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24.05.2012

14:19 Uhr

Volkswagen-Chef wird 65

Im Rentenalter will Winterkorn VW an die Spitze führen

VonMark C. Schneider

Martin Winterkorn wird heute 65 Jahre alt. Doch der Volkswagen-Chef hat noch lange nicht genug. Bis 2016 will er VW an die Spitze der Autobauer führen. Dafür greift Winterkorn ab und an auch noch selbst zum Werkzeug.

Martin Winterkorn wird heute 65 Jahre alt. dpa

Martin Winterkorn wird heute 65 Jahre alt.

HamburgEr zeigt gerne, dass er sein Handwerk versteht: Martin Winterkorn. Wenn alle zwei Wochen auf dem Schadenstisch des Autobauers Volkswagen in Wolfsburg die Komponenten landen, die bei der Entwicklung neuer Modelle nicht funktionieren, greift der Chef zum Werkzeug. Genauer gesagt: zum „Winterkorn-Besteck“.

Dazu gehören ein Feuerzeug, ein Nagel, diverse Schraubenzieher und -schlüssel. Mit diesen Utensilien traktiert er die Bauteile. Der Mann mit der kräftigen Statur lässt sich nichts vormachen. Sein Handwerk hat er im Labor gelernt: erst als Physiker, dann als Qualitätssicherer. Winterkorn liebt die Präzision.

Winterkorns Karriere

Ausbildung

Nach dem Abitur in Korntal studierte W. an der Universität Stuttgart Metallkunde und Metallphysik. 1973-1977 war er Doktorand am Max-Planck-Institut für Metallforschung und Metallphysik, wo er 1977 zum Dr. rer. nat. promovierte.

Karrierebeginn bei Bosch

1977 begann Winterkorn bei der Robert Bosch GmbH in Stuttgart als Spezialist für Prozesstechnologie. Ab 1978 leitete er die Kältemittelverdichter-Entwicklung ("Stoffe und Verfahren") bei der Bosch-Siemens-Hausgeräte GmbH.

Eintritt bei Audi

Bei Audi wurde Winterkorn 1981 Assistent des Vorstands für Qualitätssicherung, 1983 erhielt er die Zuständigkeit für Messtechnik und die Testverfahren bei Neuentwicklungen. Anfang 1988 berief ihn der gerade zum Audi-Chef aufgestiegene Piëch zum Leiter des Bereichs "Zentrale Qualitätssicherung", 1990 wurde er Leiter der "Qualitätssicherung". Winterkorn setzte nicht zuletzt Piëchs Initiativen im Detail um. So hatte er Anteil an der Entwicklung des permanenten Allradantriebs und an der Realisierung der vollverzinkten und damit rostfreien Karosserie (mit einer imagefördernden Zehn-Jahres-Garantie). In jenen Jahren gelang es daher, mit Audi in den exklusiven, bis dahin in Deutschland von Mercedes und BMW allein dominierten Premiummarkt vorzustoßen. Schrittmacher wurden hierfür in den 90er Jahren der Einstieg in die Oberklasse mit dem A8 sowie in den Sportwagen-Markt mit dem Audi TT. Weiter verdient machte sich Winterkorn bei der Rationalisierung der Abläufe in der Produktion, was die Rentabilität entschieden verbesserte.

Wechsel nach Wolfsburg

Anfang 1993 wechselte Winterkorn zum 1938 gegründeten VW-Konzern nach Wolfsburg. Als neuer Konzernchef übertrug Piëch Winterkorn die Verantwortung für die Qualitätssicherung. In Jahren zuvor war der VW-Konzern, der sich jahrzehntelang auf den Massenmarkt (Pkw, Lkw) mit einigen wenigen einfachen Modellen beschränkt hatte, in die Offensive gegangen und hatte mehr und technisch anspruchsvollere Modelle auf den Markt gebracht und zudem kleinere europäische Pkw-Anbieter aufgekauft. 1994 erhielt Winterkorn den Titel eines Generalbevollmächtigten, und ab 1995 leitete er das Konzern-Produktmanagement. Anfang 1996 wurde er in den Markenvorstand VW berufen und verantwortete dort die technische Entwicklung. In diesen Funktionen trug er dazu bei, die Umsatz-Verdoppelung des VW-Konzerns 1993-2000 von 76,6 Mrd. DM auf 167,3 Mrd. DM von Seiten der Fertigung abzusichern. Winterkorn förderte auch die Entwicklung des "Phaeton" und damit den Einstieg in die Luxusklasse. Das technisch überzeugende Modell setzte sich auf dem Markt aber nicht durch. 2000 übernahm Winterkorn im Vorstand das Ressort Forschung und Entwicklung. Wenig später schaffte VW das Konzept ab, möglichst viele Modelle auf einer Plattform zu fertigen und setzte stattdessen auf das "Gleichteilekonzept", von dem sich der Konzern mehr Flexibilität und mehr Möglichkeiten für eine individuelle Marken-Entwicklung versprach

