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04.10.2012

11:01 Uhr

Wenn der Job krank macht

Jeder zehnte Arbeitnehmer leidet unter Depressionen

Millionen Menschen leiden in Europa unter Depressionen. Eine Umfrage zeigt, dass ein Depressionsschub im Schnitt einen Ausfall von 36 Arbeitstagen zur Folge hat – die Kosten für die Unternehmen gehen in die Milliarden.

Erkrankte klagen vor allem in Deutschland über mangelnde Unterstützung durch den Arbeitgeber. dpa

Erkrankte klagen vor allem in Deutschland über mangelnde Unterstützung durch den Arbeitgeber.

Brüssel/HildesheimJeder zehnte Arbeitnehmer in Europa ist schon einmal wegen einer Depression zu Hause geblieben. Das hat der europäische Fachverband European Depression Association (EDA) in einer repräsentativen online-Umfrage unter mehr als 7000 Europäern herausgefunden. Jeder Depressionsschub verursacht demnach durchschnittlich einen Ausfall von 36 Arbeitstagen; das entspricht mehr als 21.000 verlorenen Arbeitstagen in dieser Personengruppe.

Die Diagnose Depression hat der europäischen Umfrage zufolge jeder fünfte Befragte schon einmal zu hören bekommen - am häufigsten waren Briten betroffen (26 Prozent), am seltensten die Italiener (12 Prozent).

Symptome einer Depression

Müdigkeit

Deutliche Geschlechtsunterschiede finden sich bei der sogenannten unipolaren Depression, von der Frauen doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. Diese Form ist gekennzeichnet durch Symptome wie verminderten Antrieb oder gesteigerte Müdigkeit, ...

Depressive Stimmung

... depressive Stimmung in einem ungewöhnlichen Ausmaß, die fast jeden Tag mindestens über zwei Wochen hinweg auftritt, ...

Keinerlei Freude

...Verlust an Interessen, keinerlei Freude mehr an Tätigkeiten, die einem früher mal Spaß und Befriedigung gebracht haben, ...

Selbstvertrauen

...Verlust des Selbstvertrauens und des Selbstwertgefühls sowie Selbstvorwürfe und Selbstzweifel,...

Konzentration

...Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen, Appetitverlust oder gesteigerter Appetit.

(Quelle: Ursula Nuber, "Wer bin ich ohne dich?", Campus-Verlag)

Deutsche Arbeitnehmer blieben der EDA zufolge am ehesten wegen eines Krankheitsschubs zu Hause (61 Prozent). Mit durchschnittlich 41 Tagen blieben sie der Arbeit auch am längsten fern. Zugleich klagten Umfrage-Teilnehmer aus Deutschland besonders über mangelnde Unterstützung durch den Arbeitgeber.

Illusionen und Hoffnungen die in die Depression führen

Die Anderen

Die Hoffnung, dass die Orientierung an anderen, deren Bedürfnissen und Wünschen Liebe und Anerkennung bringen

Der Verzicht

Die Hoffnung, dass der Verzicht auf eigene Bedürfnisse und ein eigenes Leben Sicherheit bringen wird

Die Veränderung

Die Hoffnung, dass andere Menschen sich ändern werden

Die Enttäuschung

Die Hoffnung, dass die Enttäuschung über enge Beziehungen durch eigenen Einsatz und eigene Bemühungen verschwinden wird

Die Illusion

Die Hoffnung, dass andere schon noch erkennen, was man braucht und es einem geben

Der Wert

Die Hoffnung, dass andere Menschen den eigenen Wert bestätigen und man sich nicht mehr so klein, so unfähig, so ungeliebt fühlen muss.

Doch obwohl Depressionen ein Volksleiden sind, werden sie bei vielen Patienten nicht erkannt, sagte Prof. Detlef E. Dietrich, Ärztlicher Direktor des Ameos Klinikums Hildesheim der Nachrichtenagentur dpa. Der Psychiater ist Koordinator des 9. Europäischen Depressionstages für Deutschland. Angehörige oder Freunde sollten aufhorchen, wenn jemand über Wochen hinweg über mehrere typische Symptome wie Schlafstörungen, Energiemangel oder innere Unruhe klagt.

Fünf Wege aus der Depression

1. Den Sinn der Depression erkennen

Die Therapeutin und Autorin Ursula Nuber zeigt in ihrem Buch "Wer bin ich ohne dich?" fünf Wege aus der Depression. Die 1. Strategie lautet: Den Sinn der Depression erkennen. Dabei ist es für Betroffene wichtig herauszubekommen, welcher Sinn, welche Botschaft für sie in der Krankheit enthalten ist. Dazu gehört auch, dass sie nicht ausschließlich auf hormonelle Veränderungen, biochemische Ungleichgewichte im Gehirn oder Erbfaktoren zurückgeführt und damit zu einem rein medizinischen Problem reduziert werden sollte. Wenn es gelingt, die Botschaft zu entschlüsseln, kann sich die Depression als grundlegende Veränderung zum Positiven nutzen lassen.

