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03.11.2011

06:04 Uhr

Victor Bout

Der „Händler des Todes“ ist verurteilt

Der als „Händler des Todes“ bekannt gewordene Waffenhändler Victor Bout ist von einem New Yorker Gericht in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen worden. Das Strafmaß steht noch nicht fest.

Mindestens 25 Jahre hinter Gitter

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New York/WashingtonDer russische Geschäftsmann und Ex-Offizier Victor Bout ist von einem New Yorker Gericht wegen illegalen Waffenhandels und der Verschwörung zum Mord schuldig gesprochen worden. Die Geschworenen des Gerichts in Manhattan hatten seit Dienstag über das Urteil beraten. Der 44-Jährige wurde wegen Verschwörung mit dem Ziel US-Amerikaner zu töten und wegen illegaler Waffenlieferungen an terroristische Organisationen schuldig gesprochen. Damit droht Bout eine lebenslange Haftstrafe. Das genaue Strafmaß war zunächst noch nicht verkündet worden.

Bout unterhielt seit den 1990er Jahren eine ganze Flotte von Transportflugzeugen, mit denen er Waffen, meist aus sowjetischen Beständen, in Krisengebiete in aller Welt verfrachtet haben soll. Insbesondere in Afrika, wo der heute 44-Jährige zu Sowjetzeiten stationiert war, fand er Käufer für Kalaschnikows, Panzerfäuste und auch schwere Waffen. Sein Fall soll die Vorlage für den Hollywoodfilm „Händler des Todes“ mit Nicolas Cage sein.

Der Werdegang von Victor Bout

Unklare Herkunft

Victor Bout wurde am 13. Januar 1967. Wo genau ist unklar. Es gibt unterschiedlichste Angaben. Fest steht, dass er 1984 den akademischen Grad der Soziologie erwarb und Fremdsprachen studierte. Auch über seine Eltern sind nur wenige Dinge bewiesenermaßen bekannt.

Der Soldat

Als junger Mann diente Bout in einem Luftwaffenregiment und wurde in Mosambik stationiert – sein erster Aufenthalt in Afrika. Vieles deutet darauf hin, dass er auch für den Geheimdienst KGB tätig war. Bout bestreitet dies aber bis heute.

Waffen für Jedermann

Bout tauchte Anfang der 90er-Jahre als Mitspieler im internationalen Waffenhandel auf. Rasch erkannte er, dass die alten Regeln nicht mehr galten. Unter Waffen standen längst nicht mehr nur stehende Heere von Staaten, sondern Drogenkartelle, Terroristen und eben auch Afrikas Guerillas und lokale Kriegsfürsten.

Ein neuer Typ Unternehmer

Bout war ein Unternehmer, der sich aus dem Boden der ehemaligen Sowjetunion erhob. Diese Geschäftsleute hatten mühelos Zugang zu riesigen Waffen- und Munitionslagern. Jahrzehntelang wurden sie angelegt, um eine riesige Armee zu versorgen. Abnehmer warteten in den Staaten der Dritten Welt genug. Bout brachte nur Geld und gute Kontakte. Beides besorgte er sich mit großem Geschick.

Die Helfer

Bout hatte ein sehr gutes Auge für Verbündete und wählte seine Helfer stets sehr sorgfältig aus. Und die kamen aus den verschiedensten Branchen: Vor allem brauchte es zuverlässige Banker und loyale Steuerberater. Aber eben auch hartgesottene Wachleute. Solche Menschen in jedem Land zu finden, kostete zwar viel Zeit, zahlte sich für Bout aber aus.

Die logistischen Kapazitäten

Bouts Weg zum Erfolg war seine Frachtflieger-Flotte. Die Maschinen bekam er billig aus den Altbeständen der sowjetischen Armee. Der Rumpf der Flugzeuge war häufig mit Blei verkleidet. Das machte sie schwerer, schützte aber vor Kugeln. Dank seines Netzwerkes und der enormen logistischen Kapazitäten wurde er zum Paradebeispiel für eine transnationale Bedrohung, die rasch auch der Uno sorgen machte.

Diskretion

Bout war stets objektiv und absolut bereit, beide Seiten eines Konfliktes zu beliefern. Umso wichtiger war dabei die absolute Diskretion.

