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09.01.2008

21:28 Uhr

Verfahren gegen Ex-WestLB-Chef Sengera

Nadelstiche zum Auftakt

VonChristian Panster

Die Anwälte des ehemaligen WestLB-Chef Jürgen Sengera wollen den Prozess gegen den Angeklagten wegen angeblicher Formfehler platzen lassen. Sie beantragten am Mittwoch die Einstellung des Verfahrens vor dem Düsseldorfer Landgericht. Dabei kommt es den Anwälten besonders auf klares Deutsch an.

Jürgen Sengera. Foto: dpa dpa

Jürgen Sengera. Foto: dpa

HB DÜSSELDORF. Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Das gilt ganz besonders für Wirtschaftsprozesse wie dem gegen den Ex-Chef der WestLB, Jürgen Sengera, der am Mittwoch vor dem Düsseldorfer Landgericht in Raum L111 begonnen hat. Sengera, dem die Staatsanwaltschaft schwere Untreue vorwirft, könnte ungeschoren davonkommen, weil seinen Verteidigern zufolge wichtige Dokumente nicht oder nur unzureichend vom Englischen ins Deutsche übersetzt worden sind.

Mit ihrem Antrag, das Verfahren gegen den Ex-Banker wegen gravierender formeller Mängel in der Anklageschrift sofort einzustellen, haben die beiden Sengera-Anwälte Christian Richter und Eberhard Kempf zumindest einen ersten Nadelstich gesetzt.

Die Staatsanwaltschaft wirft Sengera vor, 1999 ohne ausreichende Risikoprüfung einen ausfallgefährdeten Kredit in Höhe von umgerechnet 1,35 Mrd. Euro an den britischen Elektronikvermieter Boxclever bewilligt zu haben. Schon zu diesem Zeitpunkt sei aber abzusehen gewesen, dass die Geschäfte des britischen Unternehmens zunehmend schwieriger würden, sagte Staatsanwalt Henning Wilke bei der Verlesung der Anklageschrift. Aus "übersteigertem beruflichen Erfolgsstreben" soll das damalige Vorstandsmitglied Sengera die Kreditbewilligung bei seinen Führungskollegen dennoch durchgeboxt haben. Der Schaden für die Landesbank war groß. Das Boxclever-Desaster kostete das westdeutsche Geldhaus laut Staatsanwaltschaft rund 427 Mill. Euro.

Allerdings sind für den Prozess wichtige Urkunden - wie etwa der Kreditvertrag oder die Kreditzusage der WestLB an Boxclever - nicht ins Deutsche übersetzt worden. Dies verstoße gegen das Gerichtsverfassungsgesetz, nach dem die Gerichtssprache Deutsch ist. Und das gelte nicht nur für die Sprache im Gerichtssaal, sondern auch für die Urkunden, auf denen nicht zuletzt die Anklageschrift fuße, sagte Sengera-Verteidiger Richter. "Wäre die Anklageschrift in Französisch, Italienisch oder Türkisch verfasst, käme niemand auf die Idee, dass sie zulässig ist."

Besonders pikant: Die Ermittler berichten in Protokollen über die Schwierigkeiten, englische Wirtschaftsbegriffe zu übersetzen - Probleme, die Verteidiger Richter als "Irrlichtern der Staatsanwaltschaft" wertete. Obendrein empfahl er den beiden Staatsanwälten Nils Bußee und Henning Wilke im "Handbuch für den Staatsanwalt" nachzulesen. Die beiden Angesprochenen konnten sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Nach Richter hatte dann auch Kempf, der im Mannesmann-Prozess Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann vertreten hat und wie Richter als Spezialist für die Verteidigung prominenter Kunden gilt, seinen Auftritt. Er wies daraufhin, dass der Tatvorwurf "nicht ausreichend umgrenzt" sei. Die vorliegenden Dokumente ließen nur begrenzt Rückschlüsse auf eine aktive Rolle Sengeras bei der Kreditvergabe an Boxclever zu.

Insgesamt sind für den Prozess 39 Verhandlungstage bis zum 19. Juni angesetzt. 61 Zeugen sollen gehört werden, darunter auch Robin Saunders, die schillernde Investmentbankerin der Londoner WestLB-Tochter Principle Finance. Sie hatte den Boxclever-Deal eingefädelt. Ob die Amerikanerin tatsächlich am 28. Februar im Landgericht Düsseldorf auftaucht, ist laut Staatsanwalt Bußee aber offen.

Die nächste Verhandlungsrunde soll heute ab 13 Uhr folgen. Dann wird das Gericht über den Antrag der Verteidigung entscheiden, das Verfahren einzustellen. Bereits gestern war ein Befangenheitsantrag der Sengera-Anwälte gegen die Kammer abgelehnt worden. Heute wird sich auch der ehemalige Bankchef äußern. Allerdings nicht zur Sache, wie sein Anwalt Christian Richter sagte. Was immer das heißen mag.

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