So wie Angst ein Signal für Gefahr ist, so ist die Depression häufig ein Signal, dass man sich vor vergeblichen Anstrengungen schützen sollte.

2. Selbst aktiv werden

In dieser Phase können Erkrankte viel Neues über sich lernen. Sie bekommen eine Ahnung, was genau ihnen nicht gut tut, wo sie die Weichen anders stellen müssen. Sie achten nicht nur darauf, wann sie sich besonders niedergeschlagen und ungeliebt fühlen, sie achten ebenso darauf, wer und was ihnen dabei hilft, damit die Depression weniger intensiv spürbar ist. Sie erkennen, dass sie kein passives Opfer der Krankheit sein müssen, sondern durchaus Einfluss auf sie nehmen können - zum Beispiel indem sie sich in Bewegung setzen.

3. Hilfe annehmen

Die Erfahrung, nicht auf sich allein gestellt zu sein, kann auf dem Weg aus der Depression so etwas wie ein Leitstern werden. Vor allem Freunde können hilfreich im Prozess der Selbstfindung sein. Nachhaltig helfen kann auch eine rechtzeitige psychotherapeutische Behandlung, die das Risiko, an weiteren Depressionen zu erkranken, deutlich senkt. Der richtige Therapeut kann also ein äußerst wichtiger Begleiter bei der Depressionsarbeit sein. Ausschlaggebend für den Erfolg ist nicht in erster Linie die Methode, sondern die Beziehung, die zwischen dem Therapeuten und dem Klienten entsteht.

4. Wenn ich nicht für mich bin, wer ist es dann?

Niemanden behandeln Depressive, ganz besonders depressive Frauen, so schlecht wie sich selbst. Depressionsgefährdete Frauen neigen dazu, mit sich selbst ungeduldig zu sein und sich selbst zu kritisieren, sie beschuldigen sich für ihr Versagen und werfen sich vor, anderen Menschen Probleme zu bereiten.

Ob Mann oder Frau: Wichtig ist vor allem die Selbstfürsorge und das Mitgefühl für sich selbst. Kommt die Selbstfürsorge dauerhaft zu kurz, dann kann das auch zu einem Stressfaktor werden, der in die Depression führen kann. Erkrankte müssen erkennen, dass ihr Leben nicht dadurch lebenswert wird, indem sie möglichst viel für andere leisten, sondern dass es vielmehr darauf ankomme, dass sie sich möglichst viel ersparen.

5. Nett war gestern

Die reife Form der Aggressionsverarbeitung kann man nur dadurch erwerben, dass man Erfahrungen mit seiner Aggression macht. Wir alle haben das Recht auf alles, was wir fühlen. Das geringe Selbstwertgefühl Depressiver hat eine wichtige Wurzel in ihrer nicht gewagten, nicht gekonnten Aggressivität. Depressive müssen lernen, den Ton lauter zu stellen. Und Frauen, die ihre Depression überwinden wollen, müssen ihre Rolle als nettes Mädchen aufgeben. Denn Nettsein ist eine Einbahnstraße. Wer nett ist, ist beliebt, aber er wird ausgenutzt und bekommt nicht, was er sich wünscht, nämlich Anerkennung und eine Gegenleistung für das Nettsein.

(Quelle: Ursula Nuber, "Wer bin ich ohne dich?", Campus-Verlag)

Oft seien Probleme und Sorgen am Arbeitsplatz die Ursache: „Die Menschen leiden unter der Verdichtung von Aufgaben. Gleichzeitig ist die Unsicherheit, ob der Arbeitsplatz überhaupt Bestand hat, eine große psychische Belastung. Depressionen werden aber immer durch viele Faktoren bedingt, etwa auch durch familiäre Probleme oder erbliche Anlagen.“

Was sich hinter der "erfolgreichen" Fassade verbirgt

Sorgen und Ängste

Da ist die Sorge, all die Aufgaben nicht zu schaffen und die Ängste, nicht beliebt und gut genug zu sein.

Schlaflose Nächte

Da sind bohrende Gedanken, ob die Kinder glücklich sind und richtig gefördert werden. Da sind die schlaflosen Nächte, in denen die Gedanken kreisen.

Kummer

Da sind der Kummer um die Figur und die Ängste vor dem Älterwerden. Da ist auch der Vergleich mit den anderen, denen das Leben (scheinbar) besser gelingt.

Ärger

Da ist der nagende Ärger, der regelmäßig unterdrückt wird. Da sind die eigenen Bedürfnisse, die viel zu kurz kommen.

Erschöpfung

Da sind die unerklärliche Traurigkeit und eine Erschöpfung, die nie richtig verschwindet.

