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23.11.2015

10:13 Uhr

Über die (un)heimliche Macht der Werte

Warum tun wir uns immer wieder Gewalt an?

VonCarina Kontio

Größere Brüste, Prostitution, Terrorismus, Missbrauch und Abtreibung in einem Buch? Das gelingt der Philosophin und Werte-Experten Barbara Strohschein. Brisante Themen, kluge Worte – und am Ende die Skizze eines Auswegs.

Die Autorin ist promovierte Philosophin. Sie arbeitete als Lektorin und Redakteurin für Verlage und Zeitschriften und ist heute als Expertin für Werte-Philosophie in eigener Praxis als Coach, Beraterin und Autorin tätig. (Foto: Webseite www.barbarastrohschein.de)

Barbara Strohschein

Die Autorin ist promovierte Philosophin. Sie arbeitete als Lektorin und Redakteurin für Verlage und Zeitschriften und ist heute als Expertin für Werte-Philosophie in eigener Praxis als Coach, Beraterin und Autorin tätig.

(Foto: Webseite www.barbarastrohschein.de)

KölnWas muss im Leben einer besoffenen Mutter passiert sein, die ihr kleines Mädchen an den Haaren reißt und es mit seinem zarten Kopf gegen die Wand im Kinderzimmer schlägt? Was im Leben eines Mannes, der einen kleinen Flüchtlingsjungen sexuell missbraucht und dann ermordet oder eine junge Frau brutal vergewaltigt? Was geht in einem Airlinepiloten vor, der 150 unschuldige Menschen mit in den Tod reißt? Was muss im Leben von Menschen passiert sein, die sich am Arbeitsplatz Kleinkriege und Machtspiele mit den Kollegen liefern?

Was in Firmen alles schief läuft

Warten auf die IT-Jungs

„Der Arbeitsplatz einer Kollegin war für ihre neue Aufgabe ungeeignet: Sie musste abwechselnd auf den Tisch und dann 45° nach oben schauen. Dort war ihr Monitor im Regal untergebracht. Also standen alle ratlos ums Regal herum und beklagten sich, dass die IT-Jungs, die für solche Umbauten eigentlich zuständig sind, nicht endlich kommen, um den Monitor umzubauen. Während alle anderen rumstanden und klagten, haben ein Kollege und ich einfach den Monitor aus dem Regal genommen und auf den Tisch gestellt. War deutlich besser als auf die IT-Jungs zu warten. Seltsam, dass sonst keiner auf die Idee kam …“

(Quelle: Klaus Schuster, „Wenn Manager Mist bauen“ )

Mach einfach!

„Das Blöde an ›Mach einfach!‹ ist: Seit alle wissen, dass unsere Abteilung´ einfach mal macht, lösen wir auch die Probleme aller anderen Abteilungen, die gerne jede Verantwortung von sich schieben und sich nur noch Routineaufträge zutrauen.“

Entscheidungen treffen

„Leider trauen sich nur sehr wenige Manager, Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen haben den kleinen Haken, dass sie eventuell falsch sein könnten, weshalb viele leider die falsche Entscheidung treffen – nämlich keine.“

Reportings ohne Ende

„Ich kenne Vertriebsorganisationen, bei denen die Account Manager vier Tage die Woche Reports verfassen und folgerichtig nur einen Tag die Woche beim Kunden sind. Desaströs.“

Die geliebte Routine

„Es besteht ein Hang dazu, sich in Routine zu vergraben, um keine unangenehmen Entscheidungen fällen zu müssen.“

Verhalt dich mal ruhig!

„Ich glaube, dass Action Management bei uns nur so lange funktioniert, wie das Unternehmen in Notlage ist. Der Satz ›Verhalt dich mal ruhig!‹ fällt bereits, sobald wir irgendwie eine schwarze Null schreiben.“

Erfolge machen einsam

„Action Management funktioniert bei uns nicht, weil Action Manager Erfolg haben und jeder Erfolg bei uns die Neider auf den Plan ruft. Sie fürchten, dass jeder merkt, dass sie keine solchen Erfolge vorweisen können. Erfolge machen einsam.“

Bloß keine Action

„Action Manager sind oft erfolgreich, aber meist nicht beliebt, weil die anderen sich dann auch schneller bewegen müssen. Schwache Chefs finden den Action Manager auch eher unbequem …“

Weniger Anerkennung

„Action Manager ernten bei uns meist weniger Anerkennung als diejenigen, die sich mehr aufs Schwafeln konzentrieren.“

Sie haben auch ein Beispiel?

Dann schreiben Sie mir: c.groh@vhb.de

Warum tun Menschen anderen immer wieder bis in unvorstellbare Dimensionen Gewalt an? Dieser Ur-Menschheitsfrage geht die Philosophin Barbara Strohschein in ihrem neuen Buch “Die gekränkte Gesellschaft: Das Leiden an Entwertung und das Glück durch Anerkennung”, das im Riemann Verlag erschienen ist, auf den Grund. Die Berliner Autorin untersucht ein Phänomen, dass wir leider alle täglich erleben und beobachten: Entwertungen und Kränkungen.

Dabei nimmt Strohschein, die einen sehr verständlichen und klaren Schreibstil pflegt, immer wieder Bezug zu den drei Philosophen Sören Kierkegaard, Arthur Schopenhauer und Ernst Bloch. Kierkegaard, weil sein Leiden und Denken um das Menscheitsthema Schuld und Gewissen kreiste. Schopenhauer, weil er den blinden Willen überwinden wollte und um Selbstbeherrschung kämpfte, und Bloch schließlich weil er dazu aufrief, die Hoffnungslosigkeit zu überwinden und “das richtige Hoffen” zu erlernen.

Aber keine Sorge, es geht nun nicht mit verknoteten Gedankengängen und ellenlangen Schachtelsätzen weiter, wie man sie durchaus bei so einem dicken philosophischen Wälzer erwarten könnte. Sie werden auf den 415 Seiten sogar etwas über sexuelle Höhepunkte lesen und Wege und Mittel kennenlernen, „wie Mann und Frau diesen Weg zur vollkommenen Ekstase erfahren können.” Auch einen Blick in die Welt der Prostitution wirft die Autorin – und es geht dort nicht um ein moralisches Problem, das Strohschein beschäftigt.

Statt Schwurbel-Sprech und intelektueller Überforderung also gibt es von der Werte-Expertin, die in eigener Praxis auch als Coach und Beraterin arbeitet, zunächst einen sehr anschaulichen und klaren Überblick, wo überall entwertet wird, wie überhaupt Entwertungen stattfinden, wie sie kompensiert werden und was Werte eigentlich sind. Auch dass sie dabei immer wieder tiefenpsychologische Aspekte einfließen lässt, tut der Verständlichkeit keinen Abbruch. Im Gegenteil. Barbara Strohschein hat gut recherchiert und bringt die Dinge prägnant auf den Punkt.

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