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05.07.2013

18:14 Uhr

Urlaub ohne Arbeitsstress

Kalter Entzug!

VonCarina Kontio

Weg von der Arbeit, weg vom Chef, alles hinter sich und das Smartphone auslassen: Das wünsche ich mir für meinen Urlaub. Aber Ferien vom Job und eine digitale Auszeit müssen gut vorbereitet werden – ein Selbstversuch.

4,8 Milliarden Menschen besitzen ein Handy, hingegen nur 4,2 Milliarden eine Zahnbürste. Tendenz steigend: Täglich werden mehr Smartphones verkauft als Babys geboren. Reuters

4,8 Milliarden Menschen besitzen ein Handy, hingegen nur 4,2 Milliarden eine Zahnbürste. Tendenz steigend: Täglich werden mehr Smartphones verkauft als Babys geboren.

DüsseldorfDienstag, 06:54 Uhr. Bis hierhin habe ich es geschafft: einen Tag lang keine Arbeits-Mails mit dem Handy abgerufen; am Montag hatte ich frei. Ein 24-Stunden-Pilotprojekt, denn die große Frage, die ich mir stelle, lautet „Schaffe ich das auch zwei Wochen lang?“ Ab Freitag habe ich Urlaub. Freizeit. Raus aus dem Hamsterrad, wo ich mir langsam die Pfoten wund laufe.

Ich empfange also und lade über 150 neue Nachrichten und sehe: mein Chef hat es in seinem Urlaub fast geschafft. Zwei Mails hat er gestern Abend geschrieben. Bis dahin hat er sich vorbildlich verhalten und blieb sogar Facebook und Twitter fern.

Mich dagegen hat es schon Überwindung gekostet, innerhalb von 24 Stunden keine E-Mails von der Arbeit über mein Smartphone abzurufen. Immer wieder habe ich mich dabei ertappt, wie ich beinahe ferngesteuert das zigarettenschachtelgroße Gerät in die Hand genommen und mein Postfach geöffnet habe. Am Nachmittag passierte mir etwas, das Experten sogar schon wissenschaftlich untersucht haben: ich litt unter eingebildetem Vibrationsalarm! 68 Prozent aller Handy-Besitzer, so das Baystate Medical Center Massachusetts, erleben dieses Phänomen einmal pro Woche. Gruselig.

Fakten zur Smartphone-Sucht

1

1 mal pro Stunde checken Erwachsene ihr Handy. Erst checken, dann strecken: Jeder dritte Handy-Besitzer blickt nach dem Aufwachen als Erstes aufs Display, jeder zweite sagt als letzte Amtshandlung vor dem Einschlafen seinem Handy „Gute Nacht.“

(Quelle: Anitra Eggler, „Facebook macht blöd, blind und erfolglos.“)

3417

3417 Textnachrichten erhält ein amerikanischer Teenager zwischen 13 und 17 Jahren im Monat. Das sind bei einem 16-Stunden-Tag sieben bis acht Nachrichten pro Stunde.

68 Prozent

68 Prozent aller Handy-Besitzer leiden unter eingebildetem Vibrationsalarm. Sie erleben dieses Phänomen einmal pro Woche.

4,8 Milliarden

4,8 Milliarden Menschen besitzen ein Handy, hingegen nur 4,2 Milliarden eine Zahnbürste. Tendenz steigend: Täglich werden mehr Smartphones verkauft als Babys geboren.

20 Prozent

20 Prozent greifen nach dem Sex sofort zum Handy, hingegen nur noch 10 Prozent zur Zigarette danach.

60 Prozent

60 Prozent der britischen Jugendlichen können sich ein Leben ohne Handy nicht mehr vorstellen und bezeichnen sich selbst als „hochgradig abhängig“. Bei den Erwachsenen sind es nur 37 Prozent – lügen die?

1 von 10

1 von 10 Handynutzern weiß nicht, wo der Ausknopf ist.

