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19.01.2013

14:29 Uhr

Thyssen-Krupp-Hauptversammlung

„Das war eine Watschen für Herrn Cromme“

Gerhard Cromme hat den Sturm überstanden: Die Aktionärsversammlung des Stahlriesen Thyssen-Krupp hat den Aufsichtsratsvorsitzenden letztlich entlastet – jedoch nicht ohne eindeutigen Denkzettel.

„Blaues Auge“: Thyssen-Aufsichtsratschef Cromme. Reuters

„Blaues Auge“: Thyssen-Aufsichtsratschef Cromme.

Bochum/Essen„Blaues Auge“ für ThyssenKrupp-Chefaufseher Gerhard Cromme: Nach einem Sturm der Aktionärskritik haben die Anteilseigner des tief in die roten Zahlen gestürzten Stahlriesens dem Aufsichtsratsvorsitzenden bei der Hauptversammlung am späten Freitagabend in Bochum die Entlastung erteilt. Der 69-Jährige erhielt jedoch nur ein Ergebnis von 69,16 Prozent der Stimmen. Im Jahr zuvor hatte die Zustimmung noch bei fast 95 Prozent gelegen.

„Das war eine Watschen für Herrn Cromme“, sagte der Geschäftsführer der deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Marc Tüngler, am Samstag. Das schlechte Ergebnis für Cromme sei „angemessen“ angesichts der aktuellen Situation des Konzerns, sagte der Geschäftsführer des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre, Markus Dufner.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

Umgang mit Geschäftspartnern

Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

Umgang mit Geschäftspartnern (2)

Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

Umgang mit Gewerkschaftern

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

Querelen im Vorstand

ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

Korruptionsvorwürfe

Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

Das Werk in Brasilien (1)

Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

Das Werk in Brasilien (2)

Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

Das Werk in den USA

Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Cromme konnte bei der Abstimmung jedoch auf die Unterstützung der mächtigen Krupp-Stiftung zählen, die mit 25,3 Prozent wichtigster Großaktionär ist. Der Chef der Krupp-Stiftung, der 99-jährige Berthold Beitz, hatte sich am Freitag mit einer demonstrativen Geste hinter den Aufsichtsratsvorsitzenden gestellt.

Ein noch schlechteres Ergebnis als Cromme erhielt SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, dem die Entlastung mit nur 68,29 Prozent der Stimmen erteilt wurde. Steinbrück, der von der Krupp-Stiftung in den Aufsichtsrat entsendet worden war, war bereits Ende vergangenen Jahres aus dem Kontrollgremium wieder ausgeschieden. Das wegen Luxusreisen in die Kritik geratene IG-Metall-Vorstandsmitglied Bertin Eichler wurde mit 68,83 Prozent entlastet.

Konzernchef Heinrich Hiesinger musste sich mit einer Zustimmung von 70,76 Prozent zufriedengeben. Auf dem erst Anfang 2011 von Siemens zu ThyssenKrupp gewechselten Manager ruhen trotzdem die Hoffnungen vieler Aktionäre. Der Konzernchef, der erst nach den Fehlentscheidungen üben den Bau neuer Stahlwerke in Übersee zu ThyssenKrupp gewechselt war, hatte zuvor einen radikalen Umbau des Konzerns angekündigt.

Kommentare (6)

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kleinaktionaer

19.01.2013, 20:44 Uhr

Alte Männer braucht das Land.

Ich würde nie Aktien von einer Firma kaufen, die von einem 99-jährigen und einem 69-jährigen regiert wird.

An_Interested_Reader

19.01.2013, 20:48 Uhr

I really wonder if the 45% of the, non Stiftung, shareholders who voted for the continuation of the old cultural guard have any clue how gullibly stupid they are, or have any idea what a big mistake they made in doing this.

Those that did so deserve what they got, and probably will get more of. The other 30% deserved better.

Account gelöscht!

19.01.2013, 22:42 Uhr

Der Cromme schoss den Vogel ab, ging mir bei der Thyssen-übernahme durch den Kopf. Heute zeigt Herr Vogel, Cromme und Beitz denselbigen! Das erinnert mich an zwei ehrenwerte
Herren aus der Muppet-Show.

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