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13.05.2014

06:42 Uhr

Wallraff unter Türstehern

„Jetzt werde ich ein bisschen pampig“

VonBastian Benrath

Die „Undercover Reporter“ von Günter Wallraff haben das vorerst letzte Mal zugeschlagen: Diesmal traf es das Sicherheitsgewerbe. Statt gewohnt breitspurig aufzutreten, drückt das Team diesmal eher auf die Tränendrüse.

Beim Oktoberfest sorgen oft ungelernte Sicherheitskräfte für Ruhe. dpa

Beim Oktoberfest sorgen oft ungelernte Sicherheitskräfte für Ruhe.

DüsseldorfVerpixelte Gesichter, verzerrte Stimmen: Investigativ-Altmeister Günter Wallraff interviewt Informanten. „Man lässt sich beschimpfen, bespucken – und man ist doch weniger Wert als Hartz IV“, sagt eine weibliche Sicherheitskraft aus einem Frankfurter Jobcenter. Die Sicherheitskräfte der Arbeitsagentur sind selbst Kunden der Arbeitsagentur, so lautet die Botschaft. Wallraff, die Sozialkritik selbst, kommentiert: „Da sind Opfer mit Opfern zusammen.“

Zum vorerst letzten Mal waren die „Undercover Reporter“ von RTL gestern unterwegs. Die dreiteilige Reihe geht mit der Episode vorerst zu Ende. Anders als bei den vorangegangenen Folgen, wo die Enthüllungsjournalisten meist anklagend den Finger hoben, schien das Team diesmal eher auf Mitleid aus zu sein. Mitleid mit den Niedriglöhnern im Sicherheitsgewerbe, die von bösen Chefs schikaniert werden und ohne richtige Ausbildung Leben und Gesundheit aufs Spiel setzen müssen.

Zu Beginn ist der Zuschauer zu Gast in einer Redaktionssitzung des Reporterteams. Wallraff sitzt vor Kopf und erklärt: „Ich habe über die Zustände im Sicherheitsgewerbe mehrfach Zuschriften bekommen.“ Grund genug für Vollblut-Journalisten Wallraff, seine Zöglinge auf die nächste Undercover-Mission einzuschwören.

Führende Sicherheitsdienstleister in Deutschland (Stand: 2012)

Platz 10

b.i.g. Gruppe - 2.145 Angestellte

Der Dienstleister aus Karlsruhe vermittelte ursprüngliche Ingenieure, die Abkürzung steht für Bechtold Ingenieursgesellschaft. Mittlerweile bietet das Unternehmen aber auch umfangreiche Sicherheitsdienstleistungen an.

Quelle: Statista

Platz 9

Kieler Wach- und Sicherheitsgesellschaft - 2.300 Angestellte

Die Kieler blicken auf eine lange Tradition zurück: Das Unternehmen wurde bereits 1905 gegründet und ist mit seinen 17 Standorten mittlerweile deutschlandweit aktiv.

Platz 8

Pond Security Service - 2.300 Angestellte

Das Sicherheitsunternehmen aus Erlensee pflegt enge Verbindungen zu den USA. Gegründet wurde es durch Daniel M. Pond, einem ehemaligen Angehörigen der US-Army. Bis heute ist Pond für die Sicherheit vieler US-Institutionen in Deutschland zuständig.

Platz 7

Klüh Service Management - 2.750 Angestellte

Das Sicherheitsgeschäft ist nur ein Standbein des Düsseldorfer Personaldienstleistungsriesen. Insbesondere im Gebäudemanagement gehört das Unternehmen zu den Großen der Branche.

Platz 6

Dussmann Service - 2.710 Angestellte

Auch die Berliner haben ein breites Portfolio von Dienstleistungen im Angebot. In Deutschland betreibt Dussmann Service über 51 Niederlassungen und Stützpunkte.

Platz 5

W.I.S. - Sicherheit + Service - 3.517 Angestellte

Die einstige Kölner Wach- und Schließgesellschaft firmiert seit 1967 unter dem Namen Wirtschafts- und Industriesicherung. Mit 27 Standorten in Deutschland gehört das Unternehmen zu den großen der Branche.