Wut

Da ist die aufgestaute Wut, die sich in Nörgeleien und "zickigem" Verhalten oder Ungerechtigkeiten (meist den Kindern gegenüber) entlädt. Und da sind die immer wiederkehrenden Fragen: "Bin ich liebenswert?" und "Mache ich wirklich alles richtig?".

(Quelle: Ursula Nuber, "Was bin ich ohne dich?", erschienen im Campus-Verlag)

Nach Angeben von Dietrich kann eine Arbeit, die Spaß macht und weder über- noch unterfordert, das beste Antidepressivum sein. Ihm zufolge leiden etwa vier Millionen Menschen in Deutschland unter Depressionen. Aber nur etwa zehn Prozent von ihnen würden langfristig betrachtet adäquat behandelt. „Teilweise erkennen sie selbst oder auch Hausärzte nicht, dass hinter körperlichen Beschwerden wie Rückenschmerzen eine psychische Erkrankung steckt.“

Daran erkennen Sie, dass es an Selbstmitgefühl mangelt

Unzulänglichkeiten

Die meisten Frauen, denen es an Selbstmitgefühl mangelt, würden auf folgende Aussagen meist zustimmend antworten. "Wenn es um meine eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten geht, bin ich missbilligend und beurteilend."

Negative Dinge

"Wenn ich mich schlecht fühle, tendiere ich dazu, nur die negativen Dinge zu sehen."

Eigene Probleme

"Wenn die Dinge schlecht für mich laufen, betrachte ich das als Teil meines Lebens und denke, dass nur ich diese Probleme habe."

Abgeschnitten

"Wenn ich an meine Unzulänglichkeiten denke, fühle ich mich allein und vom Rest der Welt abgeschnitten."

Überwältigung

"Wenn das, was mir wichtig ist, nicht gelingt, werde ich von Gefühlen der Unzulänglichkeit überwältigt."

Niedergeschlagenheit

"Wenn ich niedergeschlagen bin, sehe ich nicht, dass es vielen Menschen auf der Welt genauso geht wie mir."

Härte

"Wenn die Zeiten wirklich schwierig sind, neige ich dazu, hart mit mir zu sein."

Das Glück der anderen

"Wenn ich mich niedergeschlagen fühle, stelle ich mir vor, dass andere Menschen wahrscheinlich glücklicher sind als ich."

Strampeln

"Wenn ich am Strampeln bin, kommt es mir vor als ob andere es leichter haben als ich."

Kaltherzig

"Wenn ich leide, kann ich ziemlich kaltherzig mir gegenüber sein."

(Quelle: Ursula Nuber, "Wer bin ich ohne dich?", Campus-Verlag)

Trotz der depressionsbedingten hohen Ausfallraten gab jeder vierte Arbeitnehmer an, seinen Arbeitgeber nicht über seine Depression unterrichtet zu haben. Jeder dritte unter ihnen erklärte, in der gegenwärtigen Wirtschaftslage um seinen Arbeitsplatz zu fürchten.

Die volkswirtschaftlichen Kosten in Europa schätzen die von der EDA zitierten Quellen auf 92 Milliarden Euro im Jahr 2010 innerhalb der Europäischen Union. Verursacht werden sie durch Fehlzeiten und die Symptome der Krankheit. Die vollständigen Ergebnisse will die EDA 2013 vorlegen.

Depression: Machen Männer Frauen krank?

Depression

Machen Männer Frauen krank?

Fünf Millionen Frauen leiden in Deutschland an einer Depression – doppelt so viele wie Männer. Dafür gibt es handfeste Gründe - in der Familie und am Arbeitsplatz. Die Psychologin Ursula Nuber erklärt, warum das so ist.

Für die Umfrage wurden vom 30. August bis zum 19. September 7065 Menschen in Europa online befragt. Die European Depression Association ist eine Allianz aus Organisationen, Patienten, Forschern und medizinischen Fachkräften aus 17 Ländern in ganz Europa.

Von

dpa

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

04.10.2012, 11:31 Uhr

H4 Wirkt!

toeasyway

04.10.2012, 11:37 Uhr

Von Depressionen werden nicht nur Arbeitnehmer befallen. Arbeitgeber sind mindestens im selben Ausmaß betroffen. Im Unterschied gibt's dazu nur keine Studien.
Zweitens liegt eine Ursache von Depressionen in einer grundsätzlich ungesunden Wirtschaftsstruktur. Maßlose Gier und maßlose Angst bestimmen das Tagwerk. Weshalb die Kostenfrage so nicht beantwortet werden kann. Jemandem das Leben zu versauen, ist mit Geld gar nicht aufzuwiegen. Das ist eine Verkehrung von Ursache und Wirkung.

Eine kranke Gesellschaft treibt kranke Blüten.

Account gelöscht!

04.10.2012, 11:56 Uhr

Nicht nur Arbeitgeber und Arbeitnehmer, werter toeasyway.

Wenn man die Aktivitäten der Politiker verfolgt, wird man erst recht depressiv - egal welchem Teil der Bevölkerung man angehört.

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