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03.12.2013

15:40 Uhr

Wann Arbeit glücklich macht

„Kranke Mitarbeiter stecken mit negativen Gefühlen an“

VonIlona Bürgel

Sie ersticken im Alltagsgeschäft und Ihre Mitarbeiter sind erschöpft und frustriert? Zeit für ein Umdenken, findet die Psychologin Ilona Bürgel – denn die menschliche Arbeitskraft mausert sich zum Wettbewerbsfaktor.

Zum Haare raufen: In vielen Unternehmen wurden in den vergangenen Jahren technische Ressourcen besser gepflegt als menschliche. Getty Images

Zum Haare raufen: In vielen Unternehmen wurden in den vergangenen Jahren technische Ressourcen besser gepflegt als menschliche.

DresdenMontagmorgen. Sie haben gut geschlafen und freuen sich auf die neue Arbeitswoche. Ihre Mitgeschäftsführerin hat den Bruttoinhouse-Glücksreport unter dem Arm und fragt Sie nach dem Befinden Ihrer Mutter, während Sie in Ruhe zum ersten Meeting des Tages gehen. Ihr Team ist nicht nur anwesend, sondern gesund und fit. Sie beginnen das Treffen mit der Auswertung der Erfolge der letzten Woche.

Gefällt Ihnen diese Vision? Falls nicht, sollten Sie besser umdenken. Denn der Erfolg Ihres Unternehmens wird heute nicht mehr nur durch Technologievorsprung oder Pünktlichkeit entschieden, sondern durch das, was sich in den Köpfen und Herzen Ihrer Mitarbeiter abspielt. Der Job entscheidet mit über unser Lebensglück.

Der Versuch der deutschen Unternehmen, Mitarbeiter zu Höchstleistungen zu „motivieren“, ist an seine Grenzen gekommen: Viele haben die innere Kündigung abgegeben, die Engagierten brennen aus. Technische Ressourcen wurden besser gepflegt als menschliche.

26 gute Gründe, lieber zu Arbeiten

1. Sorgen Sie angenehmer für Produktivität 

Menschen, denen es gut geht, leisten gern, sind effizienter und verdienen mehr. Denn Wohlbefinden ist ein wesentlicher Faktor für die Arbeitsproduktivität. Das wurde in einer Metaanalyse von Sonja Lyubomirsky wissenschaftlich nachgewiesen.

(Quelle: Ilona Bürgel)

2. Nutzen Sie den Spitzenreiter in Sachen Wohlbefinden

Es gibt fünf Arten von Wohlbefinden. Das Tätigkeitswohlbefinden, soziales, finanzielles, physisches und Gemeinschaftswohlbefinden. Die Tätigkeit hat doppelt so großen Einfluss auf unser Gesamtwohlbefinden wie alle anderen. Dies hat die Beratungsfirma Gallup in einer weltweiten Studie herausgefunden.

3. Prüfen Sie Ihre Motivation

Was ist Ihnen wichtig im Job? Werden Sie sich klar darüber, welche Ziele Sie für die Zukunft haben, welche Änderungen in Ihrem Leben für Sie wichtig wären. In der TK Stress Studie 2013 konnte nachgewiesen werden, dass „Spaßarbeiter“ gegenüber „Broterwerbarbeitern“ weniger erschöpft und depressiv sind.

4. Entwickeln Sie ein flexibles Weltbild

Betrachten Sie die Welt aus einem optimistischen Blickwinkel, denn als Optimist haben Sie die Chancen einer Situation im Auge, als Pessimist die Risiken. Da Optimismus eine Geisteshaltung ist, geht es in erster Linie darum, negatives und pessimistisches Denken durch eher optimistisches Denken zu ersetzen.

5. Belohnen Sie sich selbst

Sehr viele Menschen lassen sich durch Belohnungen motivieren. Sie auch? Dann nutzen Sie das. Stellen Sie sich selbst Belohnungen für erfüllte Aufgaben in Aussicht. Denn Arbeit darf Spaß machen. Perfekt ist es natürlich, wenn die Belohnung die Tätigkeit selbst ist, sei es durch zufriedene Kunden, Wissenserweiterung oder die Freude daran, das Beste zu geben. Daniel H. Pink hat untersucht, was Menschen bei der Arbeit motiviert. Er fand heraus, dass Firmen, denen Selbstbestimmung wichtig ist, eine vier Mal größere Wachstumsrate haben und ein Drittel mehr erwirtschaften.

6. Genießen Sie Ihre Beziehungen

Haben Sie einen guten Draht zu ihren Kollegen? Ein gutes Verhältnis zu Arbeitskollegen ist für die meisten wichtiger, als Jobsicherheit. Und wer sich wohl fühlt, leistet mehr: Ein positives Arbeitsklima wirkt sich auf die Motivation, Kreativität und Leistungsfähigkeit jedes Einzelnen aus. Die Ergebnisse der Onlineumfrage von www.stellenanzeigen.de zeigen, dass Mitarbeiterzufriedenheit durch ein gutes Verhältnis zu Kollegen und Chef vor allem durch Lob und Anerkennung bestimmt wird.

7. Loben , loben, loben

Haben Sie heute schon gelobt? Hauptgrund für Frustration am Arbeitsplatz ist fehlende Anerkennung durch den Chef. Anerkennung, persönliche Unterstützung und sichtbare Fortschritte bei der Arbeit motivieren Mitarbeiter am meisten. Dies bestätigten Tagebucheintragungen, die Theresa M. Amabile und Steven J. Kramer von der Harvard Business School analysierten.

