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31.01.2005

07:03 Uhr

Vom Schlosser zum Schriftsteller: Die Deutschen liebten den Satiriker Ephraim Kishon

Abschied von einem großen Schlitzohr

VonChristoph Moss (Handelsblatt)

Er überlebte den Holocaust und feierte ausgerechnet in Deutschland seine größten Erfolge. Er bekam nie den Nobelpreis und war trotzdem auf der ganzen Welt berühmt. Am Samstag ist der große Satiriker Ephraim Kishon im Alter von 80 Jahren gestorben.

Ephraim Kishon verstarb am Samstag im Alter von 80 Jahren.

Ephraim Kishon verstarb am Samstag im Alter von 80 Jahren.

Er fürchte sich nicht vor dem Tod, hatte Kishon noch im Herbst gesagt: „Die Tatsache, dass jeder Mensch diese Welt früher oder später verlässt, ist keine göttliche Hinrichtung, sondern eine Erlösung, Gottes schönste Gnade.“

Ephraim Kishon, der Mann mit dem schneeweißen Haupthaar, galt als erfolgreichster Satiriker der Gegenwart. Weltweit verkaufte er 43 Millionen Bücher, davon allein 32 Millionen in deutscher Sprache. Seine „Familiengeschichten“ gelten als das meistverkaufte hebräische Buch der Welt – nach der Bibel.

Dass er gerade bei den Deutschen so beliebt war, empfand Kishon als Ironie der Geschichte. „Ich verspüre Genugtuung darüber, dass die Enkel meiner Henker in meinen Lesungen Schlange stehen”, sagte er einmal. Ein Großteil seiner Familie war in den Gaskammern von Auschwitz, dessen 60. Jahrestag der Befreiung vergangene Woche begangen wurde, umgekommen. Aber den jungen Deutschen gegenüber empfand er keinen Hass. Es gebe keine kollektive Schuld, sondern nur kollektive Schande. Mit seinem Humor habe er zur Versöhnung beitragen wollen, sagte der Schriftsteller.

Kishon war ein politischer Mensch. Am vergangenen Freitag, nur einen Tag vor seinem Tod, gab er den „Stuttgarter Nachrichten“ noch ein Interview. Darin empfiehlt er Bundespräsident Horst Köhler, seine vor dem israelischen Parlament geplante Rede teilweise auf Hebräisch zu halten. „Ich rate Herrn Köhler, eine kleine Rede auf Hebräisch vorzubereiten, in der er seinen Respekt vor der Sprache der Bibel und Jesus Christus bekundet. Dann sollte er um Verzeihung bitten, dass er in seiner Sprache fortfährt, obwohl das Deutsch die Bestialitäten der Nazis an Juden begleitet hat.“

Ephraim Kishons Lebensgeschichte beginnt am 23. August 1924 in Budapest mit der Geburt als Ferenc Hoffmann. Der Sohn eines Bankdirektors wächst in der ungarischen Hauptstadt auf. Während des Zweiten Weltkriegs wird er wegen seiner jüdischen Herkunft in das Vernichtungslager Sobibor transportiert. Er tarnt sich als Nichtjude und flieht. „Sie machten einen Fehler, sie ließen einen Satiriker am Leben“, wird er später schreiben.

Nach dem Krieg absolviert Kishon die Kunstakademie als diplomierter Bildhauer. 1949 flieht er erneut – diesmal aus dem kommunistischen Ungarn nach Israel. Auf der Flucht gibt er sich den Namen „Kishont“, den ein israelischer Beamter bei der Einreise zu „Kishon“ umwandelt. Den Vornamen Ferenc ersetzt der Mann mit der lakonischen Bemerkung „Gibt es nicht” kurzerhand durch Ephraim.

Lesen Sie auf Seite 2: Wie schwierig für Kishon der Start in Israel war

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