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23.12.2011

13:48 Uhr

Unternehmensführer

Top-Manager werden zu Staatsmännern

VonWolfgang Reuter, Heike Anger, Thomas Sigmund

Der Berliner Parteien-Zwist und die Kredit-Affäre des Bundespräsidenten sind der Betonfuß für das Ansehen der Politik. Drei moderne Unternehmensführer stoßen in das Vakuum. Sie bewerben sich als neue Führungspersonen.

Jürgen Heraeus, Aufsichtsratschef beim gleichnamigen Technologiekonzern, engagiert sich für soziale Gerechtigkeit. Reuters

Jürgen Heraeus, Aufsichtsratschef beim gleichnamigen Technologiekonzern, engagiert sich für soziale Gerechtigkeit.

Düsseldorf/BerlinSie mahnen, appellieren und bieten Visionen, die über den nächsten Jahresabschluss hinausreichen. Immer deutsche Vorstandschefs treten auf wie Staatsmänner, richten ihre Worte nicht nur an Angestellte und Aktionäre, sondern an die Gesellschaft.

Henkel-Chef Kaspar Rorsted, im Hauptgeschäft zuständig für Persil und Schauma, spricht über Chancen und Gefahren des Internetzeitalters. Bosch-Chef Franz Fehrenbach, dessen Firma Zündkerzen und Kühlschränke produziert, fordert zu einer „grünen Revolution“ auf. Und auch der Chef der weltgrößten Rückversicherung Munich Re, Nikolaus von Bomhard, mahnt uns, den Klimawandel nicht zu vergessen, „die vielleicht größte Herausforderung der Zukunft“.

In dieser Woche hielt Josef Ackermann seine vielleicht größte Rede: „Jenseits eines vereinten Europas, davon bin ich fest überzeugt, gibt es auch für Deutschland keine erfolgreiche Zukunft“, sagte der Deutsche-Bank-Chef am Dienstag. Und fügte hinzu: „Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir die Idee der europäischen Einigung neu beleben, die Menschen neu für sie begeistern müssen.“

Die mehr als 3000 Zuhörer in der Essener Philharmonie erlebten die neueste Verwandlung des Finanzmanagers, der sich schon in so vielen Rollen präsentiert hat: Der einstige Erzkapitalist tritt nun als Weltstaatsmann auf, als einer, der die Interessen seines Unternehmens vertritt, indem er über sein Unternehmen hinausdenkt.

Der moderne Konzernboss hat mit seinem Vorfahren, dem schrillen Standortmahner à la Hans-Olaf Henkel, nicht mehr viel gemein. Er stößt damit in ein Vakuum, das die Politik hinterlassen hat. Dort beschimpft man sich als „Wildsau“, „Gurkentruppe“ oder stellt – wie der Kanzleramtschef gegenüber einem Kritiker – fest: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen.“

Das Volk wendet sich von den Pöbelpolitikern ab. Laut dem Institut für Demoskopie in Allensbach glauben nur noch 20 Prozent der Deutschen, dass Bundestagsabgeordnete in erster Linie die Interessen der Bevölkerung vertreten – 1978 waren es noch 55 Prozent. Die Affäre um Christian Wulff, der sich als Staatsoberhaupt einen günstigen Privatkredit gönnte und bei reichen Unternehmerfreunden Urlaub machte, tut ihr Übriges.

Kommentare (2)

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chantal

23.12.2011, 14:02 Uhr

Mir kommen die Tränen, Herr vergib auch Ihnen, denn sie wissen was sie vorhaben zu tun. Offensichtlicher geht es unverblümter nicht mehr. Hochschreiben, bis sie dort sind, wo man sie gerne sähe. Am Ruder der Befindlichkeiten, am Ruder der Märkte konnten sie beweisen, was sie so drauf haben oder auch nicht. Aaalglatt verdrängt angeblich die Pöbelpolitiker. Gehts nicht 'ne Nummer besser?

W.Hoppenstedt

23.12.2011, 18:11 Uhr

Es ist unglaublich dass ein (vermeinltlich?) seriöses Presseorgan wie das HANDELSBLATT allen Ernstes von "Berliner Parteien-Zwist" schreibt.

Hat es sich in der Redaktion nicht herumgesprochen, dass der Disput, der Diskurs und irgendwann der Kompromis das Salz in der Suppe der Demokratie ist?

Die Biertischargumentationen dieser Art geben einem demokratischen Staat den Rest - weil damit genau dieses Biertischgerede bestätigt wird.

Im Übrigen: Wir brauchen keine Unternehmer in der Politik !

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