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18.02.2014

06:49 Uhr

Verhandlung

Staatsanwaltschaft landet Coup im Teldafax-Prozess

ExklusivFast drei Jahre nach der Insolvenz des Billigstromanbieters Teldafax beginnt heute in Bonn der Strafprozess gegen die Verantwortlichen. Eine Ex-Managerin könnte den Angeklagten die Verteidigung erheblich erschweren.

Insolvenz-Verschleppung?

Der Kampf ums Geld: TelDaFax-Prozess beginnt

Insolvenz-Verschleppung?: Der Kampf ums Geld: TelDaFax-Prozess beginnt

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DüsseldorfSchon vor dem am Dienstag beginnenden Prozess gegen die Verantwortlichen des untergegangenen Billigstromanbieters Teldafax hat die Staatsanwaltschaft Bonn einen wichtigen Sieg errungen: Die ehemalige Geschäftsführerin der zentralen Teldafax Marketing GmbH, Claudia N., hat einen Strafbefehl akzeptiert. Dies bestätigte die Staatsanwaltschaft Bonn dem Handelsblatt (Artikel zum Download im Kaufhaus der Weltwirtschaft). Die Managerin sei damit rechtskräftig wegen Beihilfe zur Insolvenzverschleppung zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Ob sie damit auch zur Kronzeugin wird, wollte Oberstaatsanwalt Friedrich Apostel auf Anfrage nicht verraten. Er sagte lediglich: „Frau N. war sehr kooperativ.“

Dies ist ein harter Schlag für die drei Männer, die ab Dienstag vor dem Landgericht Bonn auf ihre Unschuld pochen wollen. Klaus Bath, Gernot Koch und Michael Josten müssen sich wegen des Vorwurfs der Insolvenzverschleppung, des gewerbsmäßigen Betrugs sowie von Bankrotthandlungen verantworten. Teldafax stellte erst am 14. Juni 2011 einen Insolvenzantrag, obwohl die Gesellschaft nach Überzeugung sowohl des Insolvenzverwalters als auch der Staatsanwaltschaft bereits seit Sommer 2009 zahlungsunfähig war. Das Handelsblatt zitiert unter anderem einen Brief der Teldafax-Vorstände an den Aufsichtsrat vom 9. Juli 2009, in dem es heißt: „In der Kalenderwoche 25 wurde der Tatbestand der Zahlungsunfähigkeit festgestellt.“

Das Teldafax-Verfahren

Was wird den Angeklagten vorgeworfen?

Konkret geht es um Insolvenzverschleppung, gewerbsmäßigen Betrug und um Bankrotthandlungen wie das nicht ordnungsgemäße Führen der Geschäftsbücher. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, droht den Angeklagten eine Freiheitsstrafe von über fünf Jahren.

Was ist bislang bekannt?

Laut Ermittlungen der Staatsanwaltschaft waren die Teldafax Holding und deren Töchter Teldafax Services und Teldafax Energy bereits Mitte 2009 zahlungsunfähig. Auch wenn zwischenzeitlich Liquidität zur Verfügung stand, habe sich an der Lage der permanenten Unterdeckung nichts geändert, heißt es in der Anklageschrift. Trotzdem habe es der Vorstand nach Bekanntwerden der Insolvenzreife versäumt, innerhalb von drei Wochen einen Insolvenzantrag zu stellen. Dies geschah erst zwei Jahre später.

Wie kam es zum finanziellen Absturz?

Mit Öffnung der Strommärkte setzte Teldafax mit Billigangeboten auf einen schnellen Durchbruch am Markt. Die Tarife finanzierte Teldafax mit den Vorauszahlungen einer immer größeren Zahl von Neukunden. Verluste wurden bewusst in Kauf genommen, Strom wurde günstiger verkauft als Teldafax im Einkauf dafür zahlte. Der Insolvenzverwalter Biner Bär, der Mitte 2011 vom Bonner Amtsgericht zum Insolvenzverwalter ernannt worden war, stellte auf der ersten Gläubigerversammlung unmissverständlich klar: „Hier haben Leute versucht, mit dem Unternehmen Geld zu verdienen auf Kosten anderer.“

Warum gewann Teldafax so viele Kunden?

Zu Beginn der Öffnung des Strommarktes wurde das Geschäft von wenigen Energiekonzernen dominiert. Andere Wirtschaftsbereiche wie die Telekommunikation hatten da bereits gezeigt, welche Preisspielräume möglich sind. Das Interesse an Billig-Tarifen war entsprechend hoch. Je nach Haushaltsgröße sollten Privatverbraucher bis zu mehrere hundert Euro Stromkosten im Jahr sparen können, lautete das Versprechen.

Würde eine Verurteilung der Angeklagten Geschädigten helfen?

Zwar verbessern sich bei einer Verurteilung die Möglichkeiten, Schadenersatzklagen durchzusetzen. Aber die Vermögenslage der Manager wird im Fall der Fälle kaum ausreichen, die Forderungen vollständig zu bedienen. Bei einem Schaden von insgesamt 500 Millionen Euro - das ist die Schätzung des Insolvenzverwalters - werden die vielen Gläubiger vermutlich große Abstriche machen müssen.

Welche Lehren ziehen Verbraucherschützer aus dem Fall Teldafax?

Bundesnetzagentur und Verbraucherschützer warnen schon seit langem bei einem Wechsel des Stromanbieters vor Tarifen mit Vorauszahlung. Geht das Unternehmen Pleite, ist es schwierig, an sein Geld zu kommen.

Trotzdem lockte das Unternehmen mit sehr günstigen Preisen immer neue Kunden an. Diese Dumpingangebote waren zwar nicht kostendeckend, doch da die Kunden per Vorkasse bezahlen mussten, schaffte sich Teldafax zwischendurch immer wieder Scheinliquidität. Als das Unternehmen zusammenbrach, hinterließ es bei seinen 750.000 Kunden einen Schaden von mehr als 500 Millionen Euro.

Ein eBook zum gesamten Teldafax-Komplex gibt es im Kaufhaus der Weltwirtschaft unter www.kaufhaus.handelsblatt.com.

Kommentare (2)

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Stromi

18.02.2014, 08:36 Uhr

Die Staatsanwaltschaft brauchte doppelt so lange Anklage zu erheben, wie Teldafax die Insolvenz verschleppt haben soll?

pappalapapp

18.02.2014, 10:38 Uhr

Die Hauptfrage ist doch, wieviel Geld sich die 3 Angeklagten selbst genehmigt und so kaufmännisch in betrügerischer Weise entnommen haben. Die nächste Frage wäre, wo ist das Geld geblieben? Nicht aufzufinden bzw. ausgegeben, Folge direkte Beugehaft und höchstmögliche Haftstrafe. Die persönliche Bereicherung ist gegeben, denn bei ordnungsgemäßer Buchhaltung, müssen alle Zahlen plausibel sein.
Wenn jedoch die erforderlichen Gesetze fehlen, haben unsere Politiker indirekt Hilfestellung zum Betrug und zur Insolvenzverschleppung geleistet. In Bananenrepubliken keine unübliche Vorgehensweise.
Das betrügerisch "erworbene" Privatvermögen der 3 wird wohl üblicherweise nicht angetastet, bzw. ein Kuhhandel durchgeführt.
Eine Verkäuferin wird wegen Entnahme von Flaschenpfand entlassen.

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