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05.04.2015

09:04 Uhr

Tunesien

„Die Stunde der Wahrheit wird kommen“

VonMartin Gehlen

Nach dem Anschlag auf das Bardo-Museum haben die Tunesier Angst, dass die Urlauber wegbleiben. Der Tourismus ist das Rückgrat der Wirtschaft des Landes. Doch manch einer sieht in dem Anschlag auch einen Weckruf.

Die Tourismusbranche bangt um ihre Kunden. Getty Images

Urlaubsort in Tunesien

Die Tourismusbranche bangt um ihre Kunden.

TunisKarim Ben Hassine Bey hatte immer eine ganz besondere Beziehung zum Bardo-Palast in Tunis. Sein Urgroßvater war einst der Besitzer, hat dort als König residiert, in dem jetzt das demokratische Parlament und Nationalmuseum untergebracht sind. Urenkel Karim dagegen studierte Tourismus und führt seit 15 Jahren als Manager das Dar Said, das älteste Boutiquehotel Tunesiens. Von der Terrasse hat man einen atemberaubenden Blick über das azurblaue Wasser des Mittelmeers.

Die ehemalige Notablenvilla aus dem 19. Jahrhundert liegt in Sidi Bou-Said, einem mediterranen Edelvorort der Hauptstadt, bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen beliebt. Zwei seiner Gäste, betagte Damen aus Frankreich, waren während des Attentats in der weltberühmten Mosaikensammlung, als die beiden Terroristen am 18. März das Feuer eröffneten, 22 Besucher töteten und 50 verletzten. Geistesgegenwärtig schlossen sich die Seniorinnen in einer Toilette ein, die Täter traten gegen die Tür, ließen dann aber ab und rannten weiter. Bleich und entgeistert trafen die beiden am Nachmittag wieder im Dar Said ein – und reisten am nächsten Tag ab.

„Es wird unsere Reservierungen treffen, nicht sofort, aber im Mai, Juni und im Sommer“, befürchtet Karim Ben Hassine Bey. Seit dem Arabischen Frühling im Januar 2011 ist die Auslastung seiner 23 stilvollen Luxuszimmer auf etwa 50 Prozent gesunken. Nach den erfolgreichen Präsidentenwahlen im vergangenen Dezember schienen die Buchungen endlich wieder Tritt zu fassen. Gäste aus aller Herren Länder sagten sich für 2015 im Dar Said an, genauso polyglott und bunt gemischt, wie die Bardo-Besucher an jenem schrecklichen Terrortag.

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Für die kleine 11-Millionen-Nation, die im Gegensatz zu seinen Nachbarn Libyen und Algerien keine Öl- oder Gasvorkommen hat, ist das Feriengeschäft der wichtigste Wirtschaftszweig. 400.000 Menschen leben vom Fremdenverkehr, weitere zwei Millionen sind als Fahrer, Handwerker, Ladenbesitzer oder Landwirte indirekt vom Tourismus abhängig, das sind gut die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung.

19 Prozent des Bruttosozialprodukts erzeugt die Urlaubsbranche und gehört damit zum Rückgrat der tunesischen Volkswirtschaft. „Noch ist es viel zu früh, die Auswirkungen von Bardo zu analysieren“, erklärte der Chef der UN-Welttourismusorganisation, Taleb Rifai, Anfang der Woche in Tunis. „Die Stunde der Wahrheit wird erst in den nächsten Monaten kommen.“

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