Vorstandsvorsitzender der Audi AG

Zum 1. März 2002 stieg Winterkorn zum Vorstandschef der Audi AG auf und löste Franz-Josef Paefgen ab. Im April 2002 trat überdies der frühere BMW-Chef Bernd Pischetsrieder an die VW-Konzernspitze. Ferdinand Piëch übernahm nun den Aufsichtsratsvorsitz. Bereits im Nov. 2001 hatte VW eine Neustrukturierung des Konzerns in zwei Markengruppen vereinbart. Als Führungsmarke der klassischen Linie wurde VW unter Pischetsrieder direkter Führung für die tschechische Skoda und die britische Bentley zuständig. Winterkorn rückte als erster Audi-Chef in den VW-Konzernvorstand ein und betreute die sportliche Markengruppe mit Audi, Seat und Lamborghini. Die prestigeträchtige, aber verlustreiche Automobili Lamborghini SpA bei Bologna hatte VW 1998 erstanden. Die stagnierende spanische Sociedad Espagnola de Automóviles de Turismo (Seat) in Barcelona sollte sich zu einer sportlichen und zugleich bezahlbaren Marke weiterentwickeln.

Umbau der Audi-Produktpalette

Bei seinem Amtsantritt kündigte Winterkorn für die Marke Audi Offensiven an, um das nach sechs Rekordjahren 2002 bei Absatz und Gewinn etwas ins Stocken geratene Wachstum wieder zu forcieren und um Audi dauerhaft in der Premiumklasse zu etablieren. Den Schlüssel hierfür sah Winterkorn in einer konsequent sportlichen Ausrichtung aller Modelle unter dem Slogan "mehr Muskeln, weniger Fett". Winterkorn setzte dabei auf weitere Crossover- und Kombi-Modelle. Zur forcierten Sportlichkeit trugen Allrad, Aluminium-Karossen und Neuerungen für ein zuverlässiges Fahrverhalten bei. Auch deshalb übernahm Winterkorn das Technikressort persönlich. Das sportliche Image abrunden konnten Investitionen in ein entsprechendes Design. Nachholbedarf machte Winterkorn auch in einer stabileren Auslastung der Werke Ingolstadt und Neckarsulm aus. Entsprechend arbeitete er daran, die starre Spezialisierung der Werke auf bestimmte Modelle durch mehr Flexibilität zu ersetzen, um Auftragsschwankungen auszugleichen. Für all diese Maßnahmen legte Winterkorn 2004 ein Investitionsprogramm bis 2009 in Höhe von 11,6 Mrd. Euro auf.

Aufstieg in den VW-Vorstand

Parallel zur Arbeit für Audi gestaltete Winterkorn ab 2002 im VW-Vorstand die Konzernpolitik mit und begleitete die weitaus schwierigere Entwicklung bei der VW-Markengruppe, wobei dort die Absatzkrise bei der Marke VW anhielt. Entsprechend trug Audi 2004 etwas mehr als die Hälfte zum Konzerngewinn bei. Winterkorn begrüßte 2005 den Einstieg des überaus profitablen Sportwagenherstellers Porsche, der zunächst 20 Prozent und bis 2006 dann 25,1 Prozent der Stammaktien (15,3 Prozent des gezeichneten Kapitals) an VW aufkaufte. Als Enkel des Porsche-Gründers besaß Piëch 13,2 Prozent der Stammaktien an Porsche. Immerhin hatte Porsche zeitweise im Audi-Werk Neckarsulm produziert. Ebenfalls 2005 beschloss VW Investitionen bis 2009 in Höhe von 24,7 Mrd. Euro.

Vorstandschef der Volkswagen AG

Winterkorn wurde im Nov. 2006 für den Vorstandsvorsitz des VW-Konzerns nominiert, den er im Jan. 2007 von dem ein Jahr jüngeren Pischetsrieder übernahm. Der Schritt erfolgte überraschend, da dessen Vertrag erst im Mai 2006 verlängert worden war. Bezeichnenderweise hoben die Kommentatoren bei Winterkorns Bestellung einmütig dessen seit 25 Jahren gepflegtes kollegiales Verhältnis mit Piëch hervor. An die Spitze von Audi trat Finanzvorstand Rupert Stadler. Nach dem Amtsantritt Winterkorns stimmte der Aufsichtsrat am 11. Jan. 2007 dessen Plänen für einen tiefgreifenden Umbau des Unternehmens zu. U. a. wurden die beiden Markengruppen VW (VW, VW Nutzfahrzeuge, Skoda, Bentley und Bugatti) und Audi (Audi, Seat und Lamborghini) aufgelöst. Wie erwartet, schied daraufhin der als Sanierer bewährte VW-Markenchef Wolfgang Bernhard aus, und Winterkorn selbst übernahm neben der Leitung der Kernmarke VW den Posten des Vorstands für Forschung und Entwicklung. Auch in seiner neuen Funktion präsentierte sich Winterkorn als Perfektionist mit einem großen Interesse an technischen Details und der Verbesserung der Produktqualität. 2008 übernahm VW als neue Marke den schwedischen LKW-Hersteller Scania, nachdem die Wolfsburger zuvor ihre Anteile schrittweise erhöht hatten. Dagegen verkaufte Volkswagen im selben Jahr seine brasilianische LKW-Tochter an den Nutzfahrzeugkonzern MAN, an dem Winterkorns Unternehmen selbst als einer der Hauptaktionäre beteiligt war

Engagement im Profifußball

Neben der Umgestaltung des Automobilkonzerns machte er nach seinem Amtsantritt auch die als GmbH geführte Fußballtochter von VW, den VfL Wolfsburg, zur Chefsache. "Ihm liegt nicht nur das perfekte Automobil am Herzen, sondern eben auch der Fußball", stellte das Handelsblatt fest, nachdem der VfL durch den von Winterkorn verpflichteten Trainer und Manager Felix Magath sowie dank mehrerer Dutzend Millionen teurer Spielerverpflichtungen zum Bundesligaspitzenteam geformt wurde und im Mai 2009 erstmals die Deutsche Meisterschaft gewann. Seine Fußballbegeisterung verbindet der auch im Aufsichtsrat der FC Bayern München AG sitzende Winterkorn jedoch mit geschäftlichen Anliegen. So nutzt er etwa die Heimspiele des VfL, um Händler aus der Region der Gastmannschaft zum Gespräch über Modelle und Vertriebspolitik in die Wolfsburger Volkswagen-Arena einzuladen

In einem Alter, in dem andere in Rente gehen, will der VW-Chef beweisen, wer der Beste ist. Heute wird der Manager aus Münchingen bei Stuttgart 65 Jahre alt. Seinen Vertrag hat der Aufsichtsrat verlängert - und zwar nicht nur um ein paar Monate, sondern um Jahre. Bis Ende 2016 soll Winterkorn VW führen. Anschließend gilt sein Wechsel in den Aufsichtsrat als sicher.

Seine wichtigsten Aufgaben auf dem Weg zum Weltmarktführer sind: profitables Wachstum, die schwierige Integration von Porsche und schließlich der Generationswechsel an der Spitze.

Bei VW ist alles eine Nummer größer als anderswo. Der Konzern verfügt nach dem Kauf von MAN und Ducati über elf Marken, produziert an 100 Standorten weltweit. Kein anderer deutscher Vorstandschef trägt Verantwortung für mehr als eine halbe Million Menschen weltweit, die gut 160 Milliarden Euro umsetzen.

Und kein Chef eines Dax-Unternehmens verdient mehr: Gut 16,5 Millionen Euro zahlte VW Winterkorn im vergangenen Jahr. Sein Rekordgehalt - für die „Bild am Sonntag“ der „heißeste Lohnzettel Deutschlands“ - hat die Debatte über eine Deckelung von Managerbezügen neu entfacht.

VWs Erfolgswerk in Tennessee

Video: VWs Erfolgswerk in Tennessee

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Kommentare (1)

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Account gelöscht!

28.05.2012, 11:29 Uhr

Theorie und Praxis
Dieses ist eine Mischung ,die leider immer seltener zu finden ist.Und an solchen Mitarbeitern mangelt es sehr oft in der Industrie.Es gibt sehr gute Theoretiker ,mit gutem Studienabschluß,jedoch in der Praxis mangelt es sehr oft.Dies aufzuholen dauert meist Jahre,und ist auch nur mit Mitarbeitern ,die dementsprechend engagiert sind zu erreichen.Wenn man sich mit alten Porsche Mitarbeitern unterhält,erfährt man das z.b. der Herr Piech sich nicht zu schade war zu zeigen das es "doch funktioniert" ,nachdem dieser einige Nächte mit Feile und Bohrmaschine selbst in der Werkhalle arbeitete.
Und das zeigt den willen ,technische Probleme zu lösen,neue wege zu gehen und ein Produkt voranzubringen.
Diesen willen vermisse ich in den letzten Jahren,in vielen bereichen.Probleme werden verwaltet,verschwiegen,vergessen,verschoben,und keiner will Verantwortung tragen.
Eine Harmonisierung zwischen Theorie und Praxis sollte herbeigeführt werden,und dafür gibt es viele möglichkeiten.
Ein "Trouble Shooting" in allen bereichen von der Herstellung bis zum Vertrieb, spart Geld,Zeit und stärkt das Image der Marke und sollte ,über den einzelnen Abteilungen, verankert werden.
Und alles Gute zum 65 !

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