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28.09.2015

20:09 Uhr

Volkswagen-Krise

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Winterkorn

Der Skandal um manipulierte Abgaswerte hat Martin Winterkorn den Chefsessel bei VW gekostet. Nun nimmt ihn die Justiz ins Visier: Gegen den Top-Manager wird ermittelt. Was wusste Winterkorn?

Klagewelle kommt ins Rollen

Abgas-Skandal: Auch Volkswagen AG stellt Strafanzeige

Klagewelle kommt ins Rollen: Abgas-Skandal: Auch Volkswagen AG stellt Strafanzeige

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BraunschweigDie Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt im Abgasskandal bei Volkswagen gegen Ex-Konzernchef Martin Winterkorn. Die für Wirtschaftsstrafsachen zuständige Behörde hat nach mehreren Strafanzeigen ein entsprechendes Verfahren gegen den Manager eingeleitet. Der Schwerpunkt der Ermittlungen liegt auf dem Vorwurf des Betruges durch den Verkauf von Kraftfahrzeugen mit manipulierten Abgaswerten, betonte die Behörde am Montag.

Sie hatte erste Vorermittlungen bereits vergangene Woche aufgenommen und soll auch die Verantwortlichkeiten klären. Wörtlich heißt es dazu in einer Erklärung der Zentralstelle für Wirtschaftsstrafsachen: „Weiter ist in diesem Zusammenhang eine Strafanzeige der Volkswagen AG ohne Benennung eines Beschuldigten eingegangen; Zielrichtung der Ermittlungen ist insbesondere die Klärung der Verantwortlichkeiten.“

VW-Chef Matthias Müller: Der Getriebene

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Premium Der Getriebene

Als neuer König in Wolfsburg verfügt Müller über alle Insignien der Macht. Doch seine Spielräume sind begrenzt. Gewerkschaften, Politik und eine Hundertschaft an Ermittlern in Deutschland und den USA setzen ihm enge Grenzen.

Der neue Konzernchef Matthias Müller sieht VW vor der „größten Bewährungsprobe“ der Unternehmensgeschichte. „Es geht darum, verlorenes Vertrauen zurück zu gewinnen“, sagte Müller laut Mitteilung von Volkswagen am Montagabend vor Führungskräften des Konzerns. „Dazu braucht es eine schonungslose und konsequente Aufklärung.“ Müller sprach von einem „schweren Weg“.

Das Präsidium des VW-Aufsichtsrates hatte nach einer Krisensitzung am vergangenen Mittwoch eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig angekündigt und erklärt: „Es steht nach Ansicht des Präsidiums fest, dass es zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist, die auch strafrechtlich relevant sein können.“ Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft würden vom Konzern in aller Form unterstützt.

Winterkorn war am vergangenen Mittwoch als Vorstandschef zurückgetreten. Zuvor hatte er den Betrug von VW zugegeben und sich dafür entschuldigt. Weltweit sind bis zu elf Millionen Fahrzeuge von dem Skandal betroffen, der den Ruf des weltweit größten Autobauers schwer ramponiert hat. Die Manipulationen beim größten europäischen Autobauer kosteten nach Winterkorn bereits weitere Spitzenmanager den Job und brachten eine ganze Industrie ins Zwielicht. In den USA und in Kanada rollt nach Medienberichten zudem eine Flut von Sammelklagen auf die Wolfsburger zu. Unklar ist, welche Auswirkungen die Ermittlungen auf mögliche Abfindungsansprüche Winterkorns haben.

Winterkorn galt als detailverliebter Top-Manager mit einem besonderen Faible für Technik – am Ende wurde ihm das Ausmaß des Abgasskandals in den USA aber doch zum Verhängnis. Der 68-Jährige wollte gewöhnlich jede wichtige Entscheidung selbst treffen. Vor dem Start neuer Modelle schaute „Mr. Qualität“ deshalb rund um den Globus auch persönlich zur Endabnahme vorbei und verlangte dabei nicht selten letzte Änderungen.

Der VW-Abgasskandal - eine Chronik

Freitag, 18. September

Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren.

Samstag, 19. September

Die Deutsche Umwelthilfe fordert angesichts der VW-Manipulationsvorwürfe ein Fahrverbot für Dieselautos. Das Problem bestehe nicht nur in den USA, sondern noch stärker in Europa.

Sonntag, 20. September

Winterkorn kündigt eine umfassende Aufklärung an. „Ich persönlich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben“, teilte er mit und erklärt das Thema zur „höchsten Priorität“. Später räumt ein Konzernsprecher ein, dass es zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist.

Montag, 21. September

Volkswagen stoppt den Verkauf von Dieselwagen mit Vierzylinder-Motoren in den USA. Betroffen sind dort Modelle der Kernmarke VW und der Tochter Audi. Die Vorzugsaktie von VW bricht zeitweise um mehr als ein Fünftel ein. In den USA entschuldigt sich VW-Regionalchef Michael Horn: „Wir haben Mist gebaut.“

Dienstag, 22. September

Auch in Absatzmärkten außerhalb der USA gibt es Forderungen, Klarheit über das Ausmaß der Affäre zu schaffen. VW gibt eine Gewinnwarnung heraus und kündigt Milliarden-Rückstellungen an. In einem Video bittet Winterkorn um Entschuldigung.

Mittwoch, 23. September

Winterkorn tritt zurück. „Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren“, erklärt er seinen Schritt. Der Aufsichtsrat kündigt eine Entscheidung über die Nachfolge an.

Donnerstag, 24. September

Die Affäre bringt die gesamte Industrie in Bedrängnis. Vorwürfe werden laut, auch andere Hersteller könnten manipuliert haben. Viele dementieren das. Daneben gibt es etliche Personalspekulationen rund um VW. Medien berichten, Porsche-Chef Matthias Müller habe die besten Chancen, Winterkorn zu beerben.

Freitag, 25. September

Der VW-Aufsichtsrat wählt Matthias Müller zum neuen Konzernchef.

Montag, 28. September

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig leitet Ermittlungen ein.

Dienstag, 29. September

Volkswagen legt einen Aktionsplan zur Nachbesserung von Dieselwagen mit manipulierter Software vor und will fünf Millionen Fahrzeuge der Kernmarke VW in die Werkstätten holen.

Mittwoch, 30. September

Das Präsidium des Aufsichtsrates tagt. Es schlägt vor, die im November geplante außerordentliche Aufsichtsratssitzung abzusagen. Trotz der Affäre soll der langjährige VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch weiterhin neuer Aufsichtsratsvorsitzender werden.

Die VW-Finanztochter verhängt einen Einstellungsstopp bis zum Jahresende, auslaufende Zeitverträge werden nicht verlängert.

Donnerstag, 1. Oktober

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig rudert zurück: Entgegen früheren Angaben führt sie kein formelles Verfahren gegen Winterkorn. Neuer VW-Finanzchef wird nach dem Wechsel von Hans Dieter Pötsch in den Aufsichtsrat der Leiter der Finanzsparte, Frank Witter.

Freitag, 2. Oktober

Der US-Kongress teilt mit, dass sich VW-Landeschef Michael Horn am 8. Oktober den Abgeordneten in einer Befragung stellen muss. Auf speziellen Internetseiten können Kunden von VW und Audi prüfen, ob ihr Wagen die Manipulations-Software verwendet.

Dienstag, 6. Oktober

Betriebsratschef Bernd Osterloh und Müller sprechen bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg zur Belegschaft. Osterloh betont, bisher gebe es noch keine Konsequenzen für Jobs - laut Müller stellt die Abgas-Affäre aber bereits geplante Investitionen infrage.

Umso mehr traf ihn, dass es bei einem zentralen Technikthema wie der Einhaltung von Umweltstandards Manipulationen bei US-Abgastests gab. Er sei „fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren“, sagte Winterkorn bei seinem Rücktritt am vergangenen Mittwoch in Wolfsburg.

Kommentare (29)

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Herr stefan kinlel

28.09.2015, 13:22 Uhr

Originalton Winterkorn: Im VW-Konzern wächst dort das Gras, wo der VW-Chef hinschaut.
Daran dürfte er nun gemessen werden.

Herr Thomas Krzizok

28.09.2015, 13:36 Uhr

Wie Dirk Müller und Prof. Sinn schon treffend bemerkten, wird hier maßlos übertrieben und mit zweierlei Maß gemessen. Ich bin kein VW Fan und mich stört die starke gewerkschaftliche Verflechtung dort. Wirtschaftspolitisch und technisch können die USA keine sparsamen Fahrzeuge mit Dieselmotoren herstellen. Und die GM Klapperkisten etc. schlucken Sprit ohne Ende. Der 10 Jahre verschleppte GM Skandal, in dem billig gekaufte Federn zu 120 Toten und vielen Unfällen führten, wird gerne vergessen. Aber all dies vergessen die Grüngefärbten, die zwar gerne die deutsche Wirtschaftskraft von VW mit Arbeitsplätzen sowie die Steuergelder für deren spinnerte Ideen eingesetzt sehen einschließlich der Aufnahme von am besten mindestens 5 Millionen Flüchtlingen aus aller Welt,

Herr Josef Schmidt

28.09.2015, 13:55 Uhr

Herr Müller verniedlicht gewerbsmässigen Betrug und Herr Sinn hat keine Ahnung von Abgasnormen in den USA. Da gibt es keine verschärften Abgasvorschriften für den Diesel sondern es gelten dieselben Vorschriften für Benziner und Diesel gleich. Aber hier in D wird der Diesel subventioniert und darf auch schlechtere Abgaswerte als der Benziner haben. Wer verdreht hier also Tatsachen ?

Dass die Amis keine modernen Dieselmotoren oder sparsamen turbogeladene Direkteinspritzer herstellen können ist auch nur ein Mythos. Selbst der legendäre Ford Mustang ist mit einem turbogeladenenen Direkteinspritzer zu kaufen, nur kauft ihn niemand.

Wenn VW in USA Erfolg haben will dann müssen sie dort bessere Autos bauen und auch die Autos die nachgefragt werden, siehe Toyota. Alles andere ist ein Schuss ins eigene Knie.

Während Toyota die ersten Wasserstoffautos und die Amis und Asiaten Elektroautos verkaufen werkelt der Deutsche fleissig noch an seinem Diesel rum und verkauft dem deutschen Kunden 20 PS Mehrleistung alle 2 Jahre als Hochtechnologie und Innovation. Die deutschen Prämiumhersteller bringen ihre ersten Hybridantriebe 20 Jahre nachdem hier Toyota schon erfolgreich ist.

Deutsche Technologieführerschaft und Innovation sieht anders aus.

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