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29.01.2012

11:52 Uhr

Wahre Tugenden

Vorbildliche Helden

Gierige Banker, plagiierende Politiker, ein Präsident, der sich Vorteile verschafft, und ein Kapitän, der zuerst von Bord geht: Reihenweise purzeln Vorbilder von ihren Sockeln. Das muss kein Nachteil sein.

Uli Hoeneß: Der Sohn eines Metzgers blieb seiner Linie stets treu. Reuters, Sascha Rheker

Uli Hoeneß: Der Sohn eines Metzgers blieb seiner Linie stets treu.

Die Würde eines Berufsstandes zerschellte an einem Felsen im Mittelmeer. Als Kapitän Francesco Schettino am Abend des 13. Januar das Kreuzfahrtschiff Costa Concorda vor der Küste Giglios zum Kentern brachte, versenkte er zugleich einen Mythos. Der Kapitän, jener Held in Weiß, der den Wirren der Weltmeere trotzt und bei einer Havarie als letzter Mann von Bord geht, ist nur noch Nostalgie. Francesco Schettino ging als Erster.

Der Respekt vor dem höchsten Amt im Staat ist nicht zerstört, aber er schwindet an jenem Mittwochabend, als das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland sich einem TV-Gericht von ARD und ZDF stellen muss. Beide Seiten dieser merkwürdigen Sitzung werden geschrumpft: Die Journalisten wirken wie Karikaturen ihres Berufsstands, der Präsident wie ein Schulbube, den man beim Abschreiben erwischt hat.

Damit kennt sich das Fernsehpublikum mittlerweile aus: Als das größte politische Talent, das seit längerem die Bühne der Politik betreten hatte, den ersten Gegenwind verspürte, blies es ihn weg. Karl-Theodor zu Guttenberg, der bei seiner Doktorarbeit abgeschrieben hatte, verirrte sich in Ausflüchten. Binnen weniger Tage war wieder einer abgestürzt, der noch eben als vorbildlich galt.

Und am Mittwoch vergangener Woche erinnerten sich die Herren des Geldes, denen die Welt einen Großteil ihrer Probleme zu verdanken hat, an ihr eigenes gutes Recht. Eine Reihe von Hedge-Fonds-Managern beschloss, vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ihr Recht auf Rendite einzuklagen. Was ist eigentlich das Gegenteil von Vorbild? Die Desillusionierung über „die Eliten“ hat mittlerweile das Wort „Vorbild“
selbst erreicht. Es taugt zwar noch, um romantische Gefühle zu wecken. Aber alltagstauglich ist es schon lange nicht mehr. Zu groß sind die Enttäuschungen über vermeintliche Helden, die sich meist wenig später als Spitzbuben und Schlitzohren herausgestellt haben.

Die Heroen der New Economy haben nicht das Vermögen ihrer Aktionäre, sondern nur das eigene gemehrt. Der einstige Daimler-Chef Jürgen Schrempp schuf nicht die versprochene Welt-AG, sondern hinterließ einen Sanierungsfall. Bertelsmann-Boss Thomas Middelhoff, der in besonderer Weise junge Führungskräfte für sich einnahm, endete als fragwürdiger Karstadt-Sanierer, der hohe Boni kassierte und teure Privatflieger nutzte, als die Firma schon am Boden lag.

Über Ethik wird derzeit viel gesprochen – aber nicht in den Vorständen, sondern an Universitäten und bei Buchvorlesungen. An der Wall Street und in London gehen derweil die Exzesse munter weiter. Der Vorstandschef einer großen deutschen Versicherung sagt: „Im globalen Kasino wurden nicht die Regeln geändert, sondern ein Tisch zusätzlich hineingestellt.“

Geradezu hastig haben die Dax-Konzerne mit dem Abflauen der Börsenwelle die Bezahlung ihrer Top-Leute von Aktienoptionen auf höheres Festgehalt und saftige Pensionszusagen umgestellt. Auch das trägt nicht gerade dazu bei, Vorstandsvorsitzende zu Vorbildern zu stilisieren. Für Daimler-Chef Dieter Zetsche etwa wurden Pensionsrücklagen in einer Gesamthöhe von 26 Millionen Euro gebildet.

Kommentare (18)

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29.01.2012, 13:23 Uhr

Das Problem in Deutschland ist eine Gesellschaft die keine Heimat hat.Wer Russe ist bleibt Russe,wer Türke ist bleibt Türke wer Pole ist bleibt Pole. Der Deutsche weis überhaupt nicht mehr wo er hingehört, darum gibt es kein Geographie Unterricht mehr an Schulen. Hamburg liegt in Spanien und Hannover in der Türkei. Vorbilder sterben im sichtbaren (Politik) aus, aber ist in der Gesellschaft immer noch vertreten. Der BP ist zumindest ein Kapitän der
die Passagiere von Bord in Rettungsboote lässt obwohl keine Gefahr droht und fährt dann alleine weiter
mit kleiner Mannschaft. In 50 Jahren wird die von Wulff ausgerufene Islamische Teilrepublik eine ganze sein und dann wird es andere Vorbilder geben. <nicht besser nur anders.

estragon

29.01.2012, 13:29 Uhr

brav.

da brauchen wir uns ja keine weiteren sorgen zu machen.

wladimir

29.01.2012, 13:34 Uhr

auch irgendwie beruhigend.

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