1 von 10 greift beim Gottesdienst zum Handy.

1 von 10 nutzt sein Handy während des Sex.

2 von 10

2 von 10 schalten ihr Handy nie aus.

2 von 10 tippen beim Autofahren - das wirkt wie bei 0,8 Promille.

3 von 10

3 von 10 Teens machen per SMS Schluss.

4 von 10

4 von 10 gehen nicht ohne Handy aufs Klo.

5 von 10

5 von 10 nutzen ihr Handy im Bett.

6 von 10

6 von 10 schlafen mit dem Handy - auf dem Nachttisch.

7 von 10

7 von 10 verzichten lieber auf Alkohol als auf ihr Smartphone.

Was ist es, dass uns so schwer loslassen und abschalten lässt? An der Bushaltestelle, im Zug, an der Ampel: wir schauen öfter auf unsere Smartphones als in die Gesichter unserer Mitmenschen. Was macht das mit uns, ständig erreichbar und nirgendwo mehr richtig anwesend zu sein? Mir ist es sogar schon passiert, dass ich aus dem Zugfenster zwischen Düsseldorf und Köln blicke und einen Moment lang gar nicht weiß, wo ich eigentlich bin. Eine Strecke, die ich seit drei Jahren täglich pendle. Immer mit dem Handy in der Hand. Und wie bekomme ich als Smartphone-Zombie das hin, mal so richtig ab zu schalten und das süße Nichtstun zu genießen?

Vor mir liegen noch drei Arbeitstage und ich möchte mich gut auf meinen zweiwöchigen Entzug vorbereiten. Dafür habe ich mir Hilfe geholt: „Digital-Therapie für Ihr Internet-Ich“, „Schneller abschalten: Im Urlaub aktiv bleiben“, „Der Stress fliegt mit“, „Urlaub machen – aber richtig“ – ein Stapel ausgedruckter Texte und Bücher, die mir alle zeigen wollen, wie das richtig geht.

Für mich wäre das eine Premiere. In meinen letzten Urlauben war ich quasi Dauerverfügbar. Am Strand der französischen Atlantikküste habe ich für einen Kunden täglich eine Stunde lang getwittert, vor dem Kamin in Helsinki Börsen-Umfragen ausgewertet und in einem holländischen Ferienhaus E-Mails von Kollegen beantwortet. Vorläufiger Tiefpunkt meiner Arbeitssucht: Am Flughafen in New York bin ich vor zwei Jahren auf dem Boden herumgekrabbelt und frei von voyeuristischen Gedanken unter einem Bistro-Tisch aufgetaucht. Warum tat ich das? Weil ich Strom suchte. Für mein Smartphone.

Kommentare (6)

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pool

05.07.2013, 19:00 Uhr

Drei Wochen kein Heroin. Das ist wirklich einer toller Vorsatz. Und die Familie kommt auch zu ihrem Recht. Jetzt lernt sie Papa auf dem Affen kennen statt immer nur beim simsen.

Account gelöscht!

05.07.2013, 19:08 Uhr

Meine Eltern benutzen leider gar kein Handy. Beste Grüße, Carina Groh-Kontio

Wolfsfreund

05.07.2013, 20:51 Uhr

Aus dem Beitrag:
"...sollte ich vielleicht über Reiseziele nachdenken, in denen es gar keinen Empfang gibt."
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Als ich noch angestellt gearbeitet habe (schon länger her), verlangte mein Chef von mir, im Urlaub erreichbar zu sein, um ihn ggf. für wichtige Termine sogar zu unterbrechen.
Meine Antwort: Da, wo ich hinreise, gibt es keinen Anschluß.
Verständnisloser Blick: Wie? Was?
Meine Aufklärung: Meinen Urlaub verbringe ich in der Wildnis des Hohen Nordens!
Ah ja (noch ein verständnisloser Blick)! Danach kam nichts mehr in dieser Richtung! :-)

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