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26.09.2012

10:37 Uhr

Thyssen-Krupp-Patriarch Beitz

99 – und kein bisschen leise

VonMartin Murphy, Wolfgang Reuter

Seit 59 Jahren prägt Berthold Beitz mit Thyssen-Krupp einen der prominentesten Industriekonzerne der Republik. Heute ist der erfahrene Wirtschaftsmann 99 Jahre alt geworden. Und erneut muss er eine Konzernkrise meistern.

Berthold Beitz ist in Deutschland als erfolgreicher Wirtschaftsführer angesehen. dpa-dpaweb

Berthold Beitz ist in Deutschland als erfolgreicher Wirtschaftsführer angesehen.

Frankfurt/Düsseldorf„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“, hat einst Udo Jürgens gesungen. Und es mag viel Wahres dran sein, an dem Schlagertext. Doch was ist 33 Jahre später?

Berthold Beitz ist heute 99 Jahre alt geworden - 59 davon verbrachte er bislang im Dienste von Krupp. Anlass genug, die Erfolge, den Mut und die Zivilcourage dieses außergewöhnlichen Mannes zu würdigen. Beitz selbst jedoch sträubt sich gegen verklärende Blicke in die Vergangenheit, redet nicht gern darüber, dass er während der Nazi-Diktatur in Galizien Tausende von Juden vor dem Tod bewahrte. Oder darüber, dass er in den 1970er-Jahren als Generalbevollmächtigter den Konzern rettete, indem er den Staat Iran in den Aktionärskreis holte.

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Der Blick muss sich nach vorn richten - das gebietet seine Rolle. Der Jubilar ist Vorsitzender des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, der 25,3 Prozent an Thyssen-Krupp gehören, somit einer der mächtigsten Manager in der deutschen Wirtschaft. Und Thyssen-Krupp ist eines der kränksten Unternehmen im Dax.

Keine Frage: Der Ankerinvestor, die Stiftung, ist gefordert - und mit ihr Berthold Beitz, der Verwalter des Krupp-Erbes. Dieses zu schützen, das hatte er dem letzten Krupp, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, einst versprochen.

Das Leben des Berthold Beitz

Eine Verbeugung

Berthold Beitz hat nicht nur den Krupp-Konzern umgewandelt und deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben, sondern ist vor allem eine der größten Persönlichkeiten unserer Zeit. Der Historiker Joachim Käppner hat eine Biografie über Beitz geschrieben, die dessen Leben umfangreich aufarbeitet. Es folgt eine Zusammenfassung.

Geburt in Pommern

Berthold Beitz wird am 26. September 1913 in Zemmin in Pommern geboren. Mutter Erna ist Kindermädchen, Vater Erdmann spielt im Militärorchester Trompete. Als Berthold ein Jahr alt ist, reitet der Vater mit Lanze und Gewehr in den Krieg. Er sieht seinen Sohn nur während der kurzen Fronturlaube. Im September 1916 kommt das zweite Kind der Familie zur Welt, Brunhild.

Sonnige Jahre der Schulzeit

Nach dem Krieg zieht die Familie nach Demmin. Erdmann findet Arbeit im Finanzamt. Es folgen weitere Umzüge 1920 und 1925, als die Familie im schönen Greifswald landet. Berthold ist ein recht fauler Schüler, der sogar einmal sitzen bleibt. Obwohl der Vater dies nicht gern sieht, haben sie ein gutes Verhältnis.

Banker statt Arzt

Der junge Mann würde gern Medizin studieren, doch nach dem Börsencrash 1929 fehlen der Familie die finanziellen Mittel, da im Zuge dessen die Gehälter gesunken sind. Also heißt es Geld verdienen und das tut Berthold Beitz von 1934 an dank der guten Verbindungen des Vaters in der Zentrale der Pommerschen Bank in Stralsund. Für 30 Mark im Monat beginnt er seufzend eine Banklehre.

Das Leben genießen

Der Job ist langweilig, aber das Privatleben spaßig. Berthold Beitz ist ein fröhlicher junger Mann, der das Leben genießt. Am liebsten hört er Jazzplatten. Die Fahrten ins leicht zu erreichende Berlin werden zum Highlight. Hier hat er eine Freundin und hier gibt es richtige Jazzclubs, vor allem das „Delphi“.

Die unbeschwerte Zeit ist vorüber

1937 beginnt der Ernst des Lebens so richtig: Seine Vorgesetzten sind von dem 25-Jährigen so angetan, dass sie ihn befördern. Dank seiner zupackenden Art wird Beitz stellvertretender Leiter der Filiale in Demmin. Angesichts seiner Herkunft ist allein dies schon ein viel versprechender Aufstieg. Beitz hat große Pläne: Ihn reizt die große Welt, Pommern ist ihm zu klein geworden. Er will nach New York oder Brasilien oder China. Doch seine Mutter stoppt den Drang, schließlich ist er der einzige Sohn und müsse daher in Deutschland bleiben.

Wechsel in die Industrie

Anfang 1938 wird Beitz zum Vorstellungsgespräch bei der Rhenania Ossag Mineralölwerke eingeladen, einer Tochter von Royal Dutch Shell. Im Mai 1938 zieht er schließlich nach Hamburg, seinem „Tor zur Welt“ und wird kaufmännischer Angestellter in der Revisionsabteilung der Deutschen Shell.

Die große Liebe

Und hier begegnet Beitz seiner großen Liebe. Die blonde Kollegin heißt Else Hochlein und ist damals gerade einmal 18 Jahre alt, also sieben Jahre jünger als Berthold. Kennengelernt haben sich die beiden beim Tennis. Sie werden jahrzehntelang ein Paar bleiben.

Neuanfang in Hamburg

In Hamburg wohnt Beitz in der Baracke bei den Schwiegereltern. Im Spätsommer gelingt der schwangeren Else mit Tochter Barbara eine dramatische Flucht in den Westen. Die Familie lebt nun auf engstem Raum in Hamburg. Berthold verdingt sich als Landdarbeiter und in einer Konservenfabrik. Doch dann sorgt eine schicksalhafte Begegnung für die große Wende zum Guten.

Die große Wende zum Erfolg

Nicht als Zufall: Als Berthold Beitz 1946 durch Hamburg schlendert, erkennt ihn eine alte Freundin seiner Frau wieder: Evelyn Döring arbeitet inzwischen für die Briten und besorgt ihm einen Job im Amt zur Aufsicht der Versicherungen in der britischen Zone. Überlebende aus Boryslaw bescheinigen Beitz, dass er kein Nazi war und so bekommt er den nötigen Ausweis der Entnazifizierungsbehörden und den Job. Hier requiriert er ehemalige Nazis, da ihm ansonsten geeignetes Personal fehlt.

Der Aufstieg des Unternehmers

Beitz bringt die Versicherungsbehörde auf Vordermann. Die Familie wohnt längst in einer passenden Wohnung am Rande der Stadt. Die Briten sind mit ihm nach zwei Jahren so zufrieden, dass sie ihm eine Beamtenstelle auf Lebenszeit anbieten. Doch Beitz lehnt ab und wechselt im Juni 1948 in den Vorstand der Iduna-Germania-Versicherung. Der Titel des Generaldirektors und das Gehalt von damals beachtlichen 3500 D-Mark sind allzu verlockend.

Beitz hat dieser Aufgabe sein Leben gewidmet. Wie ernst er sie nimmt, zeigte sich im vergangenen Dezember, als er den langjährigen Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz aus seinem engsten Kreis verstieß. „Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn persönlich sehr schätze, dass ich mich aber vor allem Alfried Krupp verpflichtet fühle“, sagte Beitz damals.

Offiziell wollte er damit lediglich der öffentlichen Kritik an der Konzernführung wegen des Desasters in Brasilien ein Ende setzen. Doch die eigentliche Ursache wiegt schwerer: Beitz sah sich von Schulz wegen der Kostenexplosion beim Bau des neuen Stahlwerks getäuscht.

Kommentare (6)

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SWILHEL

26.09.2012, 11:12 Uhr

Das ist eine Frechheit, das studierte Manager zu Grössenwahnsinn gelangen. Solch ein traditionsreiches Unternehmen vor die Wand fahren. Die gehören eingesperrt! Das zeigt doch wieder, das eine Firma nicht auf jedem Kontinent mit eigenen Produktionen mitspielen muss.

Account gelöscht!

26.09.2012, 11:15 Uhr

Mit Fremdkapitalquote von ca. 80% als Zykliker in die Rezession hinein... gute Nacht.

Account gelöscht!

26.09.2012, 11:22 Uhr

Mit 99 Jahren noch geistig präsent und aktiv sein, das wünscht sich mondahu auch. Herzlichen Glückwunsch an den Jubilar. In diesem Alter ist jeder Geburtstag ein Jubiläum.

Aber Sie schreiben: "... das kränkste Unternehmen im DAX". Nun, ist das so, weil Herr Beitz sich nicht rechtzeitig aufs Altenteil zurückgezogen hat und immer noch an seinem Kronprinzen festhält? Oder hat Thyssen-Krupp überlebt dank seiner beinahe immerwährenden Aktivität?

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