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22.05.2012

07:15 Uhr

Vertrauen in der Wirtschaft

Vertrauen ist Gefühlssache

VonJonas Jansen

Es ist der Stoff, aus dem Beziehungen sind: Vertrauen. Forscher versuchen, das schwer greifbare und hochemotionale Gut zu erklären: wie es entsteht, was es bestärkt und was es zerstört. Eines steht dabei fest: Das Element ist kostbar – und leicht flüchtig.

Grafik: Birgit Jansen, bürgie Illustration & Grafik, www.buergie.de Birgit Jansen

Grafik: Birgit Jansen, bürgie Illustration & Grafik, www.buergie.de

KölnKarl Haeusgen hat ein Prinzip: Er vertraut Geschäftspartnern, auch wenn er sie erst kurz kennt. „Ich unterstelle jedem einen guten Willen“, sagt er. In Indien musste der Chef des Münchener Maschinenbauers Hawe Hydraulik allerdings feststellen, dass umgekehrt ihm anscheinend nicht jeder vertraut: Neun Jahre lang musste Haeusgen warten, bis die Behörden für sein Werk in Bangalore die wichtigen Markenrechte genehmigt hatten. Der Geschäftsführer sollte alle schriftlichen Bilanzen seit der Unternehmensgründung 1949 vorlegen, notariell beglaubigt.

Das Vertrauen der ausländischen Behörden musste sich Haeusgen hart erarbeiten. Am Ende genügten dem Amt Fotokopien seit 1974. Ältere Bilanzen hatte das Unternehmen, das Kran- und Baggerhersteller oder Windkraftanlagenbauer beliefert, beim besten Willen nicht mehr im Archiv. Heute arbeiten 40 Mitarbeiter in der indischen Tochtergesellschaft, die Geschäfte laufen, doch die Episode hat Spuren hinterlassen. Haeusgens Vertrauensbasis in die indische Verwaltung ist angefressen. Vielleicht auch deshalb findet er die deutschen Ämter so effizient und transparent.

Das denken Unternehmer über Vertrauen

Bayer: Wolfgang Plischke

Vertrauen ist ein sehr hohes Gut. Es entsteht durch wiederkehrende positive Erfahrungen. Es muss daher als Person oder Institution kontinuierlich verdient und neu bestätigt werden. Reden und Handeln müssen im Einklang sein.

(Wolfgang Plischke, Vorstand)

Deutsche Bank: Josef Ackermann

Wir können langfristig nur erfolgreich sein und bleiben, wenn die Menschen uns Vertrauen entgegenbringen. (Josef Ackermann, CEO)

Fresenius: Ulf M. Schneider

Vertrauen ist gerade im Gesundheitsbereich von größter Bedeutung, und das Vertrauen in die hohe Qualität unserer Produkte und Dienstleistungen ist die Grundlage für unser stabiles, nachhaltiges Wachstum. Wir legen großen Wert auf langfristige Verlässlichkeit und arbeiten in dem Bewusstsein, uns morgen an dem messen zu lassen, was wir heute ankündigen oder tun. Das prägt auch den Umgang mit unseren Mitarbeitern, die Kommunikation mit unseren Kapitalgebern und das Verhältnis zu anderen Partnern des Unternehmens. (Ulf M. Schneider, CEO)

K+S: Thomas Nöcker

In der Rohstoffindustrie bzw. im Bergbau ist unser Denken und Handeln sehr langfristig ausgerichtet. Vertrauensvolle Geschäftsbeziehungen mit unseren Kunden und Lieferanten sind daher von großer Bedeutung. Fairness und Respekt im Umgang miteinander sind wichtige Voraussetzungen, damit Vertrauen entstehen und erhalten werden kann. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zahlen sich dann vertrauensvolle Geschäftsbeziehungen meist aus. (Thomas Nöcker, Personalvorstand)

Munich Re: Nikolaus von Bomhard

Im Grunde ist es für Banken und Versicherungen ganz einfach: Versprich nicht mehr, als du halten kannst und sorge dafür, dass sich dieses Versprechen auch in extremen Szenarien einhalten lässt. (Nikolaus von Bomhard, CEO. Aus einem Interview mit dem Manager Magazin)

MAN: Jörg Schwitalla

Vertrauen zwischen Wirtschaftspartnern entsteht nicht von allein, daran muss man arbeiten und etwas investieren: Einfühlungsvermögen und Offenheit ebenso wie Fairness und Respekt. (Jörg Schwitalla, Personalvorstand)

Siemens: Brigitte Ederer

Vertrauen ist schwer zu gewinnen und schnell verspielt. Vertrauen muss man sich verdienen durch Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Verantwortungsbewusstsein. Besonders in der Wirtschaft geht ohne Vertrauen nichts.

(Brigitte Ederer, Personalvorstand)

In der Regel vertrauen wir darauf, dass eine Behörde funktioniert. Institutionenvertrauen nennt man das. Doch im Geschäftsleben erodiert die Basis: Nach einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung vertrauen zwar fast alle Deutschen der Polizei, aber nur jeder Fünfte vertraut Managern. Auch wenn sich die Werte für die Wirtschaftslenker zuletzt leicht verbessert haben - im internationalen Vergleich vertrauen die Deutschen den Managern am wenigsten.

Ganze Wirtschaftssektoren, allen voran Banken, haben vor allem seit der Finanzkrise Vertrauen eingebüßt. Der Psychologie-Professor Martin Schweer aus Vechta päppelt in Seminaren Führungskräfte wieder auf. Er vertritt die These, dass es sich um kein reines Wirtschaftsphänomen handle: „Es gibt momentan einen gesellschaftlichen Nährboden für Misstrauen“, sagt Schweer. Mitverantwortlich seien auch Politiker. Affären wie zuletzt um den Bundespräsidenten Christian Wulff oder den Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg würden das ohnehin schon geringe Vertrauen in die Politik weiter schwächen.

Kommentare (1)

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AlexanderBerg

22.05.2012, 10:16 Uhr

Vertrauen entwickelt sich ganz selbst, wenn die Basis gemeinsamen Handelns, die gemeinsame "Überschrift" funktioniert.

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