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15.10.2016

11:37 Uhr

Urlaub am Mittelmeer

Weniger Tourismus durch Terrorismus

Anschläge und politische Krisen in beliebten Urlaubsregionen belasten die Tourismusbranche. Das wichtige Sommergeschäft war in diesem Jahr alles andere als ein Selbstläufer. Doch es gibt auch gute Nachrichten.

Nach dem Putschversuch kehren Urlauber der Türkei den Rücken. dpa

Leere Strände in Antalya

Nach dem Putschversuch kehren Urlauber der Türkei den Rücken.

Frankfurt/MainVolle Strände an Nord- und Ostsee, leere Hotels in der Türkei: Verunsichert durch Anschläge und politische Krisen haben die Bundesbürger in diesem Sommer manch klassische Urlaubsziele gemieden. Das hinterlässt Spuren in der Bilanz der zu Ende gehenden Sommersaison. Auf sieben Prozent beziffern die Konsumforscher von der GfK den Rückgang beim Buchungsumsatz in den Reisebüros. Dabei sind die Bundesbürger alles andere als reisemüde. „Insgesamt wird nicht weniger gereist“, sagt Dörte Nordbeck von der GfK.

Viele Sonnenhungrige entschieden sich in diesem Sommer für Spanien, Portugal oder Urlaub im eigenen Land statt für die Türkei oder Ägypten. Allen voran Spanien erlebte einen nie da gewesenen Ansturm. Sonne und Strand lockten allein im August nach Angaben der Statistikbehörde INE 10,1 Millionen ausländische Touristen nach Spanien. In den ersten acht Monaten des laufenden Jahres registrierte das Land einen Rekord von 52,5 Millionen Besuchern – gut zehn Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Bei Deutschen steht die Costa del Sol und Co. ohnehin seit Jahren an der Spitze der beliebtesten Urlaubsziele.

So schummeln Hoteliers bei der Sternebewertung

Warum sind Hotelsterne überhaupt so beliebt?

Wer ein Drei-Sterne-Hotel bucht, darf einen Föhn und ein Telefon im Zimmer erwarten. Bei fünf Sternen kommen ein Safe und Hausschuhe hinzu. Seitenlang ist festgelegt, was Hotels bieten müssen, um die werbeträchtigen Sterne des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) zu bekommen. Jeder zweite Hotelgast verlässt sich nach einer Umfrage bei der Buchung darauf – doch viele Hoteliers schummeln. „Ein hohes Ausmaß illegitimer Sternewerbung“ beklagt der Branchenverband – und kündigt an, jetzt durchzugreifen. (Quelle: dpa)

Wie werden die Sterne vergeben?

Die Dehoga-Tochter Deutsche Hotelklassifizierung GmbH hat dafür 270 Kriterien festgelegt, nach Punkten gewichtet – von der Reserverolle Klopapier bis zum Blumengruß. Auch Hygiene, der Erhaltungszustand und der Gesamteindruck des Hotels spielen eine Rolle. 940 Punkte sind insgesamt möglich, ab 600 gibt es fünf Sterne. Die Punkte vergeben 16 Regionalgesellschaften des Dehoga, die zum Beispiel neutrale Hoteliers und Mitarbeiter von Tourismusverbänden in die Häuser schicken. Sehen sie die Kriterien erfüllt, gibt es für drei Jahre die Messing-Tafel mit den Sternen für den Eingang. Je nach Größe des Hotels kann die Klassifizierung bis zu 2000 Euro kosten.

Wie viele Hotels beteiligen sich?

Im Juli waren es rund 8500 – von insgesamt knapp 21.000 Hotels in Deutschland. Die Teilnahme ist freiwillig. Mehr als 5100 Hotels haben drei Sterne und gelten damit als Unterkünfte für gehobene Ansprüche. Knapp 2700 Häuser haben vier (hohe Ansprüche), an 124 Hotel-Eingängen prangen fünf Sterne für höchste Ansprüche.

Wie groß ist der Missbrauch?

Es gibt dazu zwei Untersuchungen: Das ZDF überprüfte im Sommer eine Stichprobe von 1000 Hotels. Ergebnis: Bei einem Viertel waren die Sterne entweder abgelaufen oder der Hotelier hatte sie sich selbst erteilt. Der Dehoga bestätigte das Ergebnis nun und hat inzwischen auch selbst nachgesehen: Auf acht Prozent von 3000 untersuchten Websites warben die Hotels zu Unrecht mit den Sternen.

Wie kommt es zur Schummelei?

Es scheinen sich nicht alle darum zu scheren, dass die Hotelsterne ein geschütztes Markenzeichen sind. Das können auch eingesessene Betriebe sein, die die Verlängerung der Sterne vergessen, oder blauäugige Neulinge – die Branche geht nicht in jedem Fall von betrügerischer Absicht aus.

Was tut der Dehoga dagegen?

Noch von diesem Jahr an soll Software Schummelei automatisiert aufdecken. Es soll auch Überprüfungen vor Ort geben und notfalls Verfahren bei der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs.

Welche Bewertungssysteme gibt es noch?

Das Internet bietet inzwischen eine Reihe von Alternativen, die meist auf Bewertungen von Hotelgästen beruhen. Das Hotelvermittlungsportal HRS vergibt seine eigenen Sterne, auch Reiseportale wie Holidaycheck und Tripadvisor liefern eigene Einstufungen. Eine Branchenumfrage ergab schon vor zwei Jahren, dass sich die Kunden etwas mehr an Online-Bewertungen orientieren als an den Sternen. Der Dehoga sieht in den Nutzer-Bewertungen aber keine Konkurrenz: „Es gibt ein Sowohl-als-auch: die objektiven, nachvollziehbaren Hotelsterne und die subjektive Bewertung im Netz“, sagt eine Dehoga-Sprecherin. „Beides hat seine Berechtigung.“ Die eigenen Sterne der Online-Portale funkeln dem Dehoga jedoch mittlerweile zu hell – hier fordert der Verband den Verzicht.

Wie sieht es im Ausland aus?

Es gibt kein weltweit einheitliches Bewertungssystem für Hotels. Drei Sterne in Spanien sind nicht das gleiche wie drei Sterne in Deutschland. Manche Länder verwenden Buchstaben, andere haben gar keine Klassifizierung. Während sich der Dehoga seit Längerem um ein einheitliches europäisches Sternesystem bemüht, haben viele Reiseveranstalter eigene Bewertungssysteme eingeführt. Beim deutschen Marktführer Tui beispielsweise sind es bis zu sechs Sonnen.

Griechenland lag nach Angaben des Branchenverband DRV in diesem Sommer ebenfalls im Trend. Das Geschäft mit der Türkei brach nach Terroranschlägen und dem gescheiterten Putsch hingegen ein.

„Reiseströme verschieben sich insbesondere von Nordafrika und vom östlichen ins westliche Mittelmeer“, sagte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft, Michael Frenzel jüngst. Das hinterlässt Spuren, zum Beispiel bei Fluggesellschaften: „Airlines klagen über hohe Flugkapazitäten, die mangels Betten nicht voll ausgelastet werden können“, erläuterte Frenzel.

Auch Veranstalter merken die Verschiebungen. Zwar konnte Branchenprimus Tui einen herben Buchungseinbruch bei Türkei-Reisen mit Angeboten für andere Ziele im Sommer insgesamt mehr als wettmachen. In Deutschland verkauften die Hannoveraner allerdings zwei Prozent weniger Pauschalreisen als im Vorjahr.

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