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04.02.2005

15:00 Uhr

Weniger karriereversessene Manager nutzen der Firma mehr, enthüllt die Studie der Wirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff

„Autoritär und risikoscheu“

Wirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff, 57, lehrt Betriebswirtschaft am der Hamburger Universität für Politik und Wirtschaft. Im Interview erklärt sie, wie der Führungsstil der Zukunft aussieht.

Handelsblatt: Frau Bischoff, seit fast 20 Jahren beobachten Sie das mittlere Management in Deutschland. Hat die angespannte Wirtschaftslage das Führungsverhalten verändert?

Bischoff: Zweifellos – es ist ein deutlicher Trend zu autoritärem Führungsstil zu beobachten. Vor sieben Jahren gab nur ein Viertel der befragten Manager an, je nach Situation autoritär zu führen. Heute sind es bereits 39 Prozent. Und: Je mächtiger, desto autoritärer. In den oberen Chefetagen bekennt sich jeder Zweite dazu. Interessant ist, dass immer schon Frauen häufiger zu autoritärem Führungsstil neigten. Sie haben wohl Sorge, zu weich zu erscheinen.

Können Chefs autoritärer sein, weil Mitarbeiter aus Angst um ihrem Job kuschen?

Bischoff: Das ist nicht auszuschließen. Manager haben heute im Schnitt weniger Mitarbeiter. Der Druck ist gestiegen. Für kooperative Führung fehlt oft schlichtweg die Zeit. Nur noch jeder Dritte sieht darin die Zukunft. Kooperativer Führungsstil hat abgewirtschaftet – das ist nicht zu leugnen.

Wie sieht dann der Führungsstil der Zukunft aus?

Bischoff: Dafür musste ich eine völlig neue Kategorie einführen: die sichtbare Führung. Autorität, klare Richtlinien vorgeben und Disziplin einfordern – so charakterisieren sich schon 44 Prozent der Männer und 35 Prozent der Frauen. Teamgeist ist aus Sicht der Manager nicht mehr so wichtig. Künftig setzt nur noch jeder Sechste darauf – früher jeder Dritte. Eine klare Trendwende. Stattdessen picken sie sich Einzelne raus, die sie fördern.

Treiben die Manager überhaupt noch unternehmerische Ideale an?

Bischoff: Die sind erschreckenderweise in der Wertschätzung stark gefallen – sie sind extrem risikoscheu geworden. Nur noch neun (früher: 29) Prozent der Männer und sechs (15) Prozent der Frauen halten diese für wichtig, um Karriere zu machen.

Heißt das, Führung reduziert sich auf Menschenführung?

Bischoff: Ja, und da bin ich sehr erschrocken. Von Führung des Unternehmens ist keine Rede mehr. Begriffe wie Veränderung und Wandel wurden von keinem mehr genannt. Jede Veränderung ist riskant.

Risikoscheue autoritäre Karrieristen - lassen Unternehmen die Falschen hochkommen?

Bischoff: Ich habe eine wirklich überraschende Entdeckung gemacht: Führungskräfte, die weniger karrierebewusst sind, sind für Unternehmen ausgesprochen wertvolle Manager. Bei Aufstiegsorientierten steht dagegen die eigene Karriere im Vordergrund. Sie betonen in der Studie Charisma, Fairness, Durchsetzungsvermögen und Mobilität. Für ein Unternehmen aber ist auch ganz anderes wichtig: Spaß an der Arbeit oder Mut, Chancen zu ergreifen sowie Wille zur Weiterbildung oder Identifikation mit dem Unternehmen – alles Eigenschaften, mit denen sich ausschließlich Menschen ohne Aufstiegsorientierung charakterisierten. Das Fazit: Dem Unternehmen ist mehr gedient, wenn die Manager nicht so karriereversessen sind.

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