Platz 4

Wisag Facility Service- 5.132 Angestellte

Der Frankfurter Unternehmer Claus Wisser gehörte zu den ersten in Deutschland, die umfassende Gebäudedienstleistungen aus einer Hand anboten. Seit 2012 firmiert auch die Sicherheitsparte unter dem Namen der Gruppe.

Platz 3

Niedersächsische Wach- und Schließgesellschaft - 5.225 Angestellte

Das Ende der kommunalen Nachtwächter im Jahr 1901 brachte Firmengründer Jacob auf die Idee, in Hannover einen privaten Sicherheitsdienst zu gründen. Heute sind nur zwei Sicherheitsdienste in Deutschland größer.

Platz 2

Kötter Unternehmensgruppe - 9.450 Angestellte

Werttransporte, Sicherheitstechnik, Flughafensicherheit. Die Unternehmensgruppe aus Essen ist immer noch in Familienhand und wird heute von Martina Kötter geleitet.

Platz 1

Securitas Deutschland - 19.200 Angestellte

Der schwedische Sicherheitsriese aus Stockholm ist auch in Deutschland unangefochtener Marktführer im Bereich der Sicherheitsdienstleistungen. Die drei roten Punkte im Logo stehen für Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Ein Testgelände für die investigativen Recherchen ist schnell ausgemacht: Es geht aufs Münchener Oktoberfest. Reporter Torsten Misler legt seine beige Flanelljacke ab und verwandelt sich mit längeren Haaren, Bart und Brille in einen Jobsuchenden als Sicherheitskraft. Er bewirbt sich ohne Vorerfahrungen auf einen Job als Türsteher an einem der Festzelte – und wird eingestellt.

Dass die Sicherheitskräfte häufig ohne Erfahrung oder Einweisung in ihren Job geschickt werden, gehört jenseits aller Privatfernsehens-Dramatisierung zu den tatsächlichen Missständen, die Wallraff und sein Team aufdecken. Ein kurzes Trainingsseminar, dann sind die angehenden Securities offiziell für ihren Job gerüstet. Mislers versteckte Kamera zeigt schlafende Kursteilnehmer und pöbelnde Langzeitarbeitslose – die den Kurs zum Schluss alle mit einem qualifizierenden Zeugnis verlassen.

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Auf dem Oktoberfest schwankt die Darstellung dann zwischen Gewaltszenen in verpixelter Bild-Zeitungs-Optik und Mitleid für die Türsteher, die bei Zwölfstundenschichten und mieser Bezahlung doch gar nicht anders können, als hin und wieder mal auszurasten. Das hinterlässt einen schalen Nachgeschmack: Die Arbeitsbedingungen in der Branche sind sicherlich ungerechtfertigt und nicht in Ordnung. Dennoch erscheint übermäßiges Mitleid für prügelnde Sicherheitskräfte zumindest fragwürdig.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

13.05.2014, 11:28 Uhr

"Das hinterlässt einen schalen Nachgeschmack: Die Arbeitsbedingungen in der Branche sind sicherlich ungerechtfertigt und nicht in Ordnung. Dennoch erscheint übermäßiges Mitleid für prügelnde Sicherheitskräfte zumindest fragwürdig."

Meiner Meinung nach völlig richtig, allerdings wird mit einer ähnlichen Argumentation schon seit ewigen Zeiten zumindest fragwürdiges Verhalten von Polizeibeamten gerechtfertigt. Insofern frage ich mich, warum dieses Argument für - angeblich - gut ausgebildete Polizisten, aber nicht für praktisch völlig unausgebildete "Sicherheitskräfte" gelten sollte. Ich finde hier wird wie so oft mit zweierlei Maß gemessen.

Account gelöscht!

13.05.2014, 12:06 Uhr

Habe ich das richtig verstanden: man kann "einfach" einen Lehrgang als Sicherheitsfachkraft inklusive dreitägigen Waffenlehrgang machen und bekommt infolgedessen einen Waffenschein?!

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