Tarnfirmen

Bis heute ist es den Ermittlern nicht gelungen, Bouts Geflecht aus Tarnfirmen restlos aufzudecken. Der Russe hatte auf der ganzen Welt kleine Unternehmen gegründet und deren Struktur war auch für erfahrene Ermittler praktisch unmöglich zu durchschauen. Gelder flossen von links nach rechts, ohne dass ihm etwas nachzuweisen war.

Die Schwächen der Politik nutzen

Doch ein Stückweit war die Politik auch selbst Schuld. Bout nutzte geschickt die Schwächen im System – also vor allem im internationalen Luftverkehr. Die internationalen Bestimmungen waren widersprüchlich. Er trickste die Flugüberwachung mit Taschenspielertricks aus und nutzte den Umstand, das weite Teile der Welt schlichtweg korrupt sind, wie es Insider ausdrückten.

Erfolglose „Hexenjagd“

Die Behörden, allen voran die in den USA, bemühten sich, konnten Bout aber nichts nachweisen. Sanktionen gegen seine Unternehmen kritisierte er als „Hexenjagd“: „Seit 1998 beschuldigen sie mich des illegalen Waffenhandels in Afrika. Doch sie haben bis heute keine Beweise vorlegen können.“ In der Tat hatten die Maßnahmen nur symbolische Wirkung. Ein europäischer Geheimdienstler lästerte: „Sie legen ihm nicht das Handwerk. Sie machen ihn nur wütend.“

Endlich gefasst

Im März 2008 wurde Bout gefasst. In Bangkok konnten ihn US-Geheimagenten festnageln. Bout hatte in ihnen tatsächlich Geschäftspartner gesehen und der 12-Millionen-Deal, über den sie verhandelt hatten, war allzu verlockend. Er wurde im berüchtigten Gefängnis Klong Prem inhaftiert.

Die Auslieferung

Doch nun begann ein internationaler Streit, wo Bout der Prozess gemacht werden sollte. Russland wollte verhindern, dass Bout an die USA ausgeliefert wird. Doch am Ende siegten letztere nach harten Verhandlungen.

Prozess in den USA

Bout wird wegen Verschwörung zum Mord und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Doch ihm den Prozess zu machen ist für die Staatsanwaltschaft alles andere als einfach. Richterin Shira Scheindlin hatte bereits angemerkt, dass einige der Beweise dünn und dürftig seien.

„Er will kein Gott sein“

Zu Bouts entschiedenen Verteidigern gehört Richard Chichali, ein langjähriger Geschäftspartner. Der sagte: „Er will kein Gott sein. Er will sich nur in Afrika zur Ruhe setzen, um seine Tochter großzuziehen.“ Bout habe nur eben auf beiden Seiten gestanden.

Bout, ein ehemaliger Offizier der sowjetischen Streitkräfte, trägt den Spitznamen „Händler des Todes“ und wurde 2008 in Thailand festgenommen, als Lockvögel des US-Drogendezernats DEA ihm ein Waffengeschäft unterbreiteten. Damals willigte er laut Anklage ein, Waffen an die linksgerichtete, kolumbianische Rebellenorganisation FARC zu liefern.

Die Anklage hatte die Beweise gegen Bout als „überwältigend“ bezeichnet. Er habe in alle Krisengebiete geliefert und einzig auf den Profit orientiert den Tod Tausender Menschen in Kauf genommen. In seinem Schlussplädoyer sagte US-Staatsanwalt Brendan McGuire, Bout habe bei Verhandlungen in Thailand alles getan, um verdeckten US-Ermittlern, die sich als Kolumbianer ausgaben, zu versichern, er sei derjenige, der ihnen alle Waffenwünsche erfüllen könne.

Bouts Verteidiger Albert Dayana hatten hingegen gesagt, sein Mandant habe nie illegal mit Waffen gehandelt. Er argumentierte, die US-Behörden hätten einen legitimen Geschäftsmann hereingelegt und die Anklage auf Tonbandaufnahmen gestützt, die offen für Interpretationen seien. Es habe zu keinem Zeitpunkt einen Austausch von Geld oder Waffen gegeben. „Alles, was sie haben, ist Spekulation, Zweideutigkeiten und Mutmaßungen“, sagte Dayan.

Nach Angaben von US-Behörden verfügte Bout gegen Ende der 1990er Jahre über eine Flotte von mehr als 60 Flugzeugen. Die Maschinen flogen Ziele von Afrika bis Afghanistan an, mit Zwischenstopps in Belgien, Südafrika, Swasiland, den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Osteuropa. Sie transportierten Fracht von Diamanten bis Gladiolen.

Die Schlachtfelder des Victor Bout

In der ganzen Welt aktiv

Irak, Afghanistan, Kolumbien – aber vor allem Afrika: Victor Bout war in der ganzen Welt aktiv. Zu beweisen war ihm das alles in der Regel nie. Es folgen kurze Auszüge aus den umfangreichen Recherchen von Douglas Farah und Stephen Braun.

Uganda

Kriege gab es im Nordwesten Ugandas seit Jahrhunderten. Doch diese wurden stets mit traditionellen Waffen ausgetragen. Bis nach dem Ende des Kalten Krieges die Waffenhändler kamen, allen voran Victor Bout. Kalaschnikows wurden zu einer beliebten Mitgift. Allein in diese Region wurden 47.000 AK 47 geliefert.

Liberia

Bouts wichtigster Standort in Afrika war über Jahre hinweg Liberia. Der Kriegsherr Charles Taylor hatte Liberia zu einem gut geschmierten kriminellen Unternehmen gemacht. Bout hatte mit ihm seit Ende der 90er-Jahre Kontakt und sielte bei dessen Machtergreifung eine nennenswerte Rolle. Im Gegenzug hatte es ihm Taylor erlaubt, seine Flieger in Liberia anmelden zu lassen. Von hier fand er auch weiter östlich und südlich Geschäftspartner.

Zaire

Mobutu Sese Seko, der Präsident von Zaire, war nicht nur ein guter Kunde Bouts, sondern auch ein Freund. Als seine Zeit im Mai 1997 nach drei Jahrzehnten zu Ende ging, weigerte sich Seko lange Zeit, das zuzugeben. So brauchte es eine von Bout eiligst eingeflogene Antonow, um ihn aus der Gefahrenzone zu bringen.

Demokratische Republik Kongo

Auch im Nachfolgerstaat Zaires, der Demokratische Republik Kongo, war Bout sehr aktiv. 2001 war auch dank seiner Hilfe Jean-Pierre Bemba an der Macht, der eine Armee aus Guerillas und Kindersoldaten anführte. Neben Waffen verkaufte Bout auch zwei sowjetische Mi-24-Hubschrauber an Bemba, damit er beschwerliche Märsche vermeiden konnte.

Angola

In Angola bewaffnete Bout sowohl die Truppen von Rebellenführer Jonas Savimbi als auch die der Regierung. Beide Seiten waren von ihm abhängig. Kein Wunder, dass der Konflikt länger dauerte, als wenn nur eine Seite Waffen von Bout bekommen hätte. Als die angolanische Regierung 1998 dann doch von dem doppelten Spiel Wind bekam, gab sie ihm den Laufpass.

Sierra Leone

In Sierra Leone hat Bout einen weiteren moralischen Rubikon überschritten. Im November 1999 unterbreitete er den Warlords Ibrahim Bah und Sam Bockarie in Monrovia den Vorschlag, in Sierra Leone einzufallen und strategisch wichtige Minen zu besetzen. Die notwendigen Waffen dazu würde er natürlich liefern. Das Erz brachte dem ansonsten armen Land die Hälfte der Exporterlöse ein. „Bouts unmoralische Geschäfte und seine grandiosen Träume begannen auszuufern“, schreiben die Autoren.

Sudan

Im Sudan waren die Islamisten seit 1989 an der Macht. Sie nahmen Bout, aber auch Osama bin Laden, wenig später gastfreundlicher auf als sie ihr eigenes Volk behandelten.

Libanon

Als 2006 im Südlibanon Kämpfe zwischen israelischen Soldaten und der Hisbollah ausbrachen, wurde Bout in einer Kaserne der Hisbollah gesichtet. Kurz darauf wurde er von Israel beschuldigt, an den Feind Panzerabwehrraketen zu liefern.

Togo

Von Juli 1997 bis August 1998 war Togo das Ziel von Bouts Flugzeugen, die in Bulgarien gestartet waren. Die Route wurde in dieser Zeit zu einer der wichtigsten für Waffenlieferungen überhaupt. Und das Beste war: Die Geschäfte waren auf dem Papier vollkommen legal.

Somalia

Ebenfalls 2006 eroberten somalische Milizionäre die geschundene Hauptstadt Mogadischu. Aufgeschreckt vom Erfolg der Al-Kaida-Verbündeten untersuchten die USA die Waffenlieferungen durch Flugzeuge und kamen zu dem Schluss, dass Bout hinter ihnen steckte. Er rüstete nicht nur die Islamisten in Somalia aus, sondern auch die in Eritrea.

Kolumbien

Ende 1998 begann Bout, auch in Südamerika umfangreichere Geschäfte zu machen. Er unterstützte eine damals ganz neue Terroristengruppe, die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, besser bekannt als FARC. Längst hatte die Gruppe ihre Ideale vergessen und war in den Drogenhandel eingestiegen. Bout ermöglichte ihren Aufstieg.

Deals mit den Taliban

Bis heute hat Bout stets geleugnet, Geschäfte mit Islamisten gemacht zu haben. Doch die Autoren sehen es als erwiesen an, dass er dies tatsächlich Jahre hinweg tat. Fünf Jahre lang wurden die Waffenlieferungen im Geheimen abgewickelt, erst nach den Anschlägen vom 11. September 2001 enthüllten Geheimdienstberichte den Umfang der Lieferungen. Die Waffenarsenale der Taliban waren prall gefüllt.

Doppeltes Spiel in Afghanistan

Vor 2001 rüstete Bout also die Taliban auf, danach half er den USA im Kampf gegen die Terroristen. Das belegen zumindest zahlreiche Indizien. Er selbst stritt eine Beteiligung wie üblich genauso ab wie die Behörden – und klare Beweise gibt es nicht. Allerdings sprachen westliche Politiker und Geheimdienste „offen über seine Rolle“, wie die Autoren berichten.

Hilfe für USA im Irak

Beim dritten Golfkrieg im Irak hat das US-Verteidigungsministerium intensiv die Hilfe von Bouts Logistik in Anspruch genommen. Wie die Autoren beschreiben, war das Militär geradezu „abhängig“ von seinem Netzwerk. Sie beschreiben im Detail die nebulösen Vorgänge und legen damit auch die nennenswerte Mitschuld der US-Behörden offen.

Auch in Europa aktiv

Bout hat auch eine Rolle gespielt im Krieg auf dem Balkan. Seine Dienste waren nach dem Waffenembargo der Uno gewünscht. Allerdings musste Bout einen Umweg gehen über das befreundete fundamentalistisch-islamistische Regime im Sudan. Das wurde so zum wichtigsten Ausrüster der Bosnier.

Kommentare (5)

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duke

03.11.2011, 07:08 Uhr

die die am schlimmsten aller Verbrechen organisiert und ausgeführt haben richten. wahrscheinlich war der Konkurenzdruck einfach zu groß für die Schreibtischtäter.

Account gelöscht!

03.11.2011, 10:13 Uhr

Die Verurteilung ist eine bizarre und bigotte Farce. Während die US Dienste CIA, NSA, Blackwater und viele andere mit und ohne Auftrag des Weissen Hauses Mordkomplotte und Waffenschiebereien weltweit organisieren, damit tausendfachen Mord und Totschlag verursachen, moralisiert sich die US Justiz an diesem Fall in die bequeme Bigotterie. Der einzige Makel von Bout ist, dass er kein US Bürger ist und anstatt US Waffen russische Ware vertrieben hat. Die US Justiz macht sich wieder einmal zum Büttel der US-Rüstungslobby und verliert jedwede Glaubwürdigkeit.

J.K.

03.11.2011, 10:25 Uhr

Dieser Schreiberling ist nicht einmal in der Lage den Namen unserer Bundeskanzlerin richtig zu schreiben.

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