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24.03.2016

15:12 Uhr

Uvex

Ein Unfall mit Folgen

VonMartin Dowideit

Ein Schlaganfall reißt Familienunternehmer Rainer Winter 1992 aus dem Arbeitsleben bei Uvex. Sohn Michael übernimmt schnell die Geschäftsführung, doch ist da schon eine bis heute folgenschwere Entscheidung getroffen.

Geschäftsführer von Uvex.

Michael Winter

Geschäftsführer von Uvex.

DüsseldorfAls Michael Winter zurück in sein Hotelzimmer in Albuquerque kommt, blinkt das rote Licht am Festnetz-Telefon auf dem Nachttisch. Es ist der Sommer 1992, lange vor dem Zeitalter von Handy und Smartphones. Das Lämpchen zeigt, dass eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen worden ist.

Den Tag über war Winter als Assistent des US-Geschäftsführers des Helmproduzenten- und Arbeitsschutz-Spezialisten Uvex im Atomkraftwerk der Stadt gewesen. Er bot dort die Sicherheitsbrillen der Firma an, die sein Großvater Philipp Jahrzehnte zuvor in Fürth gegründet hatte. Winter, damals Mitte 20, sollte zwei Jahre in den USA berufliche Erfahrungen sammeln, um danach in der Firmenzentrale einen kleineren Geschäftsbereich zu übernehmen.

Er hört die Nachricht ab. „Ein Geschäftsführer aus Deutschland war dran, mein Vater habe sich die Schulter gebrochen, ich solle sofort in die Heimat kommen“, erinnert sich Winter. Dabei wundert er sich: Warum ruft Vater Rainer nicht selber an? Weshalb die Dringlichkeit? Es waren doch erst 15 Monate seiner Station in den Staaten vorbei.

Fakten zu Uvex

Gründungsjahr

1926 wurde das Familienunternehmen in Fürth gegründet und hat immer noch dort seinen Sitz.

Geschichte

Schon zu Beginn konzentrierte sich Gründer Philipp M. Winter Firma auf optische Produkte. Der Augenschutz rückte in den Mittelpunkt und 1960 entstand daraus die Idee für die Marke „Uvex“ (Ultraviolet Excluded).
1980 erfolgte die Expansion nach Nordamerika, die Markenrechte für Arbeitsschutzprodukte auf dem amerikanischen Kontinent verkaufte Uvex allerdings im Jahr 1997.

Eigner und Führung

Rainer Winter ist offiziell Vorsitzender der Geschäftsführung, sein Sohn Michael Winter ist seit Jahren ebenfalls Geschäftsführer und repräsentiert die dritte Generation im Unternehmen.

Produkte

Uvex produziert Arbeitsschutzprodukte wie Schutzbrillen, Sicherheitshandschuhe, Arbeitsschuhe und Schutzkleidung. Das zweite Standbein sind Sportprodukte, vor allem Fahrrad-, Ski- und Reithelme. Neben der Marke Uvex werden Produkte unter anderem auch unter den Marken Alpina und Filtral vertrieben.

Geschäftsentwicklung

Uvex wächst langsam, aber beständig. Im Geschäftsjahr 2007/08 lag der Umsatz bei 311 Millionen Euro, 2012/13 waren es 343 Millionen Euro. In den vergangenen Jahren hat sich der Anteil der Arbeitsschutzprodukte am Gesamtumsatz erhöht auf zuletzt 72 Prozent. Der Auslandsumsatz stagniert zumindest in den vergangenen sechs Jahren bei 50 Prozent.

Beschäftigte und Standorte

Uvex hat fast 2000 Mitarbeiter, davon arbeiten zwei Drittel in Deutschland. Produziert wird an fünf Standorten in Deutschland sowie in der Slowakei, in Tschechien, in Italien, Schweden und den USA. Eine Produktionsstätte in China soll im Juni 2014 offiziell in Betrieb genommen werden.

Das Rätsel löst sich nach seiner Rückkehr. Der Vater liegt in der Uniklinik in Erlangen, wahrscheinlich wegen eines Schlaganfalls war er eine Treppe herunter gestürzt. Es sah nicht gut aus. „Niemand wusste, dass er sich wieder ganz gut erholen würde“, sagt Winter. Sechs Monate ist Rainer Winter komplett außer Gefecht, die Firma nur mäßig auf einen solchen Schock vorbereitet.

Sein Sohn Michael kehrt zwar zurück und übernimmt mehr Verantwortung, recht bald schon als Geschäftsführer. Doch ein Beirat und die externen Geschäftsführer haben den Betrieb zwischendurch am Laufen gehalten und dabei auch eine folgenschwere Entscheidung getroffen. „Darunter leiden wir noch heute“, sagt Michael Winter, inzwischen 50 Jahre alt. Denn die Gremien verkauften damals die Uvex-Markenrechte für die USA „an meiner Schwester und mir vorbei“ in die USA. Und zwar unbefristet. Wer heute Uvex-Brillen für ein Atomkraftwerk in Albuquerque kauft, bekommt diese vom Industriekonzern Honeywell. Für Uvex in Deutschland erschwert das, internationale Großaufträge im Arbeitsschutz zu erhalten. Für dieses Problem ist noch immer keine wirkliche Lösung gefunden.

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Die Familie zieht damals eine Lehre. Uvex will nicht nur Arbeitsschutzartikel und Helme liefern, sondern auch sich selbst geschützt wissen. „Jeder muss ersetzbar sein, auch der Gesellschafter“, sagt Winter. Nach monatelanger interner Diskussion und mit Hilfe von Beratern wird eine „Family Governance“ beschlossen, mit der für diverse Notfälle vorgesorgt ist: Ein Streit unter den heutigen sieben Familiengesellschaftern der zweiten bis vierten Generation? Der Beirat aus langjährigen Wegbegleitern und Beratern der Familie bekommt Schlichtungskompetenz. Ein Todesfall? Die externen Geschäftsführer sind nicht nur über das Tagesgeschäft informiert, sondern auch über strategische Perspektiven – so geht im Krisenfall nicht zu viel Wissen verloren.

Rainer Winter erholte sich Anfang der 90er-Jahre weitgehend von seinem Unfall. Er fungiert nach wie vor als Vorsitzender der Geschäftsführung der Uvex-Gruppe. Sein Sohn Michael ist ebenfalls Geschäftsführer, dessen Schwester Gabriele Grau, nicht operativ tätige Hauptgesellschafterin. Mit ihrer „Family Governance“ fühlen sie sich für die Zukunft gerüstet.

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