Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.12.2012

12:12 Uhr

Thyssen-Krupp

Cromme denkt nicht über Rücktritt nach

Die Verluste bei Thyssen-Krupp lassen Aufsichtsratschef Gerhard Cromme nicht grundsätzlich an sich zweifeln. Kritische Aktionäre hatten eine Amtsniederlegung gefordert. Doch Cromme kann auf starke Rückendeckung bauen.

Gerhard Cromme, Vorsitzender des Aufsichtsrates von Thyssen-Krupp. dpa

Gerhard Cromme, Vorsitzender des Aufsichtsrates von Thyssen-Krupp.

EssenThyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme lehnt persönliche Konsequenzen wegen der Milliardenverluste des Konzerns kategorisch ab. „Ich werde nicht zurücktreten“, sagte Cromme dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Er sei niemand, der vor Verantwortung davonlaufe. Anfang der Woche hatte der Aufsichtsrat beschlossen, dass drei Vorstände vorzeitig ihren Posten räumen.

Thyssen-Krupp-Patriarch Berthold Beitz hatte Cromme bereits – in einer äußerst seltenen Stellungnahme – den Rücken gestärkt. Der 99-Jährige hatte dem Handelsblatt gesagt: „Cromme bleibt.“ Im „Spiegel“ Cromme kritisierte, dass das frühere Thyssen-Krupp-Management viel zu optimistische Prognosen für die zwei Stahlwerke in Brasilien und den USA gestellt hätten. Diese hätten sich schließlich als falsch herausgestellt.

Thyssen-Krupp Geschäftsjahr 2011/12 (bis 30.9.)

Netto-Finanzschulden

5,8 Milliarden Euro (plus 62 Prozent)

Ergebnis nach Steuern

minus 5 Milliarden Euro (Vorjahr: minus 1,8 Milliarden Euro)

Betriebsergebnis (Ebit) der fortgeführten Aktivitäten

plus 976 Millionen Euro (minus 66 Prozent)

Betriebsergebnis (Ebit)

minus 4,3 Milliarden Euro (Vorjahr: minus 988 Millionen Euro)

Umsatz der fortgeführten Aktivitäten

40,1 Milliarden Euro (minus 6 Prozent)

Umsatz

47 Milliarden Euro (minus 4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr)

Über „Fehler im Projektmanagement“ sei der Aufsichtsrat bis ins Jahr 2008 nicht informiert worden. Cromme sagte, der Aufsichtsrat habe immer nur die Information bekommen, „dass alles in bester Ordnung sei“. Deshalb sei ein Eingreifen nicht möglich gewesen. Umfangreiche Gutachten – im Auftrag des Konzerns – hatten den Aufsichtsrat von Fehlverhalten freigesprochen.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

Umgang mit Geschäftspartnern

Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

Umgang mit Geschäftspartnern (2)

Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

Umgang mit Gewerkschaftern

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

Querelen im Vorstand

ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

Korruptionsvorwürfe

Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

Das Werk in Brasilien (1)

Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

Das Werk in Brasilien (2)

Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

Das Werk in den USA

Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

matze

16.12.2012, 13:50 Uhr

@ wenn ich als eigentümer eines mittelständlers die geschäftsführung munter verluste generieren lasse, hab ich denne ne chance die verluste juristisch aus der welt zu schaffen?

matze

16.12.2012, 14:02 Uhr

ist es möglich das t-k in der stahlhause einen nicht geringen anteil am quali weltmarkt eingebüsst hat? durch die schließung der werke in dortmund und co ?

nein, wenn sollte sich herr cromme doch besser mit der währungspolitischen lage in brasilien - aufwertung und anderer politischer ....- rechtfertigungsshilfe holen. nun, aber auch die weltpolitische expertiese bzw. urteilsfühigkeit ist doch die "quali der supertestoteroner" oder nicht?

Account gelöscht!

16.12.2012, 14:30 Uhr

Wenn ich mit dem Auto einen Unfall habe, sage ich einfach, dass der Wagen mich falsch gecrommt hat. Damit bin raus und habe mit dem Unfall gar nichts mehr zu tun.

Gute Nacht, Hr. Cromme.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×