8. Nutzen Sie die Erfolgsformel 3:1

Negative Gefühle wirken wesentlich stärker als positive. Wenn Sie sich einmal ärgern, müssen Sie sich zum Ausgleich dreimal freuen: es braucht ein 3:1 von Positivem zu Negativem. Dies klingt anstrengender als es ist, denn unser Leben ist ja voll von schönen Dingen, wir schätzen sie nur nicht. Beginnen Sie Meetings mit positiven Informationen, schreiben Sie Ermutigendes in Ihren Mailabsender.

9. Schalten Sie mal ab

Kommen Sie raus aus dem selbst gemachten Druck. Hier spielt uns unser Gehirn einen Streich, indem wir mehr Druck empfinden als real existiert, und wir in einer Art vorauseilendem Gehorsam „bereiter“ sind als nötig. Der DAK Gesundheitsreport 2012 ging der Frage nach, ob das Thema Erreichbarkeit ein Krankmacher ist. Dazu wurden 3000 Erwachsene befragt. 51,7 Prozent der Menschen, deren Kollegen und Vorgesetzte ihre privaten Nummern haben, werden nie angerufen, nur 7,5 Prozent der Befragten fühlen sich durch telefonische Erreichbarkeit etwas oder erheblich belastet. 78,9 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu „Mein Arbeitgeber akzeptiert, wenn ich außerhalb der Arbeitszeit nicht erreichbar bin“.

10. Lassen Sie sich von Stress nicht stressen

Vermitteln und erwerben Sie Wissen über Stress und Burnout, aber legen Sie darauf nicht den Fokus. Die Gehirnforschung zeigt: Je häufiger wir etwas wiederholen, umso stärker werden die neuronalen Verknüpfungen im Gehirn. Also raus aus der Problem- hin zu Lösungsorientierung.

11. Sehen Sie, was Sie leisten

Viel zu lange haben wir darauf gewartet, dass uns Kollegen oder Chefs mal fragen, wie es uns geht, uns loben oder sehen, was wir leisten. Sie werden es nicht tun, so lange wir unsere Leistungen nicht selbst anerkennen und uns selbst wichtig nehmen.

12. Erwarten Sie das Glück bei Arbeit

Überprüfen Sie Ihre Einstellungen. Sind Sie dankbar, dass Sie diese Arbeit haben? Freuen Sie sich, dass Sie dort interessante Menschen treffen? Überall wartet das Wohlbefinden auf uns – wenn wir es treffen wollen und sehen können. Denn um etwas wahrzunehmen, müssen wir es kennen oder erwarten, sonst sehen wir es nicht.

13. Erteilen Sie sich ein Spekulationsverbot

Die Kollegin grüßt nicht, der Kunde ruft nicht zurück? Schluss mit den Spekulationen über die Ursachen. Sie rauben gute Energie. Bleiben Sie neutral. Was sind Tatsachen, und wo gehen Phantasie und Bewertungen mit Ihnen durch?

14. Legen Sie schwierige Termine auf Dienstag

Dienstags ist unsere Leistungsfähigkeit am größten. Das sollten Sie öfter nutzen, vor allem für ungeliebte Meetings.

Hektik, Pflichten, Zeitdruck, die Lust und Last der Arbeit scheinen uns fest im Griff zu haben. Die meisten Menschen sind für alles und jeden da und denken zu wenig an sich. Ein gutes Leben wird auf „morgen“ oder „später“ verschoben. Das ungeschriebene Gesetz „erst viel (für andere) leisten, dann glücklich sein“, wurde in unserer Gesellschaft exzessiv gelebt. Doch Vorsicht! Nur wenn es Ihnen gut geht, profitieren alle davon. Glückliche Menschen leben länger und gesünder, sind produktiver, verdienen mehr, haben zufriedenere Kunden und Mitarbeiter und können Krisen besser meistern. Doch das heißt zunächst einmal, neue Schwerpunkte zu setzen, ja eine andere Arbeitskultur zu entwickeln.

Die Dresdner Psychologin Ilona Bürgel ist Expertin für körperliches und geistiges Wohlbefinden.

Die Dresdner Psychologin Ilona Bürgel ist Expertin für körperliches und geistiges Wohlbefinden.

Zwei Beispiele: Laut einer Umfrage des Forschungsinstituts GALLUP mögen nur 20 Prozent der Menschen das, was Sie jeden Tag tun. Zwei Drittel der arbeitenden Erwachsenen warten täglich auf den Feierabend. Das heißt, die meisten Menschen verbringen ihre Lebenszeit mit etwas, das ihnen nicht gefällt und finden das auch noch normal.

58 Prozent der Manager würden auch mit einer mittelschweren Erkältung zur Arbeit gehen, ergab eine Umfrage der Personalberater Lab & Company unter Managern. Nur 9 Prozent würden zuhause bleiben und sich auskurieren. 18 Prozent heißen es gut, wenn Kranke ins Büro kommen. Das Ergebnis: Präsentismus. 21 Prozent der Mitarbeiter geben im Stressreport 2012 an, bei Krankheit immer arbeiten gegangen zu sein, 36 Prozent bleiben mal zu Hause oder gingen mal arbeiten. Im Durchschnitt waren Mitarbeiter 11,5 Tage krank am Arbeitsplatz. Nennen Sie das Engagement? Kranke Mitarbeiter stecken nicht nur mit Bakterien, sondern auch mit negativen Gefühlen an. Und letztere werden Sie viel schwerer wieder los.

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