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17.01.2013

08:05 Uhr

Übersee-Desaster

Arcelor-Mittal bietet 1,5 Milliarden für Thyssen-Krupp-Werk

Thyssen-Krupp will seine verlustreichen Standorte in Brasilien und den USA rasch losschlagen. Konkurrent Arcelor-Mittal bietet nun offenbar 1,5 Milliarden Dollar für das Werk in Alabama – ein Bruchteil der Investition.

Auf Sand gebaut: Das Stahlwerk in Brasilien entwickelte sich für Thyssen-Krupp zum Debakel. dpa

Auf Sand gebaut: Das Stahlwerk in Brasilien entwickelte sich für Thyssen-Krupp zum Debakel.

BangaloreDer Stahlkonzern Arcelor-Mittal bietet einem Medienbericht zufolge 1,5 Milliarden Dollar für das Stahlwerk von Thyssen-Krupp im US-amerikanischen Alabama. Wie das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen weiter berichtet, hat auch der brasilianische Konzern Companhia Siderurgica Nacional seinen Hut in den Ring geworfen. Die Brasilianer bieten demnach 3,8 Milliarden Dollar. Auch der US-Konzern Nucor sei interessiert.

Arcelor-Mittal gab in der vergangenen Woche bekannt, ein Angebot unterbreitet zu haben, nannte jedoch keinen Preis. Thyssen-Krupp hatte seine Werke in Alabama und Brasilien 2012 zum Verkauf gestellt und zunächst einen Verkaufserlös von mindestens sieben Milliarden Euro angepeilt. Analysten hatten den Wert aber lediglich auf drei bis vier Milliarden Euro beziffert, der sich auch in dem festgelegten Buchwert niederschlägt. Ursprünglich hatte Thyssen-Krupp rund zwölf Milliarden Euro in die Werke investiert.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

Umgang mit Geschäftspartnern

Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

Umgang mit Geschäftspartnern (2)

Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

Umgang mit Gewerkschaftern

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

Querelen im Vorstand

ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

Korruptionsvorwürfe

Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

Das Werk in Brasilien (1)

Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

Das Werk in Brasilien (2)

Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

Das Werk in den USA

Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Thyssen-Krupp geriet in den vergangenen Monaten durch Misserfolge mit Stahlwerken in Brasilien und den USA sowie diverse Kartell- und Korruptionsvorwürfe in die Schlagzeilen. Drei von sechs Vorständen mussten ihren Hut nehmen, damit ein Neuanfang gelingt. Doch auch die Arbeit des Aufsichtsrats geriet ins Kreuzfeuer der Kritik.

Weiter angefacht wurde die Kritik durch die jüngste Luxusreisen-Affäre. Das Handelsblatt hatte in der vergangenen Woche berichtet, dass Thyssen-Krupp die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat mit Luxusreisen verwöhnt hatte. Der IG-Metall-Vorstand und ThyssenKrupp-Aufsichtsrat Bertin Eichler und andere Arbeitnehmervertreter im Kontrollgremium seien zwischen 2004 und 2012 mehrfach auf Kosten von Thyssen-Krupp First-Class nach Asien und Amerika gejettet. Neben geschäftlichen Terminen hätten dabei auch touristische Attraktionen auf dem Programm gestanden.

Eichler, der sich zu fünf First-Class-Flügen einladen ließ, zog daraufhin die Konsequenzen. Er kündigte an, künftig nicht wieder für das Kontrollgremium zu kandidieren und dem Unternehmen die Kostendifferenz zwischen First-Class- und Business-Class-Flügen zu erstatten.

Angesichts dieser Vorfälle gibt es für die Hauptversammlung von Thysssen-Krupp am Freitag in Bochum gleich mehrere Anträge, Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern. Daher wird eine turbulente Hauptversammlung erwartet.

Kommentare (15)

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Domenq

17.01.2013, 08:21 Uhr


Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: http://www.handelsblatt.com/netiquette

Account gelöscht!

17.01.2013, 08:27 Uhr

Das sind verkappte Reparationsleistungen.

Mund abputzen, sich das Raubgesindel merken, weitermachen.

Besucher

17.01.2013, 08:31 Uhr

Die Frage ist doch, was kann Arcelor besser als Thyssen? Technik und oder Vertrieb? I.d.R. ist eine Verlustrealisierung besser als ein "Weitermachen", hier kommen mir aber Parallelen zu TUI auf. Vor einigen Jahren galt die Tochter Salzgitter als unattraktiv und wurde deshalb verkauft. Danach stiegen ihre Gewinne deutlich an.

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