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22.01.2003

07:39 Uhr

Tretminen sind noch nicht einmal erkannt

Nackt im Wind

VonDas Interview führte Claudia Tödtmann, Handelsblatt

Wissen Sie, ob Ihre Managerhaftpflicht noch besteht? Zum Jahreswechsel haben etliche D&O-Versicherer ihren Unternehmenskunden die Policen gekündigt oder Bedingungen verschlechtert. D&O-Versicherungsexperte Michael Hendricks fürchtet: Die Existenz so mancher Führungskraft ist damit gefährdet.

Herr Hendricks, zum Jahreswechsel haben viele Unternehmen Post bekommen von ihren Managerhaftpflichtversicherungen (D&0-Versicherung) und erleben böse Überraschungen. Worum geht es genau?

Erst einmal haben die D&O-Versicherer ihre Prämien kräftig erhöht. Vorher angekündigt hatten sie dies ihren Kunden nicht. Nun verlangen sie zwischen 10 und 500 Prozent mehr Prämie – und das ab sofort. Etliche dieser Briefe kamen zwischen Weihnachten und Neujahr in den Firmen an. Juristisch sind dies Änderungskündigungen.

Wer ist jetzt besonders betroffen?

Alle Unternehmen, die rote Zahlen schreiben, in gefährdeten Branchen arbeiten, Risiken durch amerikanische Investoren oder Niederlassungen haben oder nur nach USA exportieren. Ich halte das Verhalten der Versicherer für verantwortungslos und unverschämt. Denn sie scheren einfach alle Unternehmen über einen Kamm und bewerten Geschäftsverläufe oder Entscheidungen, ohne sie zu durchschauen.

Mit welcher Folge?

Wenn ein Unternehmen die neuen Preise nicht hinnimmt, stehen seine Führungskräfte ganz ohne Versicherungsschutz da. Das Schlimmste daran ist, dass die Manager in zweiter Linie oderzum Beispiel die Geschäftsführer von Konzern- Beteiligungsgesellschaften hiervon oft nichts erfahren. Sie ahnen nicht, wie gefährdet ihr Privatvermögen plötzlich ist. Denn sie müssen für ihre Managementfehler mit ihrem persönlichen Eigentum haften, wenn keine D&O-Versicherung mehr besteht. Die Versicherer schicken die Kündigungen jedoch nur den Versicherungsabteilungen der Unternehmen oder dem Vorstand. Dass die versicherten Leute selbst hiervon erfahren, ist eher Zufall.

Was sollten die Manager tun?

Allen Führungskräften rate ich, bei der Versicherungsabteilung nachzufragen, ob ihre D&O-Versicherung noch unverändert besteht. Alle Konditionenänderungen, die ich dieses Jahr zu sehen bekommen habe, bedeuten massive Verschlechterungen für die Manager. Über 1 000 meiner Kunden – die Zahl ist repräsentativ für den deutschen Markt – , die ich als Dauermandanten mit ihren D&O-Verträgen betreue, haben solche Briefe bekommen.

Manche Versicherer haben ihren Kunden aber keine Kündigung, sondern individuelle, neue Versicherungsbedingungen geschickt. Wie soll man reagieren?

Diese „Änderungen zum Deckungsumfang“ sind blitzgefährlich. Die Assekuranzen wollen weniger leisten und schränken zum Beispiel ihre Deckung ein, wenn ein Manager für Produktschäden persönlich haften soll. Oder für einen Banker, der für eine fehlerhafte Kreditvergabe geradestehen muss. Eine Variante ist, dass sie Selbstbehalte einführen: dass der Manager bei jedem Schaden 25 Prozent der Summe aus eigener Tasche zuzahlen soll. Wenn es bei D&O-Versicherungen typischerweise um mehr als fünf Millionen Euro, als durchschnittliche Schadensgröße, geht, ist ein normaler Manager dann auch schon pleite. Das Einfamilienhaus verliert er im Ernstfall ganz schnell an seine Gläubiger, also die Geschädigten. Diese Verschlechterungen schätzen aber viele falsch ein und messen ihnen zu wenig Bedeutung bei. Das merken sie aber leider immer erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Hinzukommt: Sogar für die Vergangenheit versuchen die D&O-Versicherer, ihre Deckung mit solch einem vermeintlich lapidaren Schreiben auszuschließen.

Und das ist zulässig?

Das bezweifle ich. Einen Musterprozess gibt es noch nicht, aber der kommt sicher bald. Eine Krankenversicherung kann ihrem Patienten auch nicht kündigen, sobald er alt und krank wird.

Und was soll ein Unternehmen jetzt tun?

Wenn es die geänderten Bedingungen mit dieser fatalen Wirkung für die Vergangenheit abwenden will, sollte es sofort widersprechen. Wenn die Assekuranz stur bleibt, muss es sich eine neue Versicherung suchen. In der Zwischenzeit ist der Manager jedoch schutzlos. Und es kommt noch schlimmer: Sobald eine neue Police abgeschlossen ist, verfällt –- ersatzlos – bei jedem zweiten Vertrag der Versicherungsschutz der vorherigen Versicherung, die ja für die Vergangenheit noch einstehen muss. So eine Verfallklausel wäre bei jeder Privathaftpflichtversicherung undenkbar. Eine Klage dagegen hat sicher Chancen.

Aber wozu ist denn eine Versicherung überhaupt gut, die im Schadensfall wegzuckt?

Für nichts. Ich rate bei so einem unfreiwilligen Wechsel, vorher erst die Vergangenheit genauestens abzuklopfen: Gab es einen Vorfall, der noch eine Schadensersatzklage nach sich ziehen könnte? Wenn ja, sollte man zumindest für diesen Vorfall auf Schutz durch den alten Versicherer bestehen.

Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Durch spektakuläre Fälle wie Enron sind die D&O-Versicherer weltweit nervös geworden. Dass in Deutschland so viele Schäden gemeldet werden – Experten schätzen, zehn Prozent aller Policen sind betroffen –, hat niemand erwartet. In den vergangenen fünf Jahren unterboten sich die Versicherer, um auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Zuerst verlegten sie sich auf ein Prämiendumping und dann obendrein auf einen Wettlauf um die günstigsten Bedingungen. Das ging so weit, dass sogar vorsätzlich begangene Taten kurzfristig versicherbar waren. Seit knapp einem Jahr kippt die Situation. Zumal: So manches Unternehmen entdeckte die D&O-Versicherer als Geldquelle und trennte sich nicht nur von einem inkompetenten Manager, sondern reicht ihren Schaden weiter. Genauso wie die Kleinanleger. Wir steuern streng auf US-Verhältnisse zu. Am Ende wird es Manager geben, die keiner mehr versichert. Dann richten Versicherungssachbearbeiter über die Qualität und die Karriere der Manager.

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