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27.01.2005

11:00 Uhr

Umfrage unter Personalchefs: Obwohl Mitarbeiter über 45 Jahre beste Eigenschaften haben, bleiben sie außen vor

Vom Zeitgeist aussortiert

VonJörg Lichter (Claudia Tödtmann, Handelsblatt)

Die Dresdner Bank fühlt sich „personell gut gewappnet“. Weil sie im Privatkundengeschäft eine „junge, dynamische Mannschaft“ hat. 70 Prozent ihrer Vertriebsleute sind unter 40 Jahren alt, 36 Prozent haben noch nicht einmal ihren 30. Geburtstag gefeiert, verkündet eine Hauspostille den Bankern stolz.

Obwohl Mitarbeiter über 45 Jahre beste Eigenschaften haben, bleiben sie in deutschen Unternehmen außen vor.

Obwohl Mitarbeiter über 45 Jahre beste Eigenschaften haben, bleiben sie in deutschen Unternehmen außen vor.

HB DÜSSELDORF. Andere Beispiele: Das Durchschnittsalter beim Telekom-Unternehmen Vodafone D2 beträgt 34 Jahre, bei Adidas-Salomon 33 Jahre.

Damit folgen sie dem Zeitgeist, der durch alle Branchen und Regionen weht. Und das nicht erst seit gestern. Dies ergibt auch eine Befragung der Vergütungs- und Unternehmensberatung Towers Perrin, Frankfurt, dem Fachblatt „Personal“ und dem Handelsblatt von 629 Personalchefs der größten Unternehmen hier zu Lande (Antwortquote 15 Prozent): Seit mindestens zwei Jahren haben die Befragten kaum Bewerber eingestellt, die 55 Jahre oder älter waren. Höchstens 15 Prozent der Stellen besetzten sie mit Leuten ab 55. Den Kandidaten ab 45 Jahren erging es nicht viel besser: 67 Prozent der Unternehmen gaben ihnen nur eine geringe Chance.

Warum? Die wichtigsten Gründe der Personaler, weshalb sie ältere Bewerber gleich aussortieren: 54 Prozent sind Ältere zu teuer. 31 Prozent meinen, dass sich Ältere nur schwer in die Belegschaft einfügen. Und 13 Prozent der Personalchefs wollen ihre junge Belegschaft von Älteren verschonen. Jeder Zehnte möchte den jungen Führungskräften keine älteren Untergebenen zumuten. Erich Unkrig von RWE Solutions aus Neu-Isenburg bestätigt: „Junge Chefs sind mit einer professionellen, situativ angemessenen Führung Älterer oft überfordert.“

Der Jugendwahn wird auch so bald nicht enden: Fast 50 Prozent der Unternehmen wollen auch künftig bei Neueinstellungen Bewerber unter 35 Jahren favorisieren. Um die dürfte dann – angesichts der demographischen Entwicklung – bald ein Gerangel losgehen. Nur die Hälfte der Unternehmen in Deutschland beschäftigt überhaupt noch Arbeitnehmer über 50 Jahre, hat das Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ermittelt. Und nur 39 Prozent der über 55-Jährigen hier zu Lande arbeiten noch – verglichen mit 51 Prozent im Schnitt der OECD-Industrieländer.

Deutschland ist dem Jugendwahn also besonders verfallen. So urteilt ein befragter Finanzdienstleister: „Die Unternehmen haben das demographische Problem nicht erkannt, geschweige denn bearbeitet.“ Die Über-50-Jährigen stellen schon bald die Mehrheit der Bevölkerung. Trotzdem glauben fast zwei Drittel der Personaler – Prinzip Hoffnung –, dass gerade ihnen junge, qualifizierte Bewerber nie ausgehen.

Wäre das denn überhaupt so tragisch für den Unternehmenserfolg? Attestieren doch die Personaler selbst den Älteren in der Umfrage mehr Zuverlässigkeit, höhere Verantwortungsbereitschaft, mehr Kunden- und Ergebnisorientierung sowie mehr Effizienz als den Jüngeren. Denen wiederum schreiben die Personalchefs stärkere Innovations- und Leistungsbereitschaft sowie höhere Mobilität und Belastbarkeit zu.

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