Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.03.2004

07:00 Uhr

Vom Ausreißer zum Aufsteiger: Farchad Achmedow kämpft mit Northgas gegen den russischen Giganten Gazprom

David gegen Goliath

VonMathias Brüggmann

David ist müde. Mit offenem Hemdkragen und breiten, blauen Hosenträgern sitzt Farchad Achmedow hinter seinem blank polierten Schreibtisch. Die hornumränderte Brille hat er sich abgenommen, streicht sich mit der Hand über das sonnengebräunte Gesicht, die Mundwinkel hängen ein wenig herab.

MOSKAU. Doch dann blüht er wieder auf. „Ich bin bereit zum weiteren Kampf“, verkündet er, und die braunen Augen funkeln.

Davids Gegner ist der mächtige Gasgigant Gazprom. Und der Kampf des Northgas-Chefs gegen Goliath ist mehr als ein Nervenkrieg, der seine Spuren im spärlicher werdenden Haupthaar hinterlassen hat, wo sich langsam graue Schläfen hochziehen. Es geht um sein wirtschaftliches Überleben.

„Jede Woche bietet mir ein Staatsdiener an, gegen Beteiligung oder Bezahlung ein ,Dach’ für mich zu bauen“, umreißt der 49-Jährige seine Sorgen über das Geflecht aus russischer Korruption und den erdrückenden Ansprüchen des mehrheitlich staatlich kontrollierten Rivalen. „Dach“ steht im russischen Mafia-Jargon für Sicherheit gegen Schutzgeld. „Wie soll man so arbeiten?“ steigt der Zorn in dem kleinen, drahtigen Mann hoch – trotz aller Erfolge seines Unternehmens.

1993 wurde Northgas als Vorzeigeobjekt neuer russisch-westlicher Kooperation gegründet. Gesellschafter waren Gazprom (51 Prozent), der US-Versorger Bechtel und Achmedows englische Redi Ltd. Doch sechs Jahre lang bestand die Firma nur aus einer Förderlizenz von Gazprom, die aus Sowjetzeiten stammte, sowie einem Hotelzimmer in der Polarstadt Nowyj Urengoj, aus dem ein Generaldirektor, ein Buchhalter und ein Referent sie herunterwirtschafteten.

„Ein Waisenkind“, umschreibt der zweifache Familienvater Achmedow die damalige Lage. Und mit allein gelassenen Kindern hat er Erfahrung – eigene: Als 15-Jähriger setzt sich der junge Farchad nach Ärger mit der Familie in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku in den Zug und fährt allein nach Moskau. Gerade einmal 48 Rubel hat der Ausreißer in der Tasche, kaum Russisch-Kenntnisse, aber viel vor.

Erst schlägt er sich mit Gelegenheitsarbeiten in Fabriken durch. Nebenbei geht er auf eine Berufsschule und später an die Veterinär-Akademie, wo er sowjetisches Marketing lernt, das damals noch Warenkunde heißt. Gorbatschows Öffnungspolitik ebnet ihm den Weg ins Ausland und in den Handel.

Nach der russischen Finanzkrise 1999 übernimmt er Bechtels Anteil an Northgas und investiert in Bohrgestänge, Rohre und Straßen. Gazproms Einfluss sinkt auf einen Minderheitenanteil. „Niemand hat geglaubt, dass wir das schaffen können“, sagt er. US-Experten hätten mit Kosten von 400 Millionen Dollar gerechnet. Aber er habe nur 130 Millionen Dollar investiert. Und schon nach zweieinhalb Jahren sei das erste Gas geströmt.

Als der Eigner des Ölkonzerns Yukos, Michail Chodorkowskij, im vorigen Oktober in Haft kam, stieg der Druck auf Achmedow: „Ich bekam Anrufe, dass ich auch inhaftiert würde, wenn ich nach Moskau zurückkäme.“ Dabei schaut er aus dem Fenster des Alexanderhauses, des heute vermieteten Prachtbaus eines bankrotten Bankers, dessen Frontseite direkt zum Kreml zeigt. „Du fühlst dich wie ein Rind im Schlachthof und fragst dich: Wann kommst du an die Reihe?“

Seitdem er Northgas mit modernster Technik auf Vordermann gebracht hat, wachsen die Begehrlichkeiten. Mit nur 250 Mitarbeitern erreichte er in den ersten neun Monaten des vorigen Jahres einen Umsatz von umgerechnet 96,7 Mill. Euro und einen Reingewinn von 35,9 Mill. Euro. Und das mit Verkäufen nur auf dem Binnenmarkt, der für den Giganten Gazprom ein Verlustbringer ist. Pro Kopf fördert der Goliath gerade 1 544 Tonnen Gas und Ölkondensat, während der David mehr als zehnmal so viel schafft.

„Die Firma ist wegen ihrer hohen Effizienz und Rentabilität ausreichend stabil, auch bei schlechter Preiskonjunktur“, lobt die Moskauer Investmentbank UFG. Dabei kommt Northgas nicht einmal die Natur zu Hilfe: Im Winter sinkt die Temperatur im Eiskeller der Halbinsel Jamal unter 50 Grad minus. Im kurzen Sommer machen Moskitoschwärme das Leben in der Tundra zur Hölle. Und Northgas’ Erdgasquellen liegen 3 000 Meter unter dem Permafrost.

„Achmedow ist weniger mutig als unternehmungslustig“, meint Dennis Kirillow, Energieexperte des Wirtschaftsmagazins „Russkij Fokus“, und fügt hinzu: „Die Mutigen sitzen ja bei uns im Knast wie Chodorkowskij.“ Achmedows Lage sei aber kaum weniger prekär.„Das ist alles nur eine Frage der Zeit“, bemerkt Kirillow. „Vor allem, weil Präsident Putin die Rolle des Staats in der Energiewirtschaft stärkt.“

Doch David will im Kampf gegen Goliath nicht aufgeben. „Wir hoffen, dass jeder Krieg mit einem Friedensvertrag endet“, sagt Achmedow, steckt sich eine Zigarette an und lässt sie wie eine Friedenspfeife dampfen. „Gazprom kann die Hälfte haben, wenn sie fair dafür zahlen.“

Mit dem heutigen Porträt endet die Serie.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×