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18.01.2013

14:47 Uhr

Thyssen-Krupp-Hauptversammlung

Guter Manager, böser Manager

VonSebastian Ertinger

Zukunft und Vergangenheit von Thyssen-Krupp: Auf der Hauptversammlung entwirft Konzernchef Hiesinger Visionen. Aufseher Cromme muss für die Skandale geradestehen – doch „Mr. Teflon“ bleibt auf seinem Stuhl.

Schwerer Gang: Heinrich Hiesinger (l.) und Gerhard Cromme bei der Hauptversammlung des Industriekonzerns. Reuters

Schwerer Gang: Heinrich Hiesinger (l.) und Gerhard Cromme bei der Hauptversammlung des Industriekonzerns.

BochumKlirrende Kälte liegt über dem Ruhrgebiet. Die minus vier Grad kalte Luft verklebt den Schnee, der die Straßen und die Kongresshalle in Bochum bedeckt. Hier strömen die Aktionäre von Thyssen-Krupp zur Hauptversammlung zusammen. Hier sammeln sich Wut und Enttäuschung der Anteilseigner über Missmanagement, Korruption und Kartellklüngel.

Vor allem kanalisiert sich hier die Furcht vor dem endgültigen wirtschaftlichen Niedergang des einst so strahlenden Traditionskonzerns – mit dem der dramatische Wertverlust vieler Ersparnisse einhergeht. Der Unmut trifft vor allem eine Person: Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. Als Chefkontrolleur des Konzerns hat er die milliardenschweren Fehlinvestitionen in die Stahlwerke in Brasilien 2005 und den USA 2007 abgenickt. Er trägt die Verantwortung für die Aufklärung der zahlreichen Skandale.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

Umgang mit Geschäftspartnern

Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

Umgang mit Geschäftspartnern (2)

Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

Umgang mit Gewerkschaftern

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

Querelen im Vorstand

ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

Korruptionsvorwürfe

Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

Das Werk in Brasilien (1)

Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

Das Werk in Brasilien (2)

Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

Das Werk in den USA

Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Der Unwillen der Anteilseigner hat viele Gesichter. Eines davon ist Oliver Krauß. Er stellt auf der Hauptversammlung den Antrag, Cromme als Versammlungsleiter abzulösen – und wirbelt damit die Tagesordnung durcheinander.

„Mr. Teflon, wenn auch abgegriffen, trifft diese Bezeichnung auf Sie sehr gut zu“, ruft der Mann mit der randlosen Brille Cromme entgegen. „Alles gefragt aber nichts gewusst“, wettert der Aktionär weiter. Als Chefkontrolleur lasse er alle Kritik und jedwede Verantwortung abperlen. Cromme sei „die größte Teflonpfanne der Republik“.

Cromme ermahnt den aufmüpfigen Anteilseigner mehrmals, seinen Antrag klar zu begründen und entzieht ihm schließlich das Wort. Cromme lehnt trotzig den Antrag ab, eine Abstimmung über seine Versammlungsleitung einzuleiten. Im Saal schallen empörte Buhrufe auf. Die Stimmung gegen den 69-Jährigen verschärft sich.

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Die Liste der Verfehlungen im Unternehmen ist lang. So war der Traditionskonzern am Schienenkartell beteiligt, das jahrelang die Deutsche Bahn und lokale Verkehrsbetriebe schädigte. Schmiergelder bei Aufträgen in der Aufzugssparte, großzügige Reisen für Journalisten und Betriebsräte. „Wenn Sie weiter bohren, werden Sie auch noch weitere Reisen finden“, ruft Vorstandschef Heinrich Hiesinger trotzig in den Saal – und wendet sich wieder seiner Zukunftsvision zu.

Kommentare (7)

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RalphFischer

18.01.2013, 15:53 Uhr

Ich war vor 25 Jahren auf der Brücke von Rheinhausen, als das Stahlwerk dort von Dr. Cromme geschlossen wurde. Dr. Cromme hat damals eine Absprache nach der anderen gebrochen.
Cromme Touren war ein Begriff in Duisburg.
Das Werk musste schliessen, um Cromme den Weg in den Vorstand zu ebnen. Stahlwerke in Deutschland sind für Cromme eben nicht rentabel.

Als in Deutschland vor ein paar Jahren eine Ethikkommission gegründet wurde und ausgerechnet Dr. Cromme die führen sollte, hielt ich das erst für einen Witz. Ich kann mich auch nicht an irgendeinen Sinnvollen Satz dieser Kommission erinnern.

Jetzt wurde Thyssen vor die Wand gefahren, weil Stahlwerke eben nicht in Deutschland gebaut werden sollen, sondern überall und von allen, nur eben nicht von den teuren Deutschen.
Zeitgleich kommt ein Skandal nach dem anderen zum Vorschein. Von Seilschaften und Gehorsam ist die Rede.

Und ausgerechnet Dr. Gerhard Cromme hat üüüberhaupt keine Ahnung wie es dazu kommen konnte und üüüberhaupt keine Verantwortung...

RatteCromme

18.01.2013, 21:04 Uhr

Dieser Drecksack gehört aufgeknüpft. Weg mit der Kakerlake!

BellaFigura

18.01.2013, 21:56 Uhr

das HB zensiert mal wieder fleissig, negative Beiträge werden gelöscht
Trotzdem: Cromme ist und bleibt Abschaum, ein totaler Versager. Beitz ist reif für die Klapsmühle.

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