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19.01.2008

08:31 Uhr

Tierärztin in Abu Dhabi

Diagnose: Extrem beflügelt

VonClaudia Obmann

Kostbare Jagdfalken sind der liebste Zeitvertreib der Scheichs von Abu Dhabi. Wenn ihren Lieblingen aber etwas fehlt, rufen die Männer nach Margit Müller. Die deutsche Tierärztin hat mit Erfolg ein marodes Hospital am Rande der Wüste zum internationalen Zentrum der Falkenheilkunst gemacht hat.

ABU DHABI. Ihre Patienten sind äußerst sensibel. Damit sie nicht vor Schreck tot umfallen, tragen sie goldverzierte Hauben bis über die Augen. Bis zu 60 von ihnen hocken im Wartezimmer. Wenn Margit Müller sie operieren muss, stülpt sie ihnen einen Trichter über und führt ihnen Narkosegas zu. Die deutsche Tierärztin arbeitet am Falcon Hospital, einer Spezialklinik für Jagdfalken in Abu Dhabi, dem größten und reichsten Scheichtum der Vereinigten Arabischen Emirate. Unter den wachsamen Augen der Vogelbesitzer röntgt, impft und verbindet sie die Lieblinge der Beduinen. Seit sechs Jahren ist die 39-Jährige Chefärztin und Verwaltungsdirektorin der Klinik am Persischen Golf.

Scheichs, Falken und unsägliche Pracht – was wie eine Szene aus Tausendundeine Nacht klingt, begann für die Deutsche im Sommer 2002 keineswegs märchenhaft. Als sie zu Hause in Weißenhorn überraschend vom ihr damals unbekannten Chef des Falken Hospitals in Abu Dhabi angerufen und gefragt wurde, ob sie nicht in seine Klinik kommen wolle, sagte sie spontan ja. „Ich fühlte mich jung genug, um ein Abenteuer zu erleben“, erzählt sie und ihre weiche Stimme sprüht vor Enthusiasmus. Ihren Ruf als Raubvogel-Expertin bei den Falknern der Emirate hatte der damals 33-Jährigen ihre Doktorarbeit an der Falkenklinik im Emirat Dubai eingebracht. Dort hatte sie herausgefunden, dass eine häufige Fußerkrankung der Vögel auf falsche Haltung zurückzuführen ist.

„Angesichts Margits guter Erfahrungen in Dubai schien uns der Mentalitätsunterschied bewältigbar und eine eigene Praxis zu eröffnen später auch noch möglich“, sagt Müllers Vater Helmut. Er riet seiner Tochter, die damals als Vertretungsveterinärin jobbte, die feste Stelle im Ausland anzunehmen. Innerhalb von drei Wochen nach dem nächtlichen Anruf war auch schon der erste Arbeitstag für die bayerische Beizvogelspezialistin am Persischen Golf gekommen. Doch der Schock war groß. „Illoyale Angestellte hatten die Klinik runtergewirtschaftet, die Organisation war schlampig, es mangelte an Hygiene“, erzählt sie. Damit aber nicht genug: nach etwa einem halben Jahr tauchte einfach der Klinikleiter nicht mehr auf.

Stattdessen sollte Müller plötzlich Managerin und Chefärztin in einer Person sein. Eine Deutsche in einem arabischen Land als Nachfolgerin eines Mannes, noch dazu eines Einheimischen? Müller sagt: „Ein absolutes Novum damals. Frauen waren im Falcon Hospital höchstens Sekretärin oder Laborantin.“

Allen Vorurteilen und dem Chaos zum Trotz sah die Tierärztin das Potenzial des Hospitals und viele Chancen für Verbesserungen. Also nahm sie die in ihren Augen ehrenvolle Herausforderung an. Sie sagte ihren ersten Heimaturlaub zum Geburtstag ihres Vaters ab und krempelte die Ärmel hoch. „Ich musste ganz schön ausmisten“, erzählt die taffe Tierärztin mit den dunklen Locken.

Kurz nach Müllers Antritt kam der heute 30-jährige Amer Abu Aabed als neuer Buchhalter ins Falken-Hospital. Bei seiner Einstellung hatte ihn der für die Klinik zuständige Beamte aus dem Umweltministerium vorgewarnt: „Dein Boss ist eine Lady aus Deutschland.“ Mittlerweile ist Amer Abu Aabed Müllers Stellvertreter und Abteilungsleiter für Finanzen. Der Jordanier erinnert sich: „Doktor Margit hatte zu kämpfen, bis allen klar war, dass sie bestimmt, wo es langgeht.“ Anfangs wurde das Durchsetzungsvermögen der künftigen Chefin gründlich unterschätzt. „Meine beiden Fachkollegen haben mir, der Frau aus dem Westen, den Posten nicht zugetraut“, sagt Müller. Ihre Augen blitzen bei der Erinnerung hinter der Goldrandbrille. Es kam zum Showdown: Die oder ich signalisierte sie ihren Vorgesetzten in der Umweltbehörde von Abu Dhabi. Die selbstbewusste Deutsche hatte nichts zu verlieren; die Environmental Agency aber wollte die Klinik retten und entschied sich für Müller. Die anderen beiden Tierärzte wurden entlassen.

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