höhe geschossen. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Thyssen-Krupp im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust von fünf Milliarden Euro eingefahren hat. Erstmals seit der Fusion von Thyssen und Krupp 1999 erhalten die Aktionäre keine Dividende.

Die Stärken von Thyssen-Krupp

Stärke 1

Mutiger Chef: Mit Heinrich Hiesinger hat Thyssen-Krupp im Frühjahr 2011 einen entscheidungsfreudigen Chef erhalten. Schon Mitte vergangenen Jahres – wenige Monate nach seinem Amtsantritt – stellte er Bereiche wie Edelstahl zum Verkauf. Kurz danach folgte die Ankündigung, auch die Stahlwerke in Brasilien und den USA veräußern zu wollen. Thyssen-Krupp kann sich die Verluste dort nicht leisten. Wichtigstes Merkmal für Hiesinger ist, er ist vollkommen unabhängig. Dass gibt ihm laut Beobachtern die Chance, auch unpopuläre Entscheidung durchzuziehen.

Thyssen-Krupp Stärke 2

Aufstellung: Im Konzern Thyssen-Krupp gibt es eine Reihe von Perlen, die nun entwickelt werden sollen. Stark sind vor allem die Sparten Aufzüge und Anlagenbau. Beide haben sich in den vergangenen Jahren als solide Erlösbringer erwiesen. Der Konzern will die Bereiche nun stärken.

Thyssen-Krupp Stärke 3

Stahlsparte: Bei aller Kritik am Stahlgeschäft – Thyssen-Krupp ist einer der Qualitätsführer bei Flachstahl in Europa. Premiumhersteller wie BMW, Daimler und Volkswagen sind gute Kunden – Thyssen-Krupp verdiente auch im jetzigen schwierigen Marktumfeld noch Geld.

Cromme verteidigte in seiner Rede die Behandlung der umstrittenen Investitionen in den USA und Brasilien im Aufsichtsrat. Ein Gutachten bescheinige den Kontrolleuren korrekte Arbeit. Die Aufsichtsrat habe „sämtliche relevanten Fragen“ gestellt und seine aktienrechtlichen Pflichten zur Überwachung des Vorstands umfassend eingehalten. Mit den Stahlwerken in Amerika hätten sich die Aufseher in einem Umfang beschäftigt, „der weit über das übliche Maß hinaus“ hinausgehe.

Dennoch sei es nicht gelungen, „die Fehlentwicklung bei den Steel-Americas-Projekten“ zu verhindern. „Trotz kritischen Hinterfragens“ hätten sich eine Reihe von Annahmen und Kennzahlen, die der Vorstand zugrunde gelegt habe, später als „deutlich zu optimistisch“ oder gar falsch herausgestellt. Cromme gestand, dass „rechtlich korrekte Entscheidungen nicht zwangsläufig auch gute unternehmerische Entscheidungen“ bedeuten würden.

Kommentare (1)

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VolkerRockel

19.01.2013, 10:07 Uhr

Paralellitäten zum Flughafen BER-Desaster sind vermutlich rein zufällig,- aber offensichtlich!

Was die Frage aufwirft, ob es nicht zum Schutz von Anlegern und Gesellschaftern endlich strengerer gesetzlicher Regelungen bedarf um Aufsichtsräte in die Lage zu versetzen ihren Kontrollpflichten nachzukommen und um andrerseits sicherzustellen, dass Aufsichtsräte ihren Kontrollpflichten (fachlich) nachzukommen vermögen!

Interessanter Weise braucht man für nahezu jede Tätigkeit in Deutschland irgendeinen Befähigungsnachsweis!- Nur bei Politikern und Aufsichtsräten verzichtet man großzügig auf Nachweise, die die Befähigung für diese Tätigkeiten zweifelsfrei dokumentieren!

Und was dabei herauskommt, läßt sich so wohl in der Politik trefflich beobachten, wie auch in den Unternehmen die „ins Trudeln geraten“ sind!

Und wie einige Beispiele der jüngsten Vergangenheit deutlich machen ist ein wirtschaftliches Desaster schon fast die Regel, wenn man Politikern auch noch ermöglicht als Aufsichtsräte tätig zu werden!- Gesellschafter und Anleger seid also gewarnt....

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