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01.04.2014

09:37 Uhr

TV-Kritik Markencheck Amazon

„Rülpst der Frosch?“

VonLisa Hegemann

In der dritten Extra-Ausgabe des „Markenchecks“ lässt der WDR drei Einzelhändler gegen Amazon antreten. Während die Ergebnisse offensichtlich erscheinen, sind es die Bewertungskriterien nicht.

Amazon-Mitarbeiter in Leipzig: Die Methoden des Versandhändlers sind umstritten, doch was der WDR beim „Markencheck Extra“ herauskramt, sind altbekannte Vorwürfe. dpa

Amazon-Mitarbeiter in Leipzig: Die Methoden des Versandhändlers sind umstritten, doch was der WDR beim „Markencheck Extra“ herauskramt, sind altbekannte Vorwürfe.

DüsseldorfDie Kämpfer für das Gute, Schöne und Günstige haben sich erneut auf den Weg gemacht. Sie wollen den Verbraucher über die Leistungen und Machenschaften eines großen Konzerns aufklären. In der dritten Folge des „Markenchecks Extra“ knöpfte sich der WDR am Montag den Online-Versandhändler Amazon vor. Mit altbewährten wie fragwürdigen Mitteln – aber durchaus amüsanten Protagonisten.

Von dem altbekannten Muster – Einkaufen, Beratung, Regiofaktor und Service – weicht die Sendung auch in ihrer vorletzten Version kein Stück ab. Die Autoren stricken ihre Geschichte aus dem bewährten Garn: Befragung in der Fußgängerzone und versteckte Kamera, „Check-Familie“ und netten Fachhändler. Alles wie immer. Die Kamera steht dieses Mal in der Dortmunder Innenstadt, die Check-Familie besteht aus Vater, Mutter, zwei Töchtern und Baby. Amazons Herausforderer sind ein Spielzeugladen, ein Buchhändler und eine Boutique.

Die Ergebnisse verwundern kaum. Insgesamt bleibt Amazon etwas günstiger als der Fachhandel, wenn auch nicht preislich, sondern nur, weil auf den Besuch bei den Einzelhändlern noch die Kosten für die Fahrt in die Stadt hinzukommen. Die drei Versuchsgeschäfte haben nicht immer alles auf Lager, können aber alles bestellen.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Bei der Beratung schlagen die Geschäfte den Versandhändler um Längen: Während die Mutter online nicht „18 Seiten durchblättern“ will, haben die Geschäfte in der Innenstadt schnelle, gute Vorschläge für die Kundin. Und im Gegensatz zur Bestellung im Netz können Vater und Tochter die Spieluhr im Geschäft tatsächlich anfassen und anhören – ganz anders als beim Versandhändler. Da heißt es nur, der Frosch sei eine Spieluhr für Männer. Was das genau heißt, weiß auch der Vater nicht: „Rülpst der Frosch?“, witzelt er mit seiner Tochter.

So plausibel die Ergebnisse klingen, so hanebüchen kommen die Bewertungskriterien der unterschiedlichen Kategorien daher. Als es etwa um die Beratung geht, reicht dem WDR, einen der Fachhändler zu testen, um allen dreien einen Punkt zu geben. Das mag nun kleinkariert sein. Doch das ist nur der Anfang.

Als der Regiofaktor bestimmt werden soll – wer besser für die Region ist –, geht es zunächst viel um die Gewerbesteuer, die Amazon in Dortmund nicht zahlt. Es wäre ja fast investigativ, was der „Markencheck“ da herausgefunden hat. Doch die Diskussion um Unternehmen, die in anderen Ländern Steuern zahlen, ist längst wieder abgeebbt. Dass Amazon dadurch Gewinn macht, hierzulande keine Gewerbesteuer und weniger Mehrwertsteuer zahlt, das ist nun wirklich nicht überraschend. Sonst könnte der Onlineriese sein Gewerbe ja auch in Deutschland anmelden.

Der „Markencheck“ rechnet also vor, dass Amazon von einem 8,99-Euro-teuren Buch 8,73 Euro bleiben, während der Buchhändler um die Ecke nur 7,55 Euro behält. Und der muss davon auch noch für sein Gewerbe